Jesus redet mit Mann
Schwester Anne Kurz über das Sonntagsevangelium

Eine Frage, vor der es kein Entrinnen gibt

Ausgelegt! - Irgendwann kommen alle an diesen existenziellen Krisenpunkt: gehen oder bleiben? Im Sonntagsevangelium stellt auch Jesus seinem Schülerkreis diese Frage – und offenbart seine eigene Verletzlichkeit. Warum es nicht die eine Lösung gibt, erklärt Schwester Anne Kurz mithilfe einer große Gottsucherin.

Von Schwester Anne Kurz |  Venne bei Münster - 21.08.2021

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Impuls von Schwester Anne Kurz

Bleiben oder weggehen – kein Mensch bleibt im Lauf seines Lebens unberührt von diesen beiden Grundmöglichkeiten. Konfliktbeladen, angstbesetzt und auf Klärung hoffend ringen wir in existenziellen Krisen um den nächsten Schritt. Bleiben: aushalten, durchstehen oder nur Lähmung? Weggehen: aufbrechen, Neuanfang oder bloßes Ausweichen? Wer vermag das zu sagen?

"Wollt auch ihr weggehen?" fragt Jesus seine Jüngerinnen und Jünger und gewährt ihnen damit hohe Eigenverantwortung und Freiheit. Da ist weder das vereinnahmende "Ich brauche dich", noch das fordernde "Das darfst Du nicht" zu vernehmen. Vielmehr scheint Jesus ganz hinzuhören. Könnte Petrus sonst aus einer solchen Tiefe des Herzens antworten: "Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes"?

"Willst Du weggehen?" Wo die Frage gestellt wird, macht sie betroffen und verletzlich. Zwei Menschen stehen sich gegenüber. Ihre Blicke treffen sich. Auf beiden Seiten schlägt ein Herz. Vieles durchzieht den Raum. Die Antwort hat Gewicht.

Glaube ist Beziehung. Die 15-jährige Edith Stein gerät in eine Glaubenskrise. Sie ist zu geradlinig, als dass sie einfach weitermachen könnte wie bisher. Sie schreibt: "Hier habe ich mir das Beten ganz bewusst und aus freiem Entschluss abgewöhnt." Aber ist sie damit vom Gott ihres Lebens weggegangen – oder ist sie gerade so bei sich und bei Gott geblieben? Ihr Herz verbleibt in der Gottsuche: "Meine Sehnsucht nach Wahrheit war ein einziges Gebet."

Im Johannesevangelium gehören sowohl Gehen als auch Bleiben zum Glauben. Beides wird in besonderer Weise in den Abschiedsreden Jesu gegenwärtig. Jesus spürt den Schmerz der Trennung, die Traurigkeit der Jüngerinnen und Jünger – geht doch aus dieser Welt zum Vater. So "verlässt" er die Jüngerinnen und Jünger. Diese wiederum verlassen ihn bei seiner Gefangennahme. Nur der Vater ist bei ihm. Glaube ist Beziehung.

Ostern zeigt: Im Schmerz des Weggehens sind Liebe und Zugehörigkeit weder in Jesus noch in den Jüngerinnen und Jüngern gestorben. Sie sind durch Abbrüche und Abgründe gegangen, aber die Liebe ist nicht erloschen. Auf Ostern bezieht sich auch die heutige Frage Jesu: "Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn aufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war?" Darauf sollen zum Schluss Gebetsworte Edith Steins antworten:

"Dein Leib durchdringt geheimnisvoll den meinen und Deine Seele eint sich mit der meinen. Ich bin nicht mehr was einst ich war. Du kommst und gehst, doch bleibt zurück die Saat, die Du gesät hast, zu zukünftiger Herrlichkeit, verborgen in dem Leib von Staub."

 

Von Schwester Anne Kurz

Evangelium nach Johannes (Joh 6,60–9)

In jener Zeit sagten viele seiner Jünger, die ihm zuhörten: Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören?

Jesus erkannte, dass seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß? Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn aufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war?

Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.

Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn ausliefern würde.

Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist. Daraufhin zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm umher.

Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen? Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

Die Autorin

Anne Kurz ist Schwester der Gemeinschaft Verbum Dei und lebt neben einem kleinen Exerzitienhaus in Venne bei Münster. Sie ist Theologin und Geistliche Begleiterin.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.