Bischof Karl-Heinz Wiesemann bei der Jahresauftakt-Pressekonferenz am 23. Januar 2020 in Speyer
Vorwürfe gegen verstorbenen Speyerer Priester Rudolf Motzenbäcker

Bischof Wiesemann geht von Missbrauch durch Ex-Generalvikar aus

Der frühere Speyerer Generalvikar und Offizial Rudolf Motzenbäcker hat sich des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht: Davon ist Bischof Karl-Heinz Wiesemann überzeugt – und zieht Konsequenzen.

Speyer - 10.12.2020

Der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann geht davon aus, dass sich der frühere Generalvikar und Offizial Rudolf Motzenbäcker des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht hat. Im Interview seiner Kirchenzeitung "Pilger" sagte Wiesemann am Donnerstag, dass drei Betroffene unabhängig voneinander Vorwürfe erhoben hätten, weil sie zwischen 1963 und 1975 von Motzenbäcker über längere Zeit missbraucht worden seien. Der 1998 verstorbene Priester war von 1959 bis 1968 Generalvikar und von 1969 bis 1995 Offizial, also oberster Jurist im Bistum.

Eine juristische Klärung ist nicht mehr möglich, weil nach deutschem Strafrecht nicht gegen Tote ermittelt wird. Ein Betroffener konnte laut Wiesemann vor einem Sozialgericht Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz einklagen. Ein wissenschaftliches Glaubwürdigkeitsgutachten kam demnach zur Überzeugung, dass der Missbrauch stattgefunden habe. Dieser sei geschehen, als der Mann als Kind und Jugendlicher in einem von den Niederbronner Schwestern geführten Kinderheim in Speyer lebte.

Veröffentlichung der Vorwürfe solle Menschen ermutigen

Wiesemann sagte, Glaubwürdigkeit und Transparenz seien für die Missbrauchsaufarbeitung zentral. Die Veröffentlichung der Vorwürfe solle Menschen ermutigen, sich ohne Angst bei den unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Diözese zu melden. Die genaue Untersuchung und Bewertung der Hinweise liege in den Händen einer unabhängigen Kommission.

Zum Stand der Aufarbeitung sagte der Bischof, die Diözese habe sich zunächst auf die juristische und seelsorgliche Aufarbeitung konzentriert. Die Generalstaatsanwaltschaften Zweibrücken und Saarbrücken seien über alle Verdachtsfälle informiert worden. Gleichzeitig hatte Wiesemann Betroffene zu Gesprächen eingeladen. Viele hätten die Einladung angenommen.

Außerdem seien ein Beraterstab "Missbrauch und Prävention" sowie ein "Runder Tisch Prävention" ins Leben gerufen worden. Die nächsten Schritte seien die Gründung eines Betroffenenbeirats und eine unabhängige Aufarbeitungskommission, der zwei Mitglieder des Betroffenenbeirats angehören sollten. Wiesemann wörtlich: "Wir haben den Willen zur restlosen Aufklärung, ohne jeden Vorbehalt." (KNA)