Landeskirchen haben nach Gründen gefragt

Pilotstudie: Distanz und Steuern führen zum Kirchenaustritt

Aktualisiert am 14.07.2021  –  Lesedauer: 

Stuttgart ‐ Die meisten Menschen nennen keinen konkreten Anlass für ihren Kirchenaustritt – vielmehr erscheint er als Ergebnis eines Prozesses und als Konsequenz grundsätzlicher Motive. Zwei Landeskirchen legten dazu eine Pilotstudie vor.

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Am Ende ist das Phänomen Kirchenaustritt relativ einfach zu erklären: Vor allem gewachsene innere Distanz zum christlichen Glauben und der schnöde Mammon bewegen Protestanten, ihrer Kirche den Rücken zu kehren.

Bei einer am Mittwoch in Stuttgart vorgestellten Studie standen ein Glaube ohne den Bedarf nach Kirche und die Kirchensteuer als Motive eines Austritts mit weitem Abstand an der Spitze. Für jeweils drei Viertel der Ausgetretenen sind die beiden Motive "sehr wichtig" oder "eher wichtig", rund 60 Prozent machten beide geltend.

Viel Zustimmung finden die Aussagen "weil ich die Kirche unglaubwürdig finde" und "weil ich andere Werte habe, als sie die Kirche vertritt". Für deutlich weniger Menschen ist dagegen das politische Engagement oder konkreter Ärger über Hauptamtliche ein wichtiges Motiv für den Austritt.

Konfession spielt so gut wie nie eine Rolle

Eine weitere Erkenntnis heißt: Die Konfession spielt so gut wie nie eine Rolle. Eine Abwanderung in Freikirchen oder ein Konfessionswechsel etwa zur katholischen Kirche sieht die Studie als Randphänomene. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die beiden großen Kirchen im selben Boot sitzen: Austritte sind "konfessionell unspezifisch".

Hinter der Studie "Anlässe und Motive des Kirchenaustritts" stehen die evangelischen Landeskirchen aus Württemberg und Westfalen. Beide Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sind mit rund zwei Millionen Mitgliedern ähnlich groß. Die Kirchen hatten vereinbart, die Entwicklung zu beobachten, um die Ursachen besser verstehen zu können. Trends sollen frühzeitig erkannt und einzelne, auslösende Ereignisse besser sichtbar gemacht werden, um angemessener reagieren zu können.

Für die Studie wurden ab Oktober in beiden Landeskirchen monatlich rund 40 Personen telefonisch befragt, die im Vormonat ausgetreten waren. Die zehnminütigen Interviews umfassten sowohl eine offene Frage nach dem Anlass des Austritts als auch standardisierte Fragen zu den Motiven. 61 Prozent der Kontaktierten waren demnach zum Interview bereit. Nur sehr wenige zeigten sich laut den Autoren der Untersuchung über den Anruf verärgert. Datengrundlage sind demnach Gespräche mit 213 Frauen und 251 Männern.

Frank Otfried July im Porträt.
Bild: ©KNA

Frank Otfried July, Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Aus deren Antworten entwickelten die Autoren der Studie - evangelische Kirchenmitarbeiter unter wissenschaftlicher Anleitung des katholischen Siegener Religionspädagogen Ulrich Riegel - drei Themenbündel: Das erste bezieht sich auf das Handeln der Kirche, das zweite fasst Motive zusammen, die für Glaubensverlust und Desinteresse stehen, und das dritte heißt "individuelle Nutzen-Abwägung", wozu die Kirchensteuer zählt. Registriert wurden "sehr unterschiedliche Verläufe der monatlichen Bedeutung der drei Motivbündel".

Ganz vorsichtig wird formuliert und gefragt, ob bei der Verschiebung der Gründe im Monat März auch die mediale Aufarbeitung von Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln eine Rolle gespielt haben könnte. Allerdings bleibe vieles "eine Hypothese". Die Aufarbeitung der Phänomene, so der württembergische Landesbischof Frank Otfried July, dürfe keinesfalls auf dem Rücken der anderen Kirche geschehen. Vielmehr gelte es, die Gespräche miteinander fortzusetzen.

Mit Blick auf die Kirchensteuer unterscheiden die Autoren verschiedene Motive: Manche Menschen wollen sie schlicht sparen, andere vermissen einen Gegenwert und vergleichen die Steuer mit dem Beitrag für ein Fitnessstudio, das sie nicht mehr aufsuchen. Wieder andere geben an, sich die Steuer nicht leisten zu können - etwa Alleinerziehende.

Glaubensverlust und persönliche Kosten-Nutzen-Abwägung

Das konkrete Handeln der Kirche spielt beim Kirchenaustritt für Menschen ab 40 eine größere Rolle. Bei Jüngeren überwiegen dagegen der Glaubensverlust und eine persönliche Kosten-Nutzen-Abwägung. Männliche Ausgetretene stehen sowohl der Kirche als auch dem Glauben häufiger gleichgültiger gegenüber als Frauen.

Keine Rolle spielt nach den Daten das Wohnumfeld, es gilt geradezu als "belanglos". Wörtlich heißt es in der Studie: "Zugespitzt formuliert könnte man sagen, dass Menschen über 40 Jahren etwas stärker durch das Verhalten der Kirche zum Austritt bewegt werden, während Menschen unter 40 Jahren eher deshalb austreten, weil sie keine Beziehung zur Kirche haben und sie mit dem Glauben nichts mehr anfangen können."

Eine erste Konsequenz in Württemberg ist eine Broschüre zum Umgang mit den Steuermitteln. Nach dem Grundsatz "Tu Gutes und rede darüber" wird gezeigt, welches Geld wohin fließt.

Von Michael Jacquemain (KNA)