Franziskus-Gegner könnten Wahl von neuem Pontifex massiv beeinflussen

Neue Regeln für das Konklave: Warum der Papst jetzt handeln sollte

Aktualisiert am 02.08.2021  –  Lesedauer: 
Eröffnungsgottesdienst für das Konklave am 18. April 2005 im Petersdom in Rom.
Bild: © KNA

Villanova ‐ Das Kardinalskollegium ist unter Franziskus so bunt wie nie zuvor. Doch während sich die Papstwähler früher bestens kannten, sind sie sich heute eher fremd. Darin sieht Massimo Faggioli eine große Gefahr. Der Theologe schlägt deshalb neue Regeln für das Konklave vor – und drängt den Papst zur Eile.

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Papst Franziskus hat die Zusammensetzung des Kardinalskollegiums erheblich verändert, besonders dadurch, dass er Männern aus Ländern berufen hat, die noch nie zuvor einen Kardinal gestellt haben. Dies spiegelt seinen Vorstoß wider, die Kirche und das Gremium zu enteuropäisieren. Das ist ein sehr bedeutender institutioneller Wandel, aber der Papst wird im Dezember 85 Jahre alt und hat die Regeln für das Konklave noch immer nicht aktualisiert. Er muss dies bald tun – oder es könnte ernsthafte Probleme geben.

Ein kürzlich in der italienischen Zeitschrift "Il Mulino" erschienener Artikel des bekannten Kirchenhistorikers Alberto Melloni wirft drängende Fragen zum nächsten Konklave auf. Es ist eine überarbeitete und aktualisierte Version eines sehr wichtigen Buches, das er in den frühen 2000er Jahren über die Geschichte der Papstwahlen geschrieben hat. Es bietet zunächst eine kurze Analyse der jüngsten Änderungen der Regeln für das Konklave, insbesondere der Apostolischen Konstitution "Universi Dominici Gregis" von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1996.

Dieser Text hat ausdrücklich Rom als den einzigen Ort ausgewiesen, an dem die Papstwahl stattfinden kann. Dadurch wurde die alte Regel aufgehoben, nach der das Konklave immer dort abgehalten wird, wo der Papst gestorben ist. Melloni erwähnt auch die geringfügige Änderung, die Benedikt XVI. am 22. Februar 2013 an "Universi Dominici Gregis" vorgenommen hat, kurz nachdem er seinen Rücktritt vom Papstamt ankündigt hatte. Benedikt schrieb in allen Fällen die Notwendigkeit einer Zweidrittelmehrheit für die Wahl eines Papstes vor. Damit hob er die Möglichkeit der Wahl mit einfacher Mehrheit auf, die Johannes Paul II. eingeführt hatte.

Die Freiheit des nächsten Konklaves ist in Gefahr

Melloni macht deutlich, dass Franziskus natürlich nicht verpflichtet ist, die Regeln des Konklaves zu aktualisieren, aber er fordert den Papst auf, dies vor dem Hintergrund von zwei neuen Fakten zu tun: Der erste Fakt ist Franziskus' Erlass neuer Sonderregeln zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche. Sie richten sich auch gegen das Versagen der Bischöfe, entschieden gegen diese Taten vorzugehen. Dieses System kann manchmal die Form einer "aufrechnenden Gerechtigkeit" zum Nachteil der Fairness annehmen, ausgelöst durch den äußeren Druck, hart gegen in der öffentlichen Kritik stehende Geistliche durchzugreifen. Den zweiten Fakt stellen kirchenrechtliche Änderungen von Franziskus dar, die Kardinäle instrumentellen Anschuldigungen aussetzen könnten. Dadurch besteht die Möglichkeit, dass sie vom Konklave oder zumindest von der Liste der Papabili, also der möglichen Papst-Kandidaten, ausgeschlossen werden.

Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle
Bild: ©KNA

Die Kardinäle ziehen zum Konklave in die Sixtinische Kapelle ein.

Diese neuen Entwicklungen, sagt Melloni, gefährden die Freiheit des nächsten Konklaves. "Ohne einige Änderungen in der Verfassung, die das Konklave regelt, könnte das 21. Jahrhundert die Rückkehr eines gewaltigen Vetorechts bedeuten, das in der Lage ist, das Ergebnis der Papstwahl zu ändern: Ein Vetorecht, das nicht länger von katholischen Monarchen ausgeübt wird, sondern von den neuen Imperien der sozialen Medien und denen, die das Wissen haben, sie zu nutzen oder ein Interesse daran, mit ihnen zu drohen", warnt er.

Vier Änderungsvorschläge

Melloni unterbreitet vier Vorschläge zur Änderung der Regeln für das Konklave. Sein erster Vorschlag ist, die Klausur zu intensivieren. Er sagt, dass alle Kardinale, die an der Wahl teilnehmen, verpflichtet werden sollten, im Gästehaus Santa Marta zu wohnen, sobald sie in Rom ankommen, anstatt darauf zu warten, bis das Konklave tatsächlich beginnt. Seine zweite Empfehlung ist, dass die "Generalkongregationen" – das heißt, die täglichen Treffen vor dem Konklave aller Kardinäle, einschließlich der Nichtwähler über 80 Jahre – auch Sitzungen in einer vertraulichen Atmosphäre nur für Papstwähler beinhalten sollten.

Mellonis dritter Vorschlag besteht darin, die Häufigkeit der Wahlgänge zu ändern: nur ein Wahlgang pro Tag für die ersten drei Tage; zwei Wahlgänge jeden Tag für die nächsten drei Tage; und vier für die drei Tage danach. Er sagt, diese Umstände würden den "verschiedenen Parteien" im Konklave mehr Zeit für Diskussionen geben. Es würde die Kardinäle auch vom Druck der Medien entlasten, schnell einen neuen Papst hervorzubringen.

Der vierte und endgültige Vorschlag hat auch mit den Risiken einer übereilten Wahl zu tun. Melloni schlägt vor, dass neue Regeln dem Kardinal, der genug Stimmen erhalten hat, um Papst zu sein, mehr Zeit geben sollten, um zu beten, nachzudenken und sein Gewissen zu prüfen. Dies würde es ihm ermöglichen, intensiv darüber nachzusinnen, ob es in seiner Vergangenheit etwas gibt (etwa, wenn er sich mit Missbrauchsfällen befassen musste), das die Papstwahl Zweifeln aussetzen könnte.

Bild: ©picture alliance/Stefano Spaziani

Papst Franziskus hat innerhalb der Kirche auch erbitterte Gegner. Werden sie die nächste Papstwahl beeinflussen?

Dies sind alles durchdachte und vernünftige Vorschläge und andere könnten noch hinzugefügt werden, vor allem angesichts der Tatsache, dass sich die derzeitig wahlberechtigten Kardinale kaum kennen. In seinen mehr als acht Jahren als Papst, hat Franziskus alle lebenden Kardinäle nur einmal (20. bis 21. Februar 2014) zu einem Treffen versammelt. Aber eine freie Diskussion war dort nur sehr begrenzt möglich. Solche Zusammenkünfte scheinen heute noch wichtiger als je zuvor zu sein. Denn erstens umfasst die derzeitige Gruppe von Kardinälen Männer aus geografischen Gebieten, die noch nie zuvor bei einem Konklave vertreten waren. Und zweitens haben die alten klerikalen Netzwerke, die einst wesentlicher Bestandteil der Papstwahl waren, nicht mehr die gleiche Bedeutung wie früher. Sie wurden durch andere Einflussgruppen ersetzt.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Situation aus mindestens zwei Gründen noch ernster sein könnte, als Melloni glaubt. Der erste Grund hat mit einer besonderen kirchlichen Situation in den Vereinigten Staaten zu tun, wo wir direkte Bedrohungen der Freiheit des Papstes und implizit des nächsten Konklaves gesehen haben. Der Missbrauchsskandal um Theodore McCarrick, den ehemaligen Kardinal, und die auf den eigenen Vorteil bedachten Angriffe auf Papst Franziskus durch Erzbischof Carlo Maria Viganò, den ehemaligen Nuntius in Washington, haben in einigen katholischen Gruppen und Netzwerken eine Welle der Empörung ausgelöst.

Ideologen arbeiten bereits daran, das nächste Konklave zu beeinflussen

Dies hat die gegen Institutionen gerichtete, nihilistische Wende des Konservatismus heute offenbart – sogar innerhalb der katholischen Kirche. Zum Beispiel gibt es in Anlehnung an das purpurne Kardinalsbirett den "Red Hat Report". Diese Einrichtung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Akten über alle Kardinäle im Wahlalter zu führen. Man mag sich nicht ausmalen, wie dies beim kommenden Konklave genutzt werden könnte. Diese Initiative muss im Zusammenhang mit der ideologisch geprägten Wut auf Papst Franziskus gesehen werden, die in bestimmten klerikalen, intellektuellen, finanziellen und politischen Kreisen in den Vereinigten Staaten deutlich wird. Sie alle sind bestens mit einigen neuen Medien verbunden, welche die Narrative über den Zustand des Katholizismus und der Kirchenpolitik prägen.

Es wäre ein schwerwiegender Fehler zu unterschätzen, was sie wahrscheinlich mit all den Informationen und dem Einfluss tun werden, die sie angehäuft haben, um das Ergebnis des nächsten Konklaves zu gestalten. Vor, während und nach dem Präsidentschaftswahlkampf 2020 weigerten sich viele Katholiken (einschließlich einiger Bischöfe) anzuerkennen und zu akzeptieren, dass Joe Biden rechtmäßig gewählt worden war. Ein ähnliches Szenario könnte sich auch bei der Wahl des nächsten Papstes ereignen. Viganò und seine Unterstützer brachen das ultimative Tabu des institutionellen Katholizismus, indem sie Franziskus zum Rücktritt aufforderten. Wenn man versuchen kann, einen Papst abzusetzen, ist alles möglich.

Die traditionalistische Piusbruderschaft zelebriert die Messe nach dem alten Ritus.
Bild: ©KNA

Die massive Kritik erzkonservativer Kreise am Motu proprio "Traditionis custodes", das die Feier der "Alten Messe" erheblich eingeschränkt hat, kann einen Vorgeschmack auf mögliche Konflikte bei der nächsten Papstwahl geben.

Die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten befindet sich in einer Situation des leichten Schismas zwischen zwei verschiedenen Gruppen. Sie sind über das Pontifikat von Franziskus scharf gespalten. Der Versuch von Viganò und anderen, den Papst im August 2018 zu stürzen, war das kirchliche Äquivalent des Angriffs auf das Capitol in Washington am 6. Januar durch die Anhänger von Donald Trump. Doch beim nächsten Konklave wird es in Rom ein Machtvakuum geben, das es im August 2018 noch nicht gab. Die Situation könnte weitaus gefährlicher sein, als viele erwarten. Es ist naiv anzunehmen, dass diejenigen, die Franziskus immer vorgeworfen haben, nicht wirklich katholisch zu sein, darauf verzichten werden, alles zu tun was möglich ist, um beim nächsten Konklave ihren Willen durchzusetzen.

Der zweite Grund, warum die Situation jetzt gefährlicher sein könnte als das, was Melloni in seinem Artikel (veröffentlicht im Mai) schreibt, geschah am 4. Juli: An diesem Abend wurde Franziskus im Gemelli-Hospital in Rom operiert. Nach einem zehntägigen Aufenthalt im Krankenhaus ist der Papst mittlerweile wieder zu Hause im Gästehaus Santa Marta. Es ist noch nicht genau klar, wie die Genesung für einen Mann seines fortgeschrittenen Alters aussehen wird, aber einige beginnen bereits darüber zu spekulieren, ob er die Kirche weiterhin wird leiten können.

Die Gerüchteküche brodelt

Gerüchte und Diskussionen darüber, welche Kardinäle aktuell die besten Chancen auf die Nachfolge von Franziskus hätten, haben nun ebenfalls begonnen. Die Entscheidung des Papstes, das jüngste Motu proprio zu veröffentlichen, das "Summorum pontificum" aufgehoben hat, ist ein Zeichen seiner Entschlossenheit. Aber einige werden es als vorschnelle Handlung angesichts der abnehmenden Gesundheit des Papstes und des nahenden Endes seines Pontifikats auslegen. Franziskus kann ein effektiver und prägnanter Gesetzgeber sein, wie wir in vielen anderen Bereichen gesehen haben. Aber er zögert manchmal zu sehr, die institutionellen Mechanismen zu ändern. Er zieht es stattdessen vor, langfristige spirituelle Reformen einzuleiten, die darauf abzielen, die Wege der Kirche in der Zukunft zu ändern.

Er geht jedoch ein großes Risiko ein, indem er die Regeln des Konklaves nicht aktualisiert oder davon ausgeht, er könne damit bis zum Ende seines Pontifikats warten. Dies ist eine dringende Angelegenheit, die umgehend erledigt werden muss. Die wahrscheinlich größte Veränderung seit den letzten beiden Konklaven – die Benedikt XVI. 2005 und Franziskus 2013 wählten – ist die Macht katholischer Influencer in den klassischen Medien sowie den digitalen und sozialen Netzwerken.

Seit 2013 haben kleine Gruppen von Menschen mit Plänen, die sich nur an ihren eigenen Interessen ausrichten (einschließlich einiger Kleriker mit einer großen Medien- und Social-Media-Anhängerschaft), ein ideologisches Narrativ über die Kirche erschaffen. Sie werden der Versuchung nicht widerstehen können, Medienkampagnen gegen ihre Gegner zu fahren, wenn sie ihren Willen nicht bekommen. Ihre Reaktionen auf das Motu proprio von Franziskus zur Neuregelung der Feier der "Alten Messe" sind nur ein Vorgeschmack auf das, was beim nächsten Konklave folgen könnte.

Von Massimo Faggioli

Der Autor

Massimo Faggioli ist Kirchenhistoriker, Professor für Theologie und Religionswissenschaft an der Universität Villanova (USA) sowie Journalist und Autor. Er veröffentlicht regelmäßig Artikel und Essays zu religiösen und kirchlichen Themen. Dieser Gastbeitrag ist zuerst bei "La Croix International" erschienen und wurde aus dem Englischen übersetzt.