Papst Franziskus empfängt die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel am 21. Februar 2015 in einer Privataudienz im Vatikan.
Bundeskanzlerin besuchte den Vatikan öfter als alle ihre Amtsvorgänger

Vor mutmaßlich letzter Audienz bei Franziskus: Merkel und die Päpste

Wohl zum letzten Mal in ihrer Amtszeit wird Angela Merkel an diesem Donnerstag von Papst Franziskus zur Privataudienz empfangen. Die Bundeskanzlerin reiste im Laufe der Jahre zu drei Kirchenoberhäuptern. Die Beziehungen waren sehr unterschiedlich.

Von Christoph Scholz (KNA) |  - 07.10.2021

Es war wohl Sympathie auf den ersten Blick zwischen Papst Franziskus und der protestantischen Regierungschefin aus Deutschland. Am kommenden Donnerstag treffen sich das Kirchenoberhaupt und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bereits zum fünften Mal im Rahmen einer Privataudienz. Merkel wünschte sich offenbar, den Papst vor ihrem Abschied aus dem Kanzleramt noch einmal persönlich zu sehen. Sie war öfter als alle ihre Amtsvorgänger im Vatikan und traf dabei insgesamt drei Päpste.

Tief beeindruckt zeigte sich Merkel von ihrem Treffen mit Johannes Paul II. Nach ihrer 15-minütigen Unterredung Ende Mai 2003 schwärmte die damalige CDU-Vorsitzende von einem "bewegenden Erlebnis". Sie ging seinerzeit noch mit schwarzem Kopftuch dem bereits sichtlich von der Parkinson-Krankheit gezeichneten polnischen Papst entgegen, der maßgeblich die Wege zur Deutschen Wiedervereinigung gebahnt hatte. Politisch ging es damals vor allem um den Gottesbezug im "EU-Verfassungsvertrag".

Beinahe-Eklat bei Causa Williamson

Mit Benedikt XVI., dem deutschen Papst, war die Verbindung nicht so herzlich. Der konservativ-feinsinnige Theologe aus Bayern und die pragmatische, preußisch geprägte Naturwissenschaftlerin verstanden einander trotz gemeinsamer Muttersprache nur begrenzt. 2009 sorgte die Causa Williamson beinahe für einen Eklat: Die päpstliche Aufhebung der Exkommunikation für den britischen Traditionalisten-Bischof, der ohne Wissen des Papstes den Holocaust geleugnet hatte, deutete Merkel falsch. Sie unterstellte dem Papst in einer Pressekonferenz faktisch ein ungeklärtes Verhältnis zum Nationalsozialismus. Die daraus resultierende Verstimmung zwischen den beiden wurde nie restlos überwunden.

Das Verhältnis zwischen Merkel und Papst Benedikt XVI. wurde insbesondere von der Causa Williamson überschattet.

Nach der Wahl Jorge Mario Bergoglios zum Papst gehörte Merkel am 19. März 2013 zu den Gratulanten unter den Regierungschefs. Schon zwei Monate später kam es zur ersten Audienz. Sie habe Franziskus als "vielseitig interessierten, sehr gut informierten Mann kennengelernt, als einen Geistlichen, der sehr den Menschen und ihren Sorgen zugewandt ist", sagte Merkel nach dem 50-minütigen Gespräch. Die unprätentiöse, zugewandte Art Bergoglios begeisterte sie.

Beim nächsten Treffen "gehen wir auf die Piazza und essen eine Pizza", schwärmte sie nach der zweiten Audienz. Sie ließ es sich auch nicht nehmen, an der Zeremonie zur außerordentlichen Überreichung des Aachener Karlspreises an Franziskus im Apostolischen Palast teilzunehmen.

Beeindruckt von globalem Netz

Für den ersten Pontifex aus Lateinamerika ist die deutsche Christdemokratin mit ihrer langjährigen Erfahrung offenbar eine wichtige Gesprächspartnerin für internationale Fragen. Merkel beeindruckte das globale Netz des seit jeher multilateral agierenden Heiligen Stuhls.

Dabei teilen die Protestantin und der ökumenisch aufgeschlossene Papst in vielen Fragen gemeinsame Anliegen, vom Klimaschutz über das Eintreten für Religionsfreiheit bis zur Migrationspolitik. Merkel konnte sich 2015 mit ihrer Willkommenskultur für Flüchtlinge stets auf Rückendeckung aus Rom verlassen. Vergleich man aber die realpolitische Bilanz der Bundesregierung mit den oft radikalen sozialen und umweltpolitischen Forderungen des Papstes an die Industrienationen, wird verständlich, weshalb sich auch Grüne und Linke oft auf das Kirchenoberhaupt berufen.

Gerade bei ihrem Kurs in der Migrationspolitik konnte Merkel auf Franziskus' Rückendeckung zählen.

Ein wichtiges gemeinsames Anliegen ist der interreligiöse Dialog im Dienst des Friedens. Merkel unterstützt deshalb die Gemeinschaft von Sant'Egidio; ihren Gründer Andrea Riccardi kennt sie persönlich. 2011 nahm sie am Friedenstreffen in München teil. Am Donnerstagnachmittag will sie mit Franziskus im römischen Kolosseum erneut dem ökumenischen Friedensgebet der Gemeinschaft beiwohnen und eine Rede halten. Ferner ist am Morgen ein Besuch des römischen Kinderschutzzentrums der Päpstlichen Universität Gregoriana geplant.

Offen bleibt, ob eine biografische Spurensuche Merkels Interesse an der katholischen Kirche zusätzlich beseelt. Vor zwei Jahren wurde bekannt, dass ihr Großvater väterlicherseits, Ludwig Kazmierczak aus Posen, katholisch getauft war.

Dank "für ihren Dienst und ihr Zeugnis"

Im Sammelband "Die hohe Kunst der Politik" (Verlag Herder 2021) dankte der Papst der Kanzlerin im voraus "für ihren Dienst und ihr Zeugnis": "Die Bundeskanzlerin steht für menschenfreundliche und zukunftsfähige Politik für persönliche Glaubwürdigkeit und für Leadership im besten Sinn." Am kommenden Donnerstag kann Franziskus dies persönlich zum Ausdruck bringen.

Es wird wohl die letzte Privataudienz für Merkel als Kanzlerin sein. Allerdings könnten sich beide schon bei der UN-Klimakonferenz in Glasgow wieder begegnen.

Von Christoph Scholz (KNA)