Weihbischof Losinger kritisiert Theologen-Vorstoß zu Suizidbeihilfe
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Ball der aktiven Sterbehilfe werde auf fatale Weise beschleunigt

Weihbischof Losinger kritisiert Theologen-Vorstoß zu Suizidbeihilfe

Es entstehe eine schiefe Ebene, "die den Ball der aktiven Sterbehilfe auf fatale Weise beschleunigt und ins Rollen bringt": Weihbischof Anton Losinger übt scharfe Kritik am protestantischen Appell pro Suizidbeihilfe in kirchlichen Einrichtungen.

Augsburg - 12.01.2021

Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger lehnt den Appell prominenter protestantischer Theologen ab, einen assistierten professionellen Suizid in kirchlichen Einrichtungen zu ermöglichen. "Damit ist eine schiefe Ebene begründet, die den Ball der aktiven Sterbehilfe auf fatale Weise beschleunigt und ins Rollen bringt. Sie erfordert Einspruch und Einhalt", teilte Losinger am Montag mit. Das Mitglied des Bayerischen Ethikrates ergänzte: "Begleitet vom sanften und stetigen Druck auf pflegebedürftige und alte Menschen, die den Angehörigen nicht zur Last fallen zu wollen, kommt der Stein unweigerlich ins Rollen."

Nicht Konzepte zur Ermöglichung des assistierten Suizids seien die richtige Antwort auf prekäre Situationen am Lebensende, mahnte Losinger. Vielmehr brauche es Hilfe, Zuwendung und die Entwicklung von Lebensperspektiven. "In den wenigsten Fällen handelt es sich um eine verantwortliche Tat der Freiheit. In meisten Fällen ist es ein Hilferuf an die Gesellschaft! Gute Pflege, professionelle Palliativversorgung und Ausbau der Hospizidee sind die Instrumente."

Forderung und Gegenwind

Protestantische Theologen hatten in einem Gastbeitrag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Montag) dafür plädiert, in Deutschland einen assistierten professionellen Suizid auch in kirchlichen Einrichtungen zu ermöglichen. Dies könne bedeuten, "abgesicherte Möglichkeiten eines assistierten Suizids in den eigenen Häusern anzubieten oder zumindest zuzulassen und zu begleiten", schreiben unter anderen der Vorsitzende der Kammer für öffentliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Reiner Anselm, sowie der Präsident des evangelischen Wohlfahrtsverbandes Diakonie, Ulrich Lilie.

Die Forderung führte in Kirchenkreisen zu viel Gegenwind. Der Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Matthias Kopp, widersprach der Position der Autoren und betonte, kirchliche Einrichtungen seien der christlichen Hoffnungsbotschaft und damit der Förderung des Lebens verpflichtet. Ein Angebot des assistierten Suizids sei damit unvereinbar. Auch der Deutsche Caritasverband übte Kritik. "In katholischen Einrichtungen kann es kein solches Angebot geben. Die Aufgabe der Einrichtungen kann nicht darin bestehen, möglicherweise den Suizid von Bewohnern zu organisieren", sagte Präsident Peter Neher. Schließlich distanzierte sich die EKD selbst. "Jede organisierte Hilfe zum Suizid, die dazu beiträgt, dass die Selbsttötung zur Option neben anderen wird, lehnt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ausdrücklich ab", teilte ein EKD-Sprecher mit.

Das Bundesverfassungsgericht hatte im Februar 2020 das 2015 vom Bundestag beschlossene Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung aufgehoben. Die Richter betonten, es gebe ein umfassendes Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Darin sei die Freiheit eingeschlossen, die Hilfe Dritter in Anspruch zu nehmen. Für Aufsehen und Kritik sorgte im vergangenen Jahr bereits der evangelische Landesbischof Ralf Meister aus Hannover, der Sterbehilfe als Akt der Barmherzigkeit nicht ausschließen wollte und die Durchführung auch in kirchlichen Einrichtungen ins Spiel brachte. (tmg/KNA)