Missionare und ihre Schulen: Ein dunkles Kapitel der Kirche
Das System der kanadischen "Residential Schools" und seine verheerenden Folgen

Missionare und ihre Schulen: Ein dunkles Kapitel der Kirche

Wieder wurden Hunderte Leichen an einem ehemaligen Heim für Kinder aus indigenen Familien gefunden – und das ist weder Zufall noch handelt es sich um Einzelfälle. Die Funde in Kanada zeichnen ein dunkles Kapitel der Kirche nach, nicht nur auf dem amerikanischen Kontinent.

Von Christoph Paul Hartmann |  Ottawa - 27.06.2021

Zugegeben, die Vorstellung ist nur schwer erträglich: Da wurden mehr als 700 Menschen auf einer Wiese rund um eine Schule verscharrt, kein Stein, kein Zeichen erinnerte daran, dass dort Menschen begraben liegen – ganz zu schweigen davon, deren Namen zu nennen. Der Fund in der kanadischen Provinz Saskatchewan ist kein Einzelfall, schon im Mai wurden bei einer ehemaligen Schule in Kamloops die sterblichen Überreste von mehr als 200 Menschen im Boden gefunden – stumme Zeugen einer der dunkelsten Kapitel in der Geschichte Kanadas. Es geht um das System der sogenannten " Residential Schools".

Dass Missionare Schulen gründen, um ihren Glauben zu verbreiten, ist nichts Besonderes. Seit Jahrhunderten versuchen Religionsvertreter überall auf der Welt, junge, noch leichter formbare Menschen in Schulen für ihre Überzeugungen zu gewinnen. So war es auch, als Europäer das heute als Kanada bekannte Gebiet besiedelten. Im 17. Jahrhunderten versuchten Mitglieder unterschiedlicher Orden wie der Jesuiten und Ursulinen im damals als Neufrankreich betitelten Territorium die dort bereits lebenden Menschen zum Christentum zu bekehren. Dem lag nicht zuletzt der kolonialistische wie auch rassistische Gedanke zugrunde, den "Wilden" die "Zivilisation" bringen zu müssen, wie es der Bericht der kanadischen Wahrheitskommission 2015 formulierte. Die Weißen sahen sich als den Indigenen überlegen an.

Diese Bildungsbemühungen, die es auch in anderen Kolonien gab, waren zunächst jedoch sehr punktuell und wenig systematisch. Das änderte sich nach dem Krieg der USA gegen das Vereinigte Königreich 1812, an dem die britischen kanadischen Kolonien an der Seite ihres Mutterlandes teilnahmen. Bis zu diesem Krieg ließen die Siedler die Indigenen in Ruhe, denn sie konnten von deren Kenntnissen des Landes profitieren und sahen sie als Verbündete in Auseinandersetzungen an. Nach Ende des Krieges traten für die europäischen Siedler allerdings neue Prioritäten in den Fokus: Man wollte nun das Land weitreichender besiedeln. Da waren die (heute First Nations genannten) Indigenen im Weg, denn sie lebten als Nomaden und von der Jagd. Damit sie besser ins System der Siedler passten, sollten sie Ackerbau betreiben und sich niederlassen – praktische Erwägungen spielten mit einem rassistischen Überlegenheitsgefühl zusammen. Die Indigenen sollten "zivilisiert" werden, das heißt: Sie sollten aufhören, Indigene zu sein, ihre Kultur zu pflegen und sich stattdessen in das Konzept der Europäer einfügen.

Das Ziel: Die Entfremdung

Ein zentrales Mittel dafür waren die sogenannten "Residential Schools". Diese Schulen waren eine Mischung aus Lehr- und Erziehungsanstalt, schulische Aspekte mischten sich mit jenen von Heimen. Eingesetzt wurden diese Institutionen ab den 1880er Jahren, sie wurden von Kirchen betrieben und von der kanadischen Regierung bezahlt. Ihr Ziel war es, Kinder aus indigenen Familien von ihrer Kultur und Sprache zu entfremden und das Christentum sowie den westlichen Lebensstil aufzuoktroyieren. Die Mittel dazu waren grausam: Ab 1920 waren Kinder aus indigenen Familien zum Besuch dieser Heime verpflichtet. Sie wurden ganz gezielt in Einrichtungen untergebracht, die vom Wohnort ihrer Eltern möglichst weit entfernt waren, um den Kontakt zu verhindern. So sahen sie ihre Eltern oft monatelang nicht. Mädchen und Jungen wurden strikt voneinander getrennt, selbst Geschwisterpaare durften sich nicht sehen – auch das ein Weg, Familienbande zu zerstören. Den Kindern wurde das Haar kurz geschnitten, sie mussten Schuluniformen tragen und durften ihre Muttersprache auch untereinander nicht sprechen, einzig Englisch und Französisch waren erlaubt. Auch Traditionen durften nicht gepflegt werden.

Mit Kinderschuhen wird an die Opfer der "Residential Schools" erinnert.

Missbrauch und Vernachlässigung waren in vielerlei Hinsicht Alltag: Es galt beinahe militärischer Drill, Kinder wurden geschlagen, missbraucht und nachts ans Bett gefesselt. Bis lange hinein ins 20. Jahrhundert mussten sie verdorbene Lebensmittel essen und wurden mitunter derart intensiv etwa durch nächtliche kalte Duschen unterkühlt, dass sie noch heute Krankheiten und andere körperliche und psychische Schäden davontragen. Die Strafen waren drakonisch: Überlebende erzählen davon, dass ihre Zungen mit Nadeln durchstochen wurden, weil sie ihre Muttersprache gesprochen haben. Dabei konnten viele keine andere Sprache.

150.000 Kinder haben zwischen 1880 und 1996 "Residential Schools" besucht, schätzungsweise 6.000 sind wegen der Lebensbedingungen dort ums Leben gekommen, die Dunkelziffer dürfte höher sein. Die Wahrheitskommission nennt das System einen "kulturellen Genozid".

150.000 Betroffene

Die Folgen dieses Heimsystems sind noch heute erkennbar: Zahlreiche Sprachen und Bräuche sind ausgestorben, durch die planmäßige Zerstörung familiärer Bande gibt es in vielen First Nations Familien etwa Bindungsprobleme und häusliche Gewalt – indigene Frauen haben ein viermal größeres Risiko, ermordet zu werden, als andere Kanadierinnen. Zudem waren die Schulen unterfinanziert, die Lehrer schlecht ausgebildet und die Lehrpläne auf eine sehr niedrige Bildung beschränkt. Indigene haben mehr als 100 Jahre eine signifikant schlechtere Bildung erhalten als der Durchschnitt der kanadischen Bevölkerung. Auch 25 Jahre nach Ende des Systems ist dieser Effekt noch sichtbar.

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Ein Blick auf andere Kolonien zeigt, welche Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede es im Vorgehen der Missionare gab. Ein Blick dazu in den deutschen Kolonialismus: Hier waren katholische wie evangelische Missionare aktiv. Die Missionsbewegung im 19. Jahrhundert nährte sich aus einer neuen Volksfrömmigkeit, die "einerseits Halt angesichts der sozialen Verwerfungen der industriellen Modernisierung suchte, andererseits dem säkularisierten Staat, zumal seiner im Kulturkampf kulminierenden Tendenz zur Zurückdrängung der Kirche, ein Gegengewicht bieten wollte", schreibt der Historiker Winfried Speitkamp. Die Missionare verfolgten also ein einfaches bäuerliches Ideal, weshalb sie den Indigenen vor allem handwerkliche (Jungen) beziehungsweise haushaltsnahe (Mädchen) Kenntnisse vermittelten. Zudem agierten Missionen auch als Landwirtschaftsbetriebe, die landwirtschaftlich und handwerklich ausgebildete Arbeiter gut gebrauchen konnten.

Verschiedene Stellung der Missionare

Allerdings war die Stellung der Missionen im Kolonialgetriebe eine andere als etwa in Kanada: Die Verflechtung mit der staatlichen Verwaltung war weit weniger eng, vielmehr nahmen Missionare zwischen Kolonialisten und Indigenen eine Zwischenstellung ein, die sie sehr unterschiedlich ausfüllten. Manche Missionare arbeiteten sehr eng mit der Verwaltung gegen die Indigenen zusammen, andere nahmen Partei für die Bevölkerung ein. Einerseits trugen die Missionen also dazu bei, die Indigenen zu europäisieren und als Arbeitskräfte zu disziplinieren, andererseits "federten sie mit paternalistischer Fürsorge die Härten der Kolonialherrschaft ab".

Missionare haben also sehr verschiedene Stellungen im kolonialen Geflecht eingenommen, aber – und das verbindet Missionen überall auf der Welt – ihr Wirken war ohne das Herrschaftsgefälle der Kolonialisierung oft nicht denkbar. Deshalb lastet das Kapitel des Kolonialismus und das (zum Teil immer noch vorhandene) koloniale Denken als Erbe auch auf den Kirchen. Das zeigt sich auch in Kanada, wo Vertreter der First Nations und die kanadische Regierung eine Entschuldigung des Papstes fordern – die sie bislang nicht bekommen haben. Die letzte "Residential School" hat 1996 geschlossen. Das Kapitel Kolonialismus und dessen grausame Auswüchse auch in der Kirche sind noch lange nicht vorbei.

Von Christoph Paul Hartmann