Kirchenhistoriker: Pius XII. ist Kronzeuge für Änderung der Lehre
Matthias Daufratshofer veröffentlichte Studie zu "Ghostwriter" zweier Päpste

Kirchenhistoriker: Pius XII. ist Kronzeuge für Änderung der Lehre

Welchen Einfluss haben die Berater eines Papstes auf das Kirchenoberhaupt? Im katholisch.de-Interview erklärt der Kirchenhistoriker Matthias Daufratshofer, wie ein Jesuit als "Ghostwriter" für zwei Päpste wirkte – und warum Pius XII. eine bedeutende Rolle im kirchlichen Reformprozess spielen könnte.

Von Roland Müller |  Münster - 27.08.2021

Wie entstehen Enzykliken und wen fragt ein Papst, wenn er selbst einmal mit seinem Latein am Ende ist? Fragen wie diese werden in der Doktorarbeit des Münsteraner Kirchenhistorikers Matthias Daufratshofer beantwortet. In den Vatikan-Archiven forschte der Theologe zum Jesuiten Franz Hürth. Wie dieser deutsche Ordensmann als "Ghostwriter" Einfluss auf die Päpste ausgeübt hat und welche Rolle eine Änderung der kirchlichen Lehre durch Pius XII. für den Synodalen Weg spielen könnte, erklärt Daufratshofer im Interview.

Frage: Herr Daufratshofer, Ihre Dissertation wird als "kirchenhistorische Detektivgeschichte" beworben. Haben Sie sich bei Ihren Forschungen in den Vatikan-Archiven als Detektiv gefühlt?

Daufratshofer: Ich habe mich manchmal wie Robert Langdon aus Dan Browns Thriller "Illuminati" gefühlt, auch wenn die im Film dargestellten fiktiven Vatikanischen Archive herzlich wenig mit den wirklichen Gegebenheiten vor Ort zu tun haben. Der Sauerstoff ist mir jedenfalls nie abgedreht worden (lacht). Aber im Ernst: Eine Detektivarbeit ist die Forschung im Vatikan wirklich. In einer weltweit einmaligen Sammlung von Aktenmaterial im geheimnisumwobenen Vatikanischen Apostolischen Archiv, wie das frühere Vatikanische Geheimarchiv nun heißt, gibt es fast hundert Kilometer laufende Akten. Dazu kommen die Archive des Staatssekretariats und der Glaubenskongregation sowie viele Ordensarchive, die über ganz Rom verteilt sind. Meine wichtigsten Funde machte ich im Archiv des Jesuitengeneralats und der Päpstlichen Universität Gregoriana.

Frage: Welche Fähigkeiten benötigt man für die Arbeit in den Archiven?

Daufratshofer: Als kirchenhistorischer Detektiv sollte man zunächst eine große Neugier für sein Thema mitbringen. Man muss sich zunächst mit dem Forschungsstand auseinandersetzen, die einschlägige Literatur "fressen", Hypothesen aufstellen und dann mit offenen Fragen ins Archiv gehen. Dort braucht man nicht selten einen Türöffner, in meinem Fall meinen Doktorvater Professor Hubert Wolf. Und schließlich muss man in den Archiven die "richtigen" Archivalien finden, was sehr viel Akribie und Zeit erfordert. Erschwerend kommt hinzu: Im Vatikan gibt es keine Online-Inventare, wie wir sie aus unseren deutschen Archiven kennen. Zudem sollte man ein profundes Verständnis dafür haben, wie überhaupt die römische Kurie funktioniert. Also: Wer agiert wann mit wem? Zum Schluss war es meine Aufgabe, die einzelnen Indizien wie Puzzlestücke zu einem großen Ganzen zusammenzufügen. Dazu braucht es etwa paläographische Fähigkeiten, um das handschriftliche Gekritzel in den Akten zu entziffern. Aber auch sehr gute Kenntnisse in der Kirchensprache Latein und den modernen Sprachen, allen voran Italienisch. Für all diese Schritte benötigt man nicht nur einen langen Atem und manchmal eine Engelsgeduld, sondern auch Glück, um am Ende das richtige Aktenmaterial zu finden. Ich habe tatsächlich einen unglaublichen Zufallsfund gemacht, der für mich eine wahre Goldader war: der Fondo Hürth, der Privatnachlass des deutschen Jesuiten Franz Hürth.

Frage: Ihre Doktorarbeit befasst sich intensiv mit Franz Hürth. Wer war dieser Mann?

Daufratshofer: Ich muss gestehen: Bevor ich mit meiner Doktorarbeit angefangen habe, hatte ich diesen Namen auch noch nie gehört. Hürth wurde 1880 in Aachen geboren, trat in die Gesellschaft Jesu ein und durchlief die klassische Ausbildung eines Jesuiten. Er wurde Dozent für Moraltheologie am Jesuitenkolleg im niederländischen Valkenburg und ging dann 1936 als Professor an die Gregoriana nach Rom. Zugleich wurde er Konsultor des Heiligen Offiziums, der heutigen Glaubenskongregation. Dort war er für Buchzensurfälle, aber auch für die Vorbereitung lehramtlicher Dokumente wie etwa Enzykliken zuständig.

Matthias Daufratshofer
Bild: © privat

Matthias Daufratshofer studierte Katholische Theologie und Lateinische Philologie. 2020 wurde er mit einer Arbeit über den Jesuiten Franz Hürth an der Universität Münster promoviert.

Frage: In dieser Funktion arbeitete Hürth für die Päpste Pius XI. und Pius XII.

Daufratshofer: Genau. Man mag zwar denken, die Päpste verfassten alle ihre Texte selbst, weil sie die einzigen seien, die vom Heiligen Geist inspiriert sind (lacht). Aber das ist natürlich weit gefehlt. Offizielle Kurialbehörden, wie etwa das Staatssekretariat, das Heilige Offizium oder andere Kongregationen arbeiteten dem Papst zu. Gerade in den Pontifikaten von Pius XI. und Pius XII. geschah Erstaunliches: Sie scharten ein informelles Netzwerk an Zuarbeitern um sich herum. Dabei handelte es sich in erster Linie um deutsche Jesuiten, die keine offizielle Funktion an der Kurie hatten. Diese Patres kannte Eugenio Pacelli aus seiner Zeit als Apostolischer Nuntius in München und Berlin. Man könnte daher sogar von einer "jesuitischen Germanokratie" im Vatikan sprechen. Neben seinem Privatsekretär Robert Leiber, dem Bibelwissenschaftler Augustin Bea oder dem Sozialethiker Gustav Gundlach gehörte zu diesem Zirkel eben auch Franz Hürth.

Frage: Im Titel ihrer Doktorarbeit wird Hürth als "Ghostwriter" der Päpste bezeichnet. Wie hat er die Päpste beeinflusst?

Daufratshofer: Dafür könnte ich Ihnen viele Beispiele nennen, die ich in den Archiven des Vatikan gefunden habe. Aber ich möchte mich auf zwei beschränken, die besonders bedeutsam sind. Das erste Beispiel ist die Ehe-Enzyklika "Casti connubii" aus dem Jahr 1930 von Pius XI. Das war in gewisser Weise das "Gesellenstück" Hürths als päpstlicher Ghostwriter. Ich habe in meiner Dissertation die Entstehungsgeschichte des Schreibens minuziös nachgezeichnet. Pius XI. wollte eigentlich, dass die personale Liebe, also die persönliche Liebe zwischen den Ehegatten, auch lehramtlich stärker gewichtet wird. Hürth lehnte das rigoros ab und forderte, die klassische Ehezwecklehre beizubehalten, wie sie schon im kirchlichen Gesetzbuch von 1917 verankert war. Der Hauptzweck der Ehe solle einzig und allein die Zeugung und Erziehung von Nachkommen sein – ganz im Einklang mit der geltenden Lehre der Kirche. Kurz vor Weihnachten 1930 entbrannte über dieses Thema ein heftiger Streit zwischen dem Papst und seinem Ghostwriter im Apostolischen Palast. Hürth setzte sich gegen Pius XI. durch. Wie so oft war er dabei päpstlicher als der Papst selbst. Die Wirkungsgeschichte dieser Auseinandersetzung ist enorm: Hätte der Papst schon 1930 in der katholischen Ehelehre die personale Liebe wenigstens ansatzweise verankert, dann wäre es vielleicht nicht zu "Humanae vitae" Pauls VI. gekommen. Bis heute wirkt diese Zementierung der rigiden Ehe- und Sexualmoral und die Engführung auf die Ehezwecklehre nach, sogar bis in die aktuelle Diskussion um die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften.

Frage: Was ist das zweite Beispiel für eine Einflussnahme Hürths?

Daufratshofer: In den Archiven konnte ich einen interessanten Quellenfund aus dem Jahr 1956 machen. Das Unvorstellbare war geschehen: Papst Pius XII. hatte innerhalb kürzester Zeit zwei sich voneinander unterscheidende Auffassungen zur realen Gegenwart Christi in der Eucharistie vertreten. Als der Papst das bemerkte, sah er den katholischen Glauben in Gefahr. Er schickte seine Haushälterin, Madre Pascalina Lehnert, mit dem Dienst-Mercedes über den Tiber zur Gregoriana, wo Hürth in der Jesuiten-Kommunität wohnte. Der Papst ließ Hürth über Madre Pascalina anfragen, was denn nun eigentlich die Lehre der Kirche zu diesem Thema sei. Hürth notierte damals in seinen privaten Unterlagen: "Ich solle in wenigen Zeilen formulieren, was der Heilige Vater in der Allokution habe sagen wollen und was er in Wirklichkeit gesagt habe. Er wolle dann den vorgeschlagenen Text überprüfen und eine Antwort geben." Die von Hürth formulierte Antwort übergab Pascalina umgehend Pius XII. Ob der Papst die Antwort Hürths jedoch wirklich verstand oder nicht, spielte wohl keine Rolle: Er schloss sich der Lehre seines Ghostwriters an. Diese Episode entlarvt, wie damals päpstliches Lehramt funktionierte.

Frage: Warum schloss sich Pius XII. scheinbar vorbehaltlos Hürths Meinung an?

Daufratshofer: Hürth genoss das absolute Vertrauen von Pius XII. Immerhin kannten sich beide im Jahr 1956 schon seit 30 Jahren. Außerdem war Hürth als Theologe ein Allround-Talent: Er kannte sich nicht nur in der Moraltheologie bestens aus, sondern war auch sehr versiert in der Kanonistik und allen Fragen rund um das Lehramt selbst – letzteres war sogar sein Spezialgebiet. Hürth hatte zudem sein gesamtes Leben dem Papst und seinem Orden verschrieben. Gerade weil er Jesuit war, vertraute der Papst ihm vollkommen. Außerdem war Hürth aufgrund seiner jahrzehntelangen Erfahrung schlicht und ergreifend der Kontinuitätsagent des Lehramts der beiden Pius-Päpste.

Bild: © KNA

Pius XI. war von 1922 bis 1939 Papst. Der deutsche Jesuit Franz Hürth arbeitete ihm als "Ghostwriter" zu.

Frage: Und wie steht es mit der Beziehung zwischen Pius XI. und Hürth: Warum ließ sich das Kirchenoberhaupt von einem einfachen Berater davon abbringen, eine Änderung in der Lehre vorzunehmen, die er für richtig hielt?

Daufratshofer: Pius XI. war kein Moraltheologe oder Kanonist, sondern in erster Linie ein passionierter Bibliothekar. Er kannte sich schlichtweg in den schwierigen Fragen der Moral nicht aus. Darum brauchte er einen erfahrenen Zuarbeiter für diese Themen, den er in Hürth fand. Der deutsche Jesuit erfüllte das Anforderungsprofil für einen Ghostwriter zur Genüge: blitzgescheit, lehramtskonform, beste Kontakte in den Vatikan, in den moraltheologischen Fachdiskussionen ganz auf der Höhe der Zeit, aber eben ganz römisch auf dem Boden der Tradition. Und die Tradition war damals wie heute ein Totschlagargument gegen Korrekturen der kirchlichen Lehre. Hätte sich Pius XI. mit seinem Änderungswunsch durchgesetzt, wäre dies ein offensichtlicher Bruch mit der geltenden Lehre gewesen. Genau dies wusste Hürth zu verhindern.

Frage: Das Thema der Weiterentwicklung der Lehre ist heute angesichts von offen vorgetragenen Reformforderungen in der Kirche sehr aktuell. Welche Ergebnisse kann Ihre Dissertation dazu beisteuern?

Daufratshofer: Pius XII. und sein Ghostwriter Hürth haben unfreiwillig, aber mit umso größerer Sprengkraft eine immense Bedeutung für den gegenwärtigen Reformprozess der Kirche. Sie zeigen nämlich eindrücklich, dass sich das Lehramt der Kirche entgegen aller Unkenrufe doch bewegen kann, und die immer wieder propagierte Lehrkontinuität reinste Fiktion ist. Pius XII. hat in der Apostolischen Konstitution "Sacramentum ordinis" von 1947 einen ungeheuren Satz geschrieben: "Es wissen alle, dass die Kirche Bestimmungen, die sie getroffen hat, auch abändern oder aufheben kann." Diese Worte sind eine Bombe für die kirchliche Lehrentwicklung. Inhaltlich geht es in der Konstitution um die Gültigkeit des Weihesakraments. Der Hintergrund: Im Jahr 1439 hatte das Konzil von Florenz festgelegt, dass die Priesterweihe von dem Moment an gültig ist, in dem der Kelch und die Patene dem Weihekandidaten überreicht werden. Genau das hat Pius XII. im Jahr 1947 geändert. Nun galt: Die Priesterweihe ist dann gültig gespendet, wenn die Handauflegung des Bischofs erfolgt ist. Also: Handauflegung statt Übergabe der Instrumente. Pius XII. hat kurzerhand diese mehr als 500 Jahre lang gültige Lehre geändert. Und: es geht hier nicht um eine Lappalie, sondern um den innersten Kern eines Sakraments. In der langjährigen Vorbereitung war kein anderer als Hürth federführend beteiligt.

Frage: Welche theologischen Schlüsse können daraus gezogen werden?

Daufratshofer: Die Lehränderung samt dem oben zitierten Satz Piusʼ XII. zeigt, dass das ordentliche Lehramt, also etwa die Inhalte aus Enzykliken, jederzeit und grundsätzlich angepasst werden können. Das kann als unstrittig gelten. Pius XII. hat mit seiner Konstitution einen früheren Konzilsbeschluss geändert. Als Folge wäre das Argument der Kontinuität in der kirchlichen Lehre, wie es von den Päpsten immer wieder angeführt wird und auch beim Synodalen Weg als Grund gegen Reformen zu hören ist, endgültig vom Tisch. Der Kronzeuge dafür wäre niemand geringeres als Pius XII., der nicht unbedingt im Ruch eines Modernisten steht. Schwieriger ist jedoch die Frage zu beantworten, ob das außerordentliche Lehramt der Kirche, also Dogmen, jederzeit geändert werden könnten. Sollte es sich beim Konzilsbeschluss von 1439 um eine feierliche lehramtliche Definition gehandelt haben, wofür historisch viel spricht, dann hätte Pius XII. eine definitive Glaubenswahrheit geändert. Wäre das in der Tat so, dann hätte das weitreichende und systemsprengende Folgen nicht nur für das Lehramt, sondern für die gesamte katholische Kirche.

Von Roland Müller

Die Studie zum deutschen Jesuiten Franz Hürth

Die Dissertation von Matthias Daufratshofer trägt den Titel "Das päpstliche Lehramt auf dem Prüfstand der Geschichte. Franz Hürth SJ als 'Holy Ghostwriter' von Pius XI. und Pius XII." und ist 2021 im Herder-Verlag erschienen. Sie umfasst 680 Seiten und kostet 45 Euro.