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Kritik an Boris Johnsons Hochzeit ist verständlich – und doch falsch

Warum durfte ein geschiedener Mann wie Boris Johnson in der katholischen Kirche heiraten? Diese Frage stellen sich die Kritiker des britischen Premiers. Roland Müller versteht die Vorbehalte, warnt jedoch vor zu schnellen Urteilen.

Von Roland Müller |  Bonn - 02.06.2021

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Von "Hintertürchen" war die Rede und von "Doppelmoral": Die katholische Hochzeit des britischen Premierministers Boris Johnson hat besonders in der englischsprachigen Öffentlichkeit zu großer Kritik geführt. Die Empörung darüber ist einerseits nachvollziehbar, denn der konservative Politiker lebte bislang offensichtlich nicht nach den Moralvorstellungen der Kirche: Johnson war bereits zwei Mal verheiratet, hat mindestens ein Kind aus einer unehelichen Partnerschaft und ist für seine populistische Politik bekannt. Zudem hat er eine bewegte Beziehung zur Kirche, denn obwohl er katholisch getauft und erzogen wurde, ließ er sich während seiner Schulzeit in der anglikanischen Kirche konfirmieren – weshalb einige Journalisten und Theologen davon ausgehen, dass sich Johnson damit die Exkommunikation zugezogen hat. Kurzum: Der auch als BoJo bekannte Staatsmann ist keineswegs ein Musterkatholik.

Viele Kritiker vergessen jedoch, dass die Sakramente der Kirche keine Belohnung für vermeintlich perfekte Katholiken sind, sondern "ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen", wie es Papst Franziskus in "Amoris laetita" mit Blick auf die Eucharistie ausgedrückt hat. Johnson muss sich also zurecht nicht dafür rechtfertigen, heiraten zu können, sondern er darf es als Christ einfach. Das in Frage zu stellen, wäre falsch. Dennoch bleibt wohl bei zahlreichen Menschen ein "Geschmäckle" aufgrund der Möglichkeit einer katholischen Trauung für einen zweifach Geschiedenen zurück.

Johnsons vorherige Ehen wurden zwar nicht in einer Kirche geschlossen und waren daher nach katholischem Kirchenrecht nicht gültig. Doch es fühlt sich für wohl viele Menschen nicht richtig an, dass dieser umstrittene Politiker trotz seiner schwierigen religiösen Vita kirchlich heiraten darf, während gläubige Katholiken, die sich vielleicht in einer Kirchengemeinde engagieren und ihre Kinder christlich erziehen, auch nach einer Trennung aus nachvollziehbaren Gründen nicht zum zweiten Mal heiraten dürfen.

Die Diskussion um Boris Johnsons katholische Hochzeit zeigt daher exemplarisch, wie weit weg das Eherecht der Kirche vom Empfinden vieler normaler Menschen steht. Aber auch, dass dieses Rechtsempfinden von Vorverurteilungen geprägt sein kann, denn nicht nur vorbildliche Katholiken haben ein Recht auf die Sakramente – und können sich im besten Fall vielleicht sogar von ihnen verändern lassen.

Von Roland Müller

Der Autor

Roland Müller ist Redakteur bei katholisch.de

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