Ein Band in den polnischen Nationalfarben weiß und rot hängt über einem großen Steinkreuz
Vatikan-Untersuchung von möglichem Fehlverhalten Kardinal Dziwisz' bestätigt

Fast 300 polnische Geistliche wegen Missbrauchs beschuldigt

Vor zwei Jahren hatten die polnischen Bischöfe einen Bericht über das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche veröffentlicht. Nun ließ die Bischofskonferenz weitere Zahlen folgen, die sich auf die Anzeigen seit Juli 2018 beziehen.

Warschau - 28.06.2021

Bei der katholischen Kirche in Polen sind von Juli 2018 bis Ende 2020 insgesamt 368 Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen eingegangen. Wie die Bischofskonferenz (Montag) in Warschau mitteilte, wurden 292 Priester und Ordensbrüder sexueller Gewalt gegen Minderjährige beschuldigt. Die Anzeigen betreffen demnach Taten aus den Jahren 1958 bis 2020.

Die 347 mutmaßlichen Missbrauchsbetroffenen seien je zur Hälfte männlich und weiblich. Je 47 Prozent waren unter 15 Jahre bzw. 15 bis 17 Jahre alt; in den übrigen Fällen fehle eine Altersangabe. 48 Prozent der Anzeigen stammten den Angaben zufolge von den mutmaßlichen Opfern selbst, 19 Prozent hingegen von Geistlichen. In bisher 39 Prozent der 65 Anzeigen, die sexuelle Gewalt zwischen Juli 2018 und Ende 2020 betreffen, seien die Vorwürfe bestätigt worden, in 10 Prozent dagegen nicht. In den übrigen 51 Prozent dauere die Untersuchung an.

Polens Bischofskonferenz hatte bereits im März 2019 einen ersten Bericht zum Ausmaß der sexualisierten Gewalt von Geistlichen gegen Kinder und Jugendliche veröffentlicht. Demnach missbrauchten mutmaßlich 382 Priester und Ordensmänner laut kirchlichen Akten, die von Januar 1990 bis Juni 2018 angelegt wurden, Minderjährige. Die Akten umfassten Anzeigen zu Fällen, die bis 1950 zurückreichen. Von den 625 Opfern seien 345 unter 15 Jahre alt gewesen, hieß es damals.

Kardinal Stanislaw Dziwisz aus Krakau hält ein Bild von Johannes Paul II. in der Hand in seinem Wohnsitz in Krakau, Polen, am 4. März 2016.
Bild: © KNA

Kardinal Stanislaw Dziwisz war Privatsekretär von Papst Johannes Paul II.

Zwischenzeitlich wurde bestätigt, dass der italienische Kardinal Angelo Bagnasco in Polen im Auftrag des Vatikan zehn Tage lang Vorwürfe der Pflichtverletzung gegen den ehemaligen Papstsekretär Kardinal Stanislaw Dziwisz untersucht hat. Die Vatikanbotschaft in Warschau ließ am Wochenende verlauten, Bagnasco habe Polen vom 17. bis 26. Juni besucht, Dokumente eingesehen und Gespräche geführt. Seine Aufgabe war demnach "die Überprüfung der auch öffentlich signalisierten Vernachlässigung durch Kardinal Stanislaw Dziwisz während seiner Amtsführung als Metropolitan-Erzbischof von Krakau (2005-2016)".

Bagnasco, Vorsitzender des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE), werde dem Heiligen Stuhl einen Bericht über seinen Besuch vorlegen, heißt es in der nur drei Sätze langen Mitteilung der Apostolischen Nuntiatur. Bereits am Freitag war die Untersuchung durch einen polnischen Medienbericht bekannt geworden. Der Priester Tadeusz Isakowicz-Zaleski, der Missbrauchsbetroffene vertritt, sagte, Bagnasco habe ihn in Krakau zu Vorwürfen gegen Dziwisz befragt. Isakowicz-Zaleski beschuldigt den Kardinal seit langem, er sei den 2012 ihm übergebenen schriftlichen Hinweisen auf sexuellen Kindesmissbrauch durch Priester in seiner Kirchenprovinz nicht nachgegangen.

Dziwisz hat Vertuschungsvorwürfe gegen ihn stets zurückgewiesen, sich aber mehrfach für eine unabhängige Untersuchung ausgesprochen. Der Kardinal gehört zu den prominentesten Kirchenmännern Polens. Der 82-Jährige war Privatsekretär Papst Johannes Pauls II. (1978-2005) und anschließend bis 2016 Erzbischof im südpolnischen Krakau. Polens Bischofskonferenz nahm zunächst nicht zu der Untersuchung Stellung. Polens staatliche Aufarbeitungskommission für sexuellen Kindesmissbrauch hatte im März Dziwisz und weitere Bischöfe bei der Staatsanwaltschaft wegen mutmaßlichen Verstoßes gegen die Meldepflicht angezeigt. Dabei ging es um einen Priester, der im südpolnischen Bistum Bielsko-Zywiec von 1984 bis 1989 ein Kind hundertfach missbraucht haben soll.

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Papst Franziskus nahm am Montag zudem den vorzeitigen Rücktritt des polnischen Bischofs Zbigniew Kiernikowski (74) von Legnica (Liegnitz) an. Wie die Polnische Bischofskonferenz weiter mitteilte, hängt der Amtsverzicht mit einer vatikanischen Untersuchung zusammen. Kiernikowski wurden demnach Fehler im Umgang mit einem Fall sexuellen Kindesmissbrauchs durch einen Priester im Bistum Siedlce vorgeworfen, das er von 2002 bis 2014 leitete.

Nach Abschluss dieses Verfahrens habe Kiernikowski, auch mit Blick auf "Schwierigkeiten bei der Leitung der Diözese Legnica", seinen Rücktritt eingereicht, so die Bischofskonferenz ohne weitere Einzelheiten. Kiernikowski wird am Freitag 75 Jahre und erreicht damit jene Altersgrenze, mit der Bischöfe dem Papst nach dem Kirchenrecht ohnehin ihren Amtsverzicht anbieten müssen. Zum neuen Leiter des niederschlesischen Bistums ernannte Papst Franziskus nach Angaben der Vatikanbotschaft in Polen den bisherigen Breslauer Weihbischof Andrzej Siemieniewski (63).

Ebenfalls in Zusammenhang mit Vorwürfen von Fehlern im Umgang mit Missbrauchsfällen hatte Papst Franziskus bereits Mitte Mai den vorzeitigen Rücktritt des Bischofs Jan Tyrawa (72) von Bydgoszcz (Bromberg) angenommen. Auch in seinem Fall führte der Vatikan zuvor eine Untersuchung durch. (rom/KNA)

28.6., 16 Uhr: Ergänzt um Annahme des Rücktritts von Kiernikowski.