Ordensmeister P. Gerard Timoner und Papst Franziskus
Pater Gerard Timoner: Erster Asiate an der Spitze des Predigerordens

Ordensmeister der Dominikaner: "Europa ist heute Missionsgebiet"

Dieses Jahr gedenken die Dominikaner des 800. Todestages ihres Gründers: Eigentlich sollten zahlreiche Feierlichkeiten an Dominikus erinnern, doch dann kam Corona. Im katholisch.de-Interview erzählt Ordensmeister Pater Gerard Timoner, warum das kein Drama ist und was Mission heute bedeutet.

Von Roland Müller |  Rom - 19.05.2021

Erstmals befindet sich mit Pater Gerard Francisco Timoner ein Asiate an der Spitze des Predigerordens. Der Ordensmeister der Dominikaner betont im Interview zwar, dass der Orden dadurch nicht "asiatisiert" werde, doch er erklärt auch, wie ihn seine Herkunft prägt. Zudem gibt er einen Einblick in die Synodalität des Dominikanerordens, von der auch die gesamte Kirche etwas lernen könne.

Frage: In diesem Jahr feiert der Dominikanerorden ein Jubiläumsjahr: den 800. Todestag seines Gründers, des heiligen Dominikus. Nun hat Ihnen Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht und viele Veranstaltungen können nicht stattfinden. Feiern Sie trotzdem?

Timoner: Natürlich waren Pilgerfahrten und andere Veranstaltungen geplant, doch wegen der Pandemie ist das leider nicht möglich. Aber das ist gar nicht so traurig, denn der Orden hat unter meinem Vorgänger Bruno Cadoré im Jahr 2016 bereits das 800. Jubiläum seiner Gründung gefeiert. Außerdem steht der heilige Dominikus bei den Feierlichkeiten zu seinem Todestag nicht allein im Zentrum, sondern es geht vielmehr um seine Berufung zur Predigt, die sich im Orden manifestiert hat. Deshalb haben wir beim Jubiläum bewusst das Bild von Mascarella in den Vordergrund gestellt, die erste Darstellung von Dominikus nach seiner Heiligsprechung, die ihn beim gemeinsamen Mahl an einer Tafel mit seinen Mitbrüdern zeigt. Wir feiern unseren Gründer also nicht als Heiligen, der als Einzelner an herausragender Position steht. Wir betonen damit die gemeinsame Mission aller Predigerbrüder und -schwestern. Kardinal Zuppi, der Erzbischof von Bologna, wo sich das Grab des Dominikus befindet, sagte mir angesichts der Corona-Situation mit einem Schmunzeln: "Das wird Dominikus gefallen: Er liebt es, im Hintergrund zu bleiben." Ich glaube, da hat er Recht. (lacht) Aber wir feiern im kleinen Rahmen in unseren Provinzen und Gemeinschaften natürlich trotzdem – so, wie es zu Dominikus passt. Es gibt viele Heilige des Dominikanerordens, die wesentlich berühmter als unser Gründer sind, etwa Albertus Magnus, Thomas von Aquin oder Katharina von Siena. Sie und viele andere stehen im Vordergrund, Dominikus bleibt im Hintergrund.

Frage: Auch viele andere Ordensgründer, wie Franz von Assisi oder Ignatius von Loyola, sind wesentlich bekanntere Heilige als Dominikus. Ist seine relative Unbekanntheit eher ein Segen oder ein Fluch für den Predigerorden?

Timoner: Ich denke, es ist eher ein Segen. Denn dadurch steht nicht die Person Dominikus im Vordergrund, sondern seine Botschaft und die Mission des Ordens. Unser Gründer ist keine schillernde Persönlichkeit wie der heilige Franziskus und sein Leben hat keine dramatische Bekehrung aufzuweisen wie das des heiligen Ignatius. In diesem Sinne ist Dominikus vielleicht sogar etwas langweilig. (lacht) Man kann nicht unbedingt einen guten Film aus seinem Leben machen, denn es fehlt das Kontroverse und Dramatische. Aber das finde ich sehr gut, denn so werden wir nicht von der Person unseres Gründers bestimmt, sondern von seiner Mission zum Wohl der Menschen und der Kirche. Bezeichnenderweise ist vom Gründer des Predigerordens keine einzige Ansprache oder Homilie überliefert. Ironisch, oder? (lacht) Das scheint mir von der Vorsehung so gedacht zu sein. Der von ihm gegründete Orden ist seine Predigt durch die Jahrhunderte. Dabei verkünden die Dominikanerinnen und Dominikaner das Evangelium auf sehr unterschiedliche Weise: durch die Predigt im Gottesdienst, im Alltag, durch die Kunst, im Einsatz für Gerechtigkeit oder im Dialog zwischen Theologie und Wissenschaft.

Frage: Was bedeutet der Begriff Predigt heute für den Orden – etwa angesichts der Herausforderungen, vor denen die Kirche in Europa derzeit steht?

Timoner: Es ist sehr interessant, dass auch nach 800 Jahren die Herausforderungen der Kirche die gleichen zu sein scheinen. Dominikus hat damals im Spätmittelalter gesehen, dass es einer neuen Art der Verkündigung des christlichen Glaubens bedurfte. Heute würde man dazu Neuevangelisierung sagen. Aktuell ist das wieder sehr wichtig. Dazu kann ich Ihnen eine Anekdote erzählen: Vor einigen Jahren habe ich mich gegenüber einer anderen Person als Dominikaner vorgestellt und sie sagte dann zu mir, dass ich "mittelalterlich" wäre, weil in dieser Epoche unser Orden gegründet wurde. Darauf habe ich geantwortet: "Nein, ich bin klassisch." (lacht) Der Predigerorden ist klassisch, weil er zeitlos ist, aber in unterschiedlichen Zeiten etwas zu sagen hat. Europa ist heute ein Missionsgebiet, es benötigt Prediger, Verkünder des Glaubens. Mir kommt die Geschichte eines jungen Mitbruders aus Europa in den Sinn, der von seinen Eltern nicht getauft oder christlich erzogen wurde. Als junger Mann fand er schließlich zum Glauben, wurde Christ und trat in den Orden ein. Er führte auch seine Mutter an die Kirche heran. Ich habe zwar keine genauen Zahlen, aber meiner Erfahrung nach sind viele junge Menschen in Europa so. Dazu beigetragen hat eine Generation von Eltern, die der Religion keine große Bedeutung beigemessen hat. Aus meiner Sicht ist es also nicht so, dass die jungen Leute die Kirche verlassen. Die meisten haben sie noch gar nicht betreten, aber sie sehnen sich im Grunde ihres Herzens nach Gott und dem Glauben. Sie brauchen christliche Vorbilder, denen sie vertrauen können, bei denen sie spüren, dass es etwas Besonderes in der Kirche zu finden gibt. So muss Evangelisierung in Europa und anderswo passieren. Das ist ein Zeugnis, das nicht nur von Priestern oder Ordensleuten gegeben wird, sondern noch viel mehr von den Laien, von allen Gläubigen. Ich finde es deshalb auch sehr interessant, dass die Laien in der Familie unseres Ordens bei weitem die größte Gruppe stellen.

Ordensmeister P. Gerard Timoner

Seit 2019 ist Pater Gerard Francisco Timoner OP Ordensmeister der Dominikaner. Der von den Philippinen stammende Timoner ist der erste Asiate an der Spitze des Predigerordens, der im 13. Jahrhundert vom heiligen Dominikus gegründet wurde. Papst Honorius III. bestätigte 1216 die Regel des Ordens.

Frage: In Europa sinken die Zahlen der Priester stetig. Bekommen dadurch die Laien eine größere Bedeutung in der Kirche?

Timoner: Nicht nur in Europa, in der ganzen Kirche werden die Laien wichtiger werden. Eigentlich ist das schon seit Beginn der Kirche so. Wenn Kleriker ihr Amt als Dienst verstehen, ist alles in Ordnung, aber wenn man davon ausgeht, dass in der Kirche nur der etwas zählt, der geweiht ist, dann ist das ein Problem. Das Zweite Vatikanische Konzil hat herausgestellt, dass Priestertum immer ein Dienst sein muss. Es ist unser Job als Kleriker, dem allgemeinen Priestertum – den Laien – zu dienen. Die Kirche muss sich wieder darauf besinnen, dass alle Gläubigen Anteil am Priestertum haben. Diese neue Idee ist eigentlich eine sehr alte und findet sich auch in unserem Orden: Es gibt dort seit seiner Gründung Priester, Nonnen, Schwestern und Laien.

Frage: Spüren Sie im Dominikanerorden auch den einen Rückgang von Priesterberufungen?

Timoner: Die Herausforderung des Priestermangels ist in Europa größer und akuter, aber es gibt sie in der ganzen Weltkirche – auch in unserem Orden. Ein Blick auf die Zahlen zeigt das: Es gibt 43 Provinzen der Brüder, 20 davon befinden sich in Europa. 47 Prozent unserer Priester leben in Europa. Im Studentat sind es jedoch nur noch 32 Prozent, die in Europa leben; diese Zahl geht eindeutig nach unten. Im Noviziat sind es 29 Prozent in Europa, noch einmal weniger. In Europa gibt es auch mehr ältere Brüder als in Afrika oder Asien. Die Demografie wird den Orden in zehn bis 20 Jahren also sehr verändern. Vor hundert Jahren, zu Beginn der 1920er-Jahre, hatte der Orden etwa gleich viele Mitglieder wie heute, sechs bis sieben Tausend Brüder. Aber damals hatte etwa die Provinz der Niederlande 500 Brüder. Stellen Sie sich das vor, so ein kleines Land, in dem es heute nur noch wenige Dominikaner gibt. Aber damals gab es auch noch keine Provinzen in Nigeria oder auf den Philippinen. Die Zahlen bleiben insgesamt also stabil, aber die geografische Verteilung des Ordens hat sich sehr gewandelt. In der gesamten Kirche ist es ähnlich.

Frage: Sie sind der erste Asiate im Amt des Ordensmeisters. Ein Zeichen für einen Umbruch in Ihrer Gemeinschaft?

Timoner: Einige Menschen sehen das so. Ich würde eher sagen, dass es ein Zeichen für die Katholizität des Ordens ist. Der Dominikanerorden ist universal und deshalb kann der Ordensmeister von überallher kommen. Ich komme von den Philippinen und in diesem Jahr feiern wird das 500. Jubiläum der ersten Taufe und ersten Heiligen Messe auf dem Boden unseres Landes. Nach europäischen Standards sind wir jung. (lacht) Das Motto der Feierlichkeiten ist: "Beschenkt, um zu schenken". Weil wir etwas erhalten haben, wissen wir, dass wir es weitergeben müssen. Wir haben den christlichen Glauben von den spanischen Missionaren erhalten, die deshalb den Ozean überquerten. Heute ist interessanterweise der päpstliche Nuntius in Spanien ein Filipino, Erzbischof Bernardito Auza – übrigens Mitglied einer Priestergemeinschaft des Dominikanerordens. Es ist also ein Kreislauf des Empfangens und Weitergebens des Glaubens.

Das Bildnis aus der Kirche Santa Maria della Mascarella in Bologna ist eine der ältesten Abbildungen des heiligen Dominikus. Es wurde nach der Heiligsprechung des Ordensgründers 1234 angefertigt und zeigt ihn beim Mahl mit seinen Mitbrüdern.

Frage: Ihre Sicht auf die koloniale Vergangenheit ist sehr wohlwollend, aber in den aktuellen Debatten wird zunehmend kritisiert, dass die Eroberer den unterworfenen Ländern ihren Glauben aufgedrängt haben. Sehen Sie das auch so?

Timoner: Ja, das ist richtig – aber nicht komplett. Natürlich hat der Kolonialismus schwierige Strukturen hinterlassen. Es gab über Jahrhunderte Missbrauch von Macht, auch durch die Kirche. Aber oft wird durch Historiker und Journalisten nicht darauf eingegangen, was auch positiv daran war, dass etwa die Spanier auf die Philippinen gekommen sind. Vielleicht auch, weil es sich nicht gut verkauft oder nicht zu kontrovers ist. Wenn man jedoch auf die Rekrutierungsbriefe für die ersten Dominikaner schaut, die von Europa aus gen Osten gefahren sind, dann bekommt man ein Gefühl dafür, was das für Menschen gewesen sein müssen. Ihnen wurden alle Nachteile der weiten Reise auf dem unsicheren Meer aufgezählt. Aber es wird auch davon gesprochen, dass die Missionare die Sprache der Einheimischen lernen sollten, um ihnen so den Glauben zu verkünden. Bevor es überhaupt den Begriff Inkulturation gab, wussten diese Ordensleute instinktiv, was es damit auf sich hatte. Aus dem 16. Jahrhundert stammt auch die erste Übersetzung des Vaterunsers in die philippinische Landessprache, die lautet: "Unseren täglichen Reis gib uns heute." Aus meiner Sicht ist Kolonialisierung also nicht nur ein Aufzwängen von Fremdem, sondern auch ein Eingehen auf andere Kulturen. Domingo de Salazar, der erste Bischof von Manila und ein Dominikaner, trat zudem für die Verteidigung der Rechte der Indigenen ein – egal ob sie Christen waren oder nicht. Die Missionare haben dazu beigetragen, dass Kolonisierung nicht nur Unterdrückung bedeutete. Die Vorstellung der gleichen Würde für alle Menschen stammt aus dem Christentum.

Frage: Machen Sie als erster Asiate an der Spitze des Ordens etwas anders als Ihre Vorgänger? Haben Sie eine andere Sicht auf den Predigerorden?

Timoner: Natürlich habe ich meine ganz eigene Sicht auf den Orden, die in meiner Biografie begründet liegt. Aber man darf nicht vergessen, dass der Orden vom Generalkapitel geleitet wird. Dieses höchste Gremium des Ordens ist ein Symbol der Universalität, der Katholizität des Ordens. Die Aufgabe des Ordensmeisters besteht darin, die Beschlüsse des Generalkapitels umzusetzen. Die Mitglieder des Generalkonsils, des Beratungsgremiums des Ordensmeisters, kommen aus der ganzen Welt. Es gibt eine umfangreiche Perspektive aufgrund der Diversität, die so eingebracht wird. Ich habe eine andere Perspektive, ein anderes Denken als mein Vorgänger, der Franzose war, aber man kann nicht sagen, dass der Orden dadurch "asiatisiert" würde, denn er ist universal ausgerichtet.

Frage: Was meinen Sie damit, wenn Sie davon sprechen, ein anderes Denken einzubringen?

Timoner: Etwa eine gewisse Art von Sensibilität für unterschiedliche Kulturen. Die Bedeutung von Interkulturalität ist allen bekannt, aber wird unterschiedlich erfahren. Ich habe eine mehr oder weniger westlich ausgerichtete Ausbildung genossen, bin aber in einem asiatischen Kontext aufgewachsen. Der Dialog mit und der Einsatz für die Armen und Marginalisierten wurde von der Kirche in Lateinamerika gefördert. Für Papst Franziskus, der aus Argentinien stammt ist deshalb soziale Gerechtigkeit so wichtig. In Afrika findet man eher die Sensibilität für kulturelle Unterschiede. Über die Kirche in Asien sagt man, dass sie in einem dreifachen Dialog stehe: mit den Armen, mit unterschiedlichen Kulturen und mit verschiedenen Religionen. Alle Weltreligionen stammen aus Asien. Bezogen auf den gesamten asiatischen Kontinent ist das Christentum eine Minderheitenreligion. In meinem Heimatland nicht, aber in der Gesamtsicht auf Asien schon. In Europa gibt es das alles natürlich auch, aber die verschiedenen Religionen und Kulturen sind sich sehr ähnlich. In Asien sind sie hingegen sehr unterschiedlich. Man reist von einem asiatischen Land in ein anderes und man ist in einer anderen Welt. Ich denke, das ist die Perspektive, die ich durch mein Amt in den Orden einbringen kann, denn dieser Dialog ist ein wichtiger Teil meiner selbst.

Der heilige Dominikus.

Der heilige Dominikus ist der Gründer des Predigerordens. Er ist kein so populärer Heiliger wie Franz von Assisi oder Ignatius von Loyola. Für Ordensmeister Pater Gerard Timoner ist das eher Segen als Fluch.

Frage: Der Dominikanerorden ist auf der ganzen Welt verbreitet und in den einzelnen Provinzen durchaus unterschiedlich ausgerichtet mit Blick auch Theologie und Spiritualität. Das sieht man etwa, wenn man die eher liberalen Dominikaner in Deutschland mit den etwas konservativeren Brüdern in den USA vergleicht. Wie können Sie angesichts dieser Diversität den Orden zusammenhalten?

Timoner: Sie haben Recht, unser Orden ist hier sehr unterschiedlich. Das hat aus meiner Sicht auch mit den unterschiedlichen Generationen von Dominikanern zu tun: Die älteren gehören zur Generation des II. Vatikanums, das viele Neuerungen brachte und der Befreiungstheologie den Weg geebnet hat. Das wird manchmal als "liberal" bezeichnet, obwohl ich gegen diese Labels bin, denn die Realität ist komplexer als einfache Bezeichnungen. Und es gibt die anderen, die sich vielleicht eher nach einer Kirche der Vergangenheit sehnen oder nach einer neuen Kirche, die klassisch ausgerichtet ist, mit einem Schwerpunkt auf Liturgie und Scholastik. Diese unterschiedlichen Ansichten und Standpunkte gibt es nicht nur im Orden, sondern in der ganzen Kirche. Die Frage ist, wie man diese Differenzen zusammenbringt. Das ist eine Aufgabe, die es seit Beginn der Kirche gibt. Schauen Sie auf das sogenannte Apostelkonzil in Jerusalem mit Petrus und Paulus. Hätte es damals schon Journalisten gegeben, hätten sie wahrscheinlich getitelt: "Schreidebatte zwischen den Aposteln". (lacht) Aber sie haben ihre Differenzen durch Dialog gelöst. Heute werden Differenzen in der Kirche idealerwiese durch Konzile oder Synoden gelöst. Im Dominikanerorden ist es das Kapitel. Unsere Verfassung ist synodal im eigentlichen Wortsinn, denn es bedeutet, gemeinsam auf dem Weg zu sein. Es ist Gemeinschaft verstanden in einem dynamischen Sinn. Dabei gibt es hin und wieder so etwas wie Schreigefechte, so wie in Jerusalem, denn die unterschiedlichen Vertreter treten leidenschaftlich für ihre Positionen ein. Eine synodale Verfassung ist wie eine Autobahn, denn sie lässt Platz für verschiedene Spuren, die zum gleichen Ziel führen: Einige sind schneller und andere langsamer, einige fahren links und andere rechts und wieder andere in der Mitte. Aber man darf niemals vergessen, dass alle auf dem gleichen Weg sind. Es ist eine Tragödie, dass Menschen etwa auf der rechten Spur annehmen, dass die auf der linken Spur auf einem anderen Weg sind. Das ist falsch – und andersherum genauso. Man darf in der Kirche unterschiedlich sein; wir sind divers, aber genau das bedeutet das Wort katholisch ja. Manchmal gibt es auch Menschen, die eine Autopanne auf dem Weg haben und liegengeblieben sind, aber man sollte nicht vergessen, dass sie noch auf dem Weg sind. (lacht)

Frage: Papst Franziskus spricht viel von Synodalität. Was kann er, was kann die Kirche vom Dominikanerorden, der sehr demokratisch verfasst ist, lernen?

Timoner: Ich bin Mitglied der Internationalen Theologenkommission des Vatikan und war ein Teil der Gruppe, die das Papier "Die Synodalität in Leben und Sendung der Kirche" aus dem Jahr 2018 verfasst hat. Als wir in der Gruppe zu diesem Thema gebrainstormt haben, kam mir als erste Idee mein Orden in den Sinn: Unser System der Kapitel, der Konsile und demokratischen Ämtervergabe. Natürlich kommen dabei Differenzen zutage, aber wenn einmal eine Entscheidung getroffen wurde, ist es ein Beschluss, der von allen angenommen wird. So bewahren wir unsere Einheit und Gemeinschaft. Synodalität bedeutet, den anderen zu verstehen versuchen, selbst wenn man nicht mit ihm übereinstimmt. Synodalität bedeutet auch das Recht, nicht einer Meinung zu sein, ohne die Gemeinschaft aufzukündigen. Es ist ein wenig paradox, denn bei einer Synode kommen Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zusammen, und es gibt das Ziel, Gemeinschaft zu wahren. Aber nachdem alle gehört wurden, versucht man durch eine Entscheidung aller in der Mitte zu bleiben. Ich glaube, dass die Synodalität einer der Gründe ist, warum sich der Dominikanerorden in den 800 Jahren seines Bestehens nicht aufgespalten hat – anders als andere Orden, in denen es Zerwürfnisse gab. Die Kirche kann also von der gemeinschaftlichen und synodalen Verfassung der Dominikaner viel lernen.

Frage: Nun braucht Synodalität auch viel Zeit, die die Kirche etwa nach Ansicht vieler reformwilliger Gläubiger in Deutschland nicht hat. Ein Beispiel ist die Forderung nach der Weihe für Frauen…

Timoner: Auseinandersetzungen wie diese sind eine Konsequenz davon, in der Kirche alle Positionen zuzulassen. Bei solch strittigen Themen einen Konsens zu finden, ist sehr schwierig und kann nur mithilfe des Heiligen Geistes geschehen. Er beflügelt die Herzen und Geister von Männern und Frauen. Bei diesem Thema ist es aus meiner Sicht sehr wichtig, auf das Thema Klerikalismus zu blicken. Wenn man nur als Kleriker, also nach Empfang des Weihesakraments Macht und Autorität in der Kirche hat, widerspricht das im Grunde der Idee des Priestertums. Bischöfe sollten bei der Ausübung ihres Amtes nicht vergessen, dass sie zuvor Diakone waren, also Diener. Das ist die Grundlage des Weihesakraments sowie des priesterlichen und bischöflichen Dienstes. Wenn das vergessen wird, greift Klerikalismus um sich.

Von Roland Müller