"Erzbistum droht nun noch schneller ins Chaos abzugleiten"

Missbrauchsbetroffene kritisieren Auszeit für Kardinal Woelki

Aktualisiert am 29.09.2021  –  Lesedauer: 
Johanna Beck
Bild: © Heinz Heiss

Berlin ‐ Von der Woelki-Entscheidung gehe auch das "fatale Signal" aus, dass die katholische Hierarchie für den Mitbruder wieder einmal mehr Barmherzigkeit aufbringe als für die Missbrauchsbetroffenen, sagt Johanna Beck vom DBK-Betroffenenbeirat.

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Der Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) kritisiert die vom Papst gewährte Auszeit für den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Dadurch sei das Erzbistum Köln in eine noch schwierigere Situation gerutscht, sagte Johanna Beck vom Betroffenenbeirat der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt" (Donnerstag). Es hätte stattdessen eine klare Entscheidung gebraucht, die jetzt aber hinausgezögert worden sei: "Das Erzbistum droht nun noch schneller ins Chaos abzugleiten."

Auch Kai-Christian Moritz, ebenfalls vom Betroffenenbeirat, bezeichnete es mit Blick auf Woelki als "Schlag ins Gesicht" der Betroffenen, dass die einzige Konsequenz aus Fehlverhalten eine Bestätigung im Amt und eine geistliche Auszeit sein sollen. "Der Papst hat offenbar nicht verstanden, wie es Betroffenen geht und um was es geht", sagte er der "Süddeutschen Zeitung" (Donnerstag).

Weiter sagte Beck: "Erzbischof Woelki mag zwar glauben, in Sachen Aufarbeitung vorbildlich gehandelt zu haben, viele Betroffene in Köln sehen dies jedoch anders." Ihre Bedenken und Bedürfnisse seien von Papst Franziskus übergangen worden: "Das ist für viele Betroffene und für mich ein Schlag ins Gesicht." Von der Woelki-Entscheidung gehe zudem das "fatale Signal" aus, dass die katholische Hierarchie für den Mitbruder wieder einmal mehr Barmherzigkeit aufbringe als für die Missbrauchsbetroffenen.

"Der Kardinal ist angezählt und ein Neuanfang nicht in Sicht"

Auf die Frage, ob der Reformprozess Synodaler Weg überhaupt Veränderungen in der Kirche durchsetzen könne, sagte Moritz: "Wenn die Kirche nicht irgendwann zu einem irrelevanten Sektenphänomen werden will, dann muss sie diese Fragen beantworten." Von Donnerstagabend bis Samstag treffen sich die rund 230 Delegierten zur Vollversammlung des Synodalen Wegs in Frankfurt.

Der Tübinger Kirchenrechtler Bernhard Sven Anuth sagte dem Blatt: "Der Kardinal ist angezählt und ein Neuanfang nicht in Sicht." Seine "Auszeit" sei keine Erholungszeit, sondern ein deutliches Zeichen, dass man in Rom mit seiner Amtsführung und der Situation in Köln unzufrieden sei. Woelkis Zuversicht, im März 2022 sein Amt wieder kraftvoll fortzuführen, könne daher trügen.

Am Freitag hatte der Vatikan mitgeteilt, dass Papst Franziskus den Kölner Kardinal in eine Auszeit von Mitte Oktober bis Aschermittwoch schickt. Begründet wurde der Schritt mit einer Vertrauenskrise im Erzbistum Köln, die auch durch "große Fehler" Woelkis in der Kommunikation entstanden sei. Zugleich attestiert der Vatikan dem Kardinal, er habe keine Verbrechen vertuschen wollen, sondern sich bei der Missbrauchsaufarbeitung entschlossen gezeigt. Der Erzbischof bekundete unterdessen seine feste Entschlossenheit, im kommenden Jahr wieder seinen Dienst aufzunehmen.

Als Reaktion auf die jüngsten päpstlichen Entscheidungen zu mehreren deutschen Bischöfen hatten kurz vor der zweiten Vollversammlung des Synodalen Wegs 57 Teilnehmer des katholischen Reformdialogs Kritik am Vatikan geübt. In einer am Dienstag vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) veröffentlichten Erklärung zeigten sie sich erschüttert über die Gründe, die Papst Franziskus dazu veranlassten, das Rücktrittsangebot des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße und des Kölner Weihbischofs Dominikus Schwaderlapp nicht anzunehmen. Dass Woelki eine mehrmonatige "Auszeit" nehmen, aber im Amt bleiben soll, genau wie Weihbischof Ansgar Puff, stieß bei den Unterzeichnern ebenfalls auf Unverständnis. (tmg/KNA)

30.9., 9 Uhr: Ergänzt um Moritz.