War Petrus der erste Papst?
Eine Spurensuche am Beginn der Kirchengeschichte

War Petrus der erste Papst?

Petrus, Linus, Kletus – im Eucharistischen Hochgebet werden diejenigen heiligen Kirchenmänner genannt, die am Anfang der langen Linie der Päpste stehen. Doch kann der Apostelfürst Petrus wirklich als erster Pontifex gelten? Zum Hochfest Peter und Paul wagen wir einen Blick in das Neue Testament.

Von Fabian Brand |  Bonn - 29.06.2021

In Rom an Petrus vorbeizukommen – das sollte doch nur einigermaßen schwer gelingen! Denn es scheint, als würde einem der Heilige auf Schritt und Tritt verfolgen. Besonders intensiv ist dieser Kontakt mit Petrus natürlich im Vatikan: Vor dem Petersdom erstreckt sich der Petersplatz; im Petersdom selbst eine bronzene Statue des Heiligen und unter der gewaltigen Hauptkuppel und dem Papstaltar die Confessio, sowie das Grab des Petrus. Freilich taucht Petrus im Petersdom nicht nur deshalb auf, weil sich hier seine letzte Ruhestätte befindet. Er ist gleichzeitig ein Vorbild für alle seine Nachfolger, die im Lauf der Jahrhunderte an diesem Ort in Rom ihren Dienst getan haben. "Nachfolger des Apostelfürsten Petrus" ist schließlich bis heute einer der offiziellen Titel der Päpste. Doch welche Stellung hatte der Apostel Petrus damals, vor über 2.000 Jahren wirklich inne? War er der erste Papst und damit das erste Glied in einer langen Kette mit über 265 Nachfolgern? Eine Spurensuche anlässlich seines Festtages.

Simon stammte wahrscheinlich aus dem Fischerdorf Betsaida, welches sich am nördlichen Ufer des Sees Genesaret befindet; Betsaida lag in der Gaulanitis. Er gehörte wohl zur dortigen jüdischen Gemeinde und ging dem Beruf des Fischers nach, wie auch sein Bruder Andreas. Vermutlich im Zusammenhang mit seiner Heirat zog er nach Kafarnaum, wo er ein Haus besaß, welches er mit seiner Schwiegermutter bewohnte. Dass Simon verheiratet war, macht auch Paulus geltend (1 Kor 9,5). Simon war einer der ersten Menschen, die Jesus in seine Nachfolge rief. Ebenfalls wurde er in die Gruppe der Zwölf aufgenommen und erhielt vielleicht in diesem Zusammenhang den Beinamen "Kephas", Fels oder Stein. Es könnte damit eine bestimmte Art "Stein" gemeint sein, zum Beispiel ein "Edelstein" oder ein "Grundstein". Nimmt man an, dass Simon den Beinamen im Sinne eines "Edelsteins" erhielt, könnte damit seine besondere Stellung innerhalb des Zwölferkreises intendiert gewesen sein. Simon kam im Apostelgremium eine Sonderrolle zu, er bekam als Auszeichnung einen Ehrennamen. Solche Namensgebungen sind im biblischen Bereich nicht unüblich: Man denke zum Beispiel an Abram (der den Namen Abraham erhält), an Jakob (aus dem Israel wird) oder an die Zebedäus-Söhne, die den Beinamen "Boanerges" ("Donnersöhne") erhalten. Schon früh jedenfalls ist der Beiname des Simon zum Eigennamen geworden und im Lauf der Jahrhunderte hat es sich eingebürgert, von Petrus zu sprechen.

Jesus beruft die Apostel Petrus und Andreas.

Es ist anzunehmen, dass Jesus selbst dem Simon diesen Beinamen gegeben hat. Damit ist allerdings noch nicht ausgesagt, dass diese Namensgebung im Zusammenhang mit dem in Mt 16 geschilderten Messiasbekenntnis in Cäsarea Philippi geschehen ist. Bei Mk 3,16 steht die Namensgebung im Kontext der Bildung des Zwölferkreises und Lk 6,13 weist schlicht und ergreifend darauf hin, dass Simon diesen Beinamen trug. Joh 1,42 verknüpft den Namen Petrus mit der Berufung des Simon. Möglicherweise weist der Name "Edelstein" auf die Erstberufung des Simon hin: Simon war der erste, den Jesus in die Nachfolge gerufen hatte; schon allein aus diesem Grund kam ihm eine Sonderstellung in der Nachfolgerschar Jesu zu.

Petrus zählte zum "inner circle"

Innerhalb des Zwölferkreises hatte Simon eine herausgehobene Position inne: Er zählte zu einem "inner circle", zu dem Jesus ein besonderes Vertrauensverhältnis pflegte. Übereinstimmend berichten alle Evangelien, dass Simon bei der Passion Jesu versagt hatte. Nach der Auferstehung Jesu jedenfalls wendet sich das Blatt und Simon übernimmt eine bedeutende Position bei der Sammlung des Jüngerkreises und bei der Verkündigung des Evangeliums. Bald kehrt er wieder nach Jerusalem zurück, bevor er auch nach Antiochia kommt. Wo sich Simon sonst noch aufgehalten hat, ist unsicher. Die Tradition berichtet, dass Simon Petrus unter Kaiser Nero (vielleicht im Jahr 67) in Rom den Märtyrertod erlitten hat und dort auch bestattet worden ist.

Insgesamt ist im Blick auf das neutestamentliche Zeugnis über Petrus eine Differenz auszumachen: Es gibt Schriften, die Petrus sehr gewogen sind (zum Beispiel das Matthäus- und Lukasevangelium) und es gibt Texte, die seine Autorität relativieren (Paulus, Johannes). Die neutestamentlichen Petrusbilder lassen sich auch nicht einseitig auf die Primatsworte (Mt 16,18f; Lk 22,31f; Joh 21,15-17) eingrenzen, die als Beleg einer Sonderstellung des Petrus dienen. Simon Petrus wird in den Evangelien immer auch anders dargestellt: Jesus weist ihn schroff zurück (Joh 21,22), er nennt ihn einen "Satan" (Mt 16,23), Simon verleugnet Jesus im Umfeld der Passionsereignisse (Lk 22,54-62). Es gibt eine Sonderstellung des Petrus, die in der Zeit vor Ostern auf seiner herausgehobenen Position im Zwölferkreis beruht. Nachösterlich wird sie dadurch gerechtfertigt, dass Petrus, der erste ist, dem der Auferstandene erschienen (1 Kor 15,5) und der im Aufbau der christlichen Gemeinden eine zentrale Rolle spielt. Auffallend ist, dass es im Neuen Testament ein divergierendes Petrusbild erhalten hat. Viele der neutestamentlichen Schriften sind erst nach dem Tod des Petrus entstanden, dennoch gehen Ansehen und Bedeutung des Petrus in ihnen nicht zurück, sondern werden sogar noch gesteigert.

Desinfektion im Petersdom

Zwei Arbeiter in Schutzkleidung desinfizieren die Statue des Heiligen Petrus im Petersdom in Rom während der Corona-Pandemie.

Vor allem in den ersten vier christlichen Jahrhunderten entwickeln sich die verschiedenen neutestamentlichen Petrusbilder stetig: Petrus wird (basierend auf Mt 16,17) als Garant des Evangeliums dargestellt, er ist der herausragende Heidenmissionar, der häretischen Bewegungen den Boden entzieht (vgl. Apg 8,9-24); Petrus ist der Pförtner des Himmels (vgl. Mt 16,19), Steuermann des Schiffs der Kirche und der Fürst der Apostel. Alle diese Bilder vermitteln, dass Petrus eine besondere und einzigartige Stellung innehatte.

Aufenthalt Petri in Rom unbestreitbar

Vor allem die Verbindung mit Rom, der Hauptstadt des Imperium Romanum, wird für das Folgende maßgeblich: Das Erste Vatikanische Konzil betont, dass der römische Bischof der Nachfolger des Petrus im Primat sei. Der Bischof von Rom ist Papst der Weltkirche, und zwar, weil er Bischof von Rom und damit Nachfolger des Apostels Petrus ist. War Petrus aber jemals in Rom? Die Frage wurde im Lauf der Jahrhunderte äußerst kontrovers diskutiert. Die Überlieferung weiß: Petrus hat ungefähr 25 Jahre in Rom gepredigt und gewirkt, bevor er mit dem Kopf nach unten gekreuzigt und schließlich in der Stadt bestattet wurde. Freilich wird der Romaufenthalt des Petrus in den ersten Jahrhunderten nicht bestritten, erst im Mittelalter rückt er in den Fokus der kritischen Diskussion. Heutzutage geht die Tendenz eher in Richtung, dass sich Petrus wohl tatsächlich in Rom aufgehalten hat und dort auch den Märtyrertod erlitten hat.

War Petrus nun der erste Papst? Die Frage lässt sich ziemlich einfach beantworten: Nein. Es wäre auch zuhöchst anachronistisch, heutige Amtsstrukturen in die Zeit des Neuen Testaments einzutragen. Das Papstamt, wie wir es heute kennen (nämlich als Verbindung von römischem Bischof und Papst), gab es damals schlicht und ergreifend nicht. Es ist daher auch müßig, zu fragen, ob Petrus der erste war, der dieses Amt innehatte. Dieses soll freilich nicht die Position schmälern, welche dieser Petrus wohl besaß: Das neutestamentliche Zeugnis und die spätere Rezeption in den frühen Jahrhunderten lassen sehr wohl erkennen, dass Petrus einen besonderen Dienst ausübte. Dieser Dienst scheint zuerst auf den Jüngerkreis gerichtet und weitet sich nachösterlich auf die christlichen Gemeinden. Natürlich ist das nicht das Papstamt im heutigen Sinne, aber es ist der Grundstein für ein Amt, das sich im Lauf der Kirchengeschichte entwickelt und schließlich die heutigen Formen annimmt. Im Dienst des Apostels Petrus ist der Keim dieses Amtes angelegt.

Von Fabian Brand