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Die Stimme der katholischen Kirche war in der Krise kaum vernehmbar

Neben allen Krisen und auch Fehlern wurden 2020 in der westlichen Welt wichtige Weichen gestellt, kommentiert Michael Böhnke. Aber: "Schade, dass die Stimme der römisch-katholischen Kirche in dieser Krisenzeit kaum konstruktiv vernehmbar war."

Von Michael Böhnke |  Bonn - 30.12.2020

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Mit dem Motto "Gemeinsam. Europa wieder stark machen" hat Deutschland am 1. Juli den Vorsitz im Rat der Europäischen Union für den Zeitraum vom 1. Juli bis zu 31. Dezember 2020 übernommen. Wenn heute das Britische Parlament dem Brexit-Abkommen zustimmt, wird man sagen können, dass Europa erstarkt aus der Krise hervorgegangen ist. Das dürfte nicht zuletzt dem Krisenmanagement von drei Frauen zu verdanken sein: Ursula von der Leyen, Christine Lagarde und Angela Merkel. Sie haben Europa besonnen durch die Krise geführt.

Die drei Frauen haben die Verhandlungen zum Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) für die Jahre 2021 bis 2027 zum Abschluss gebracht und zuletzt Polen und Ungarn wieder ins europäische Boot geholt. Sie haben dafür gesorgt, dass die Corona-Pandemie europaweit gemeinsam und koordiniert bekämpft wird, unter anderem durch die gemeinsame Zulassung des Impfstoffs und den gemeinsamen Start der Impfkampagne. Sie haben die Weichen für eine wirtschaftliche und soziale Bewältigung der Folgen der Coronakrise und ebenso die Weichen für eine ökologische und nachhaltige Entwicklung Europas gestellt. Der Grüne Deal, den Ursula von der Leyen vor Jahresfrist angekündigt und den die Europäische Kommission als umfassende und ambitionierte Strategie vorgelegt hat, nimmt durch den MFR konkrete Gestalt an.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Ein funktionsfähiges und krisenfestes europäisches Asylsystem lässt weiterhin auf sich warten. Horst Seehofer war hier weniger erfolgreich. Auch die Menschenrechtspolitik der Europäischen Union hat Luft nach oben. Es bleibt zu hoffen, dass Amerika mit der neuen Administration Europa in dieser Frage wieder stärker fordert. Die Bekämpfung von Rassismus und Diskriminierung gehört neben der Flüchtlingsfrage ganz oben auf die Agenda europäischer Menschenrechtspolitik.

2020 wurden in der westlichen Welt wichtige Weichen gestellt. In Europa durch drei starke Frauen, in Amerika durch die Wählerinnen und Wähler. Schade, dass die Stimme der römisch-katholischen Kirche in dieser Krisenzeit kaum konstruktiv vernehmbar war.

Von Michael Böhnke

Der Autor

Michael Böhnke ist Professor für systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Ethik-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands.

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