Kirche im Internet heißt nicht nur Mess-Stream

Wie völlig neue pastorale Formate in der digitalen Welt aussehen können

Aktualisiert am 06.06.2021  –  Lesedauer: 

Bochum ‐ Die Kirche im Internet beschränkt sich oft noch auf Gottesdienst-Streams und Webseiten. Es ist aber noch viel mehr möglich, betont die Religionswissenschaftlerin Anna Neumaier im katholisch.de-Interview. Dafür brauche es aber den richtigen Rahmen.

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Die Welt wird jeden Tag digitaler, das "Internet der Dinge" hat einige Bereiche des Alltags schon erobert. Wie kann aber auch die pastoral, das Glaubensleben digitaler werden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Religionswissenschaftlerin Anna Neumaier, die am Zentrum für angewandte Pastoralforschung der Universität Bochum das Kompetenzzentrum "Digitale religiöse Kommunikation" leitet. Im Interview mit katholisch.de spricht sie über Chancen, Fehlstellen und Herausforderungen einer digitalen Pastoral.

Frage: Frau Neumaier, welche pastoralen Möglichkeiten bietet das Internet?

Neumaier: Momentan wird dieses Thema oft im Hinblick auf die Pandemiebedingungen gesehen – und das passt auch gut, weil es zwei unterschiedliche Sachen vor Augen führt: Erstens hat Corona gezeigt, dass das Internet in solchen Krisenzeiten ein Ersatz sein kann, dass man schnell Gottesdienste online stellen und streamen kann. In Umfragen und Studien wird bei diesen Angeboten aber auch deutlich: Neue Leute werden erreicht – und das hat mit Corona per se erstmal nichts zu tun. Denn nun haben auch Menschen Zugang zum Gottesdienst, die vorher nicht in die Kirche gekommen sind, etwa, weil sie immobil sind, in Schicht arbeiten oder kleine Kinder im Haus haben. Zweitens gab und gibt es digitale Angebote, die etwas ganz anderes sind als traditionelle Verkündigungsformate. In diesen anderen Formaten wird eine besondere Chance des Digitalen sichtbar: Menschen zu erreichen, die von anderen Kommunikations- und Austauschformen bislang nicht erreicht werden. Es geht um Leute, die nicht in der Kirche sitzen und einer Predigt lauschen wollen, sondern denen ein starker persönlicher Bezug wichtig ist – etwa bei vielen Menschen auf Instagram, die sehr persönlich über ihren Glauben reden und stärker in den Austausch und die Diskussion gehen. Das ist bei Social-Media-Plattformen niedrigschwelliger möglich als im klassischen Gemeindeleben.

Frage: Die Kritik an der Kirche im Digitalen ist ja, dass oft Offline-Angebote lediglich dupliziert werden. Wie können digitale Formate aussehen, die anders sind und damit den schwierigen Sprung über die eigene kirchliche Bubble hinaus schaffen können?

Neumaier: Natürlich, Streams erinnern sehr an die Form der Fernsehgottesdienste, das ist nichts Neues. Sie sind aber als Ersatz für Präsenzgottesdienste nötig, deshalb will ich sie nicht in Frage stellen. Die Frage ist aber eben: Sind Formate denkbar, die sich noch stärker auf die eigene Logik digitaler Medien einlassen und deren Möglichkeiten nutzen, also andere Formen von Interaktion, Gemeinschaft und Autoritätsstrukturen?

Dazu kommt die Möglichkeit, Leute jenseits der Kirchenbubble zu erreichen. Doch wie weit will man diesen Kreis ziehen? Meines Erachtens wäre es eher eine unrealistische Hoffnung, Leute zu erreichen, die überhaupt keinen Bezug zu Kirche oder Religion haben. Es besteht aber die Chance, Menschen zu erreichen, die zwar einen Bezug dazu haben, aber von den traditionellen Angeboten aus ganz verschiedenen Gründen nicht abgeholt werden: Inhaltlich, wegen des Formats oder aus pragmatischen Gründen. Da zeigt das Internet alternative Formen, von denen übrigens wiederum auch Gemeinden vor Ort lernen können. Es ist nicht so, dass alle Online ausprobierten Dinge nur dort möglich sind – Interaktionsmodelle können auch in Offline-Settings übertragen werden.

Frage: Wie kann das konkret aussehen?

Neumaier: Online finden die klassischen Autoritätsstrukturen zunächst einmal nicht statt. Es gibt sie natürlich, das Verhältnis auch von Influencern und Followern ist etwas abschüssig, so egalitär wie in der Frühzeit des Internets erhofft ist das nicht. Aber die Karten werden zunächst einmal neu gemischt: Es gibt andere Formen des Kollektivs und zum Beispiel Frauen können andere Rollen einnehmen. Daraus erwachsen dann auch andere Formen des Austauschs – auch über persönlichere Themen. Manche Menschen wollen über ihre religiöse Lebensführung, Geschlechterrollen, Partnerschaftsfragen und Sexualität nicht in ihrer Gemeinde sprechen – online aber sehr wohl. Es werden also andere Bedürfnisse abgedeckt. Wie man das gut in die Offline-Welt transferieren kann, ist der nächste Schritt, über den man sich Gedanken machen könnte.

Bild: ©Privat

Die Religionssoziologin Anna Neumaier.

Frage: Gibt es schon ein Format, das diese Anforderung an eine neue Form der Kommunikation und neue Themen erfüllt?

Neumaier: Da gibt es viele unterschiedliche Formate. Bei denen ist aber immer klar: Man kommuniziert sehr zielgruppenorientiert. Vielleicht hat man eine Botschaft, die eigentlich für alle wichtig ist – aber das Internet lehrt, verstärkt darauf zu achten, an wen man eine Botschaft kommunizieren will. Man sieht zum Beispiel bei Instagram viele Einzelaccounts, aber auch Netzwerke und Kollektive wie das Feministische Andachtskollektiv oder das Jeda-Netzwerk, die mit ihrer Spiritualität gleichzeitig bestimmte politische Standpunkte vertreten und das mit einer sehr persönlichen Botschaft verbinden. So bildet sich eine sehr spezifische Zuhörerschaft heraus, die dort mit ihren Anliegen und Themen einen Ort findet.

Frage: Sie haben wieder von Zuhörerschaft gesprochen. Bei Influencern ist das ja auch ein Sender-Empfänger-Verhältnis. Wie können die Nutzenden selbst aktiv werden und die Zuschauerrolle verlassen?

Neumaier: Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Das hängt auch von den Plattformen ab, etwa bei Instagram: Es gibt eine technisch vermittelte Kommunikation, die nicht auf Augenhöhe ist, es gibt einen Gastgeber und viele Gäste. Am Ende liegt alles in der Hand der Person, der der Kanal gehört.

Daneben gibt es andere Plattformen, die anders funktionieren: Beispielsweise ist Twitter deutlich partizipativer und weniger personenbezogen. Daher ist immer die Einstiegsüberlegung wichtig, welche Plattform zum eigenen Projekt passt.

Frage: Soziale Netzwerke bergen auch Gefahren, die immer mehr wahrgenommen werden: Hasskommentare, Fundamentalismus, Fake-News. Wie groß sehen Sie die Gefahr in der digitalen Pastoral?

Neumaier: Das Wort "Gefahr" ist mir häufig für die besprochenen Themen zu dystopisch. Man darf aber nicht blind werden für neue Exklusionen, denn auch im Internet sind nicht alle gleich und können nicht alle gleichermaßen mitmachen. Das betrifft zum Beispiel Menschen mit Behinderungen, das Digitale hat für manche Vorteile, für andere stellt es auch ganz neue Hürden auf. Diese Mechanismen zu bedenken, halte ich für sehr wichtig. Ich glaube allerdings auch, dass diese Gefahr im Bezug auf unterschiedliche Altersgruppen geringer ist als man denkt, da mittlerweile fast alle online sind. Gerade auf Drittplattformen ist zudem das Thema Datenschutz virulent.

„Vielleicht hat man eine Botschaft, die eigentlich für alle wichtig ist – aber das Internet lehrt, verstärkt darauf zu achten, an wen man eine Botschaft kommunizieren will.“

—  Zitat: Anna Neumaier

Frage: Das heißt, es geht um Teilöffentlichkeiten, die erschlossen werden können und Exklusion, die stattfindet. Ist die größte Kunst also die richtige Moderation?

Neumaier: Wenn man von der Seite der Veranstaltenden ausgeht, ja. Das ist eine Herausforderung, der sich dann viele Leute konkret stellen müssen, mit Hasskommentaren, Fake-News und so weiter. Das muss eingefangen und die eigene Positionierung immer wieder neu überdacht werden. Weiterhin wichtig ist die Überlegung, was eigentlich das Ziel eines Projekts ist. Häufig wird hinterher auf die Klickzahlen als Erfolgskriterium geguckt. Aber darum darf es aus pastoraler Sicht nicht ausschließlich gehen. Sondern: Was will ich in der Kommunikation bei meinem Gegenüber erreichen? Manchmal bleiben solche inhaltlichen Ziele etwas unausgesprochen.

Frage: Was würden Sie sich von der Kirche im Digitalen noch wünschen?

Neumaier: Es gibt schon viele schöne Projekte, auch schon länger. Häufig waren das im Anfang Projekte von ganz engagierten Einzelpersonen, die darum kämpfen mussten. Es ist immer schön, wenn es da eine stärkere strukturelle Unterstützung und eine Fehlerkultur gibt, denn viel hat auch mit Ausprobieren zu tun. Manche Projekte haben auch einfach eine kurze Lebensspanne, weil sich die Medien, die wir nutzen, schnell wandeln. Auch ein- oder zweijährige Erfolgsprojekte sind Erfolgsprojekte. Die Arbeit mit digitalen Medien ist fraglos nicht für jeden etwas, umso mehr muss man die Menschen, die neue Formen wagen, institutionell freispielen und gleichzeitig bestmöglich unterstützen.

Von Christoph Paul Hartmann