Papst und Bischöfe könnten Probleme nicht allein "unter sich regeln"

Frankreich: Missbrauchsopfer fordert "eine Art Revolution" in Kirche

Aktualisiert am 12.10.2021  –  Lesedauer: 

Paris ‐ Nach der Veröffentlichung der Studie zu sexualisierter Gewalt steht die Kirche in Frankreich schwer unter Beschuss. Der Gründer der Opfervereinigung fordert radikale Veränderungen von ihr: Die Kirche müsse "fast alles umwerfen, worauf sie aufbaut".

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Francois Devaux, Gründer der französischen Opfervereinigung "La parole liberee", fordert tiefreichende Veränderungen in der Kirche. Angesichts der jüngsten französischen Missbrauchsstudie müsse es finanzielle Entschädigungen geben, sagte Devaux der "Welt" (Dienstag). "Wir haben es mit einem Massenverbrechen zu tun, das nicht wiedergutzumachen ist. Entschädigung ist ein erster Schritt, weitere müssen folgen." Zuvor hatte sich der Betroffene bereits für den Rücktritt aller französischen Bischöfe ausgesprochen.

Devaux sagte weiter, es brauche "eine Art Revolution". Die Kirche habe keine andere Wahl, als sich zu reformieren: Sie müsse "fast alles umwerfen, worauf sie aufbaut". Dies betreffe den Zölibat, aber auch den "Männerkult", einen Mangel an weiblicher Vertretung sowie "die Abschottung von der Außenwelt, die Führungsstrukturen, das kanonische Recht".

Gesamte katholische Glaubensgemeinschaft gefragt

Diese Probleme könnten Bischöfe und der Papst nicht allein "unter sich regeln", mahnte Devaux: "Der systematische Missbrauch ist ein weltweites Problem, weshalb die gesamte katholische Glaubensgemeinschaft gefragt ist." Es brauche ein "Gegengewicht" innerhalb der Institution.

Zugleich sieht der Opfervertreter den Papst gefragt: Franziskus müsse "aufräumen", so Devaux. Seine Worte seien "leer, wertlos, bedeutungslos, solange der Papst nicht ein radikales Umdenken einleitet und für null Toleranz sorgt".

Papst Franziskus
Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani (Archivbild)

Papst Franziskus' Worte seien "leer, wertlos, bedeutungslos, solange der Papst nicht ein radikales Umdenken einleitet und für null Toleranz sorgt", so Francois Devaux.

Über die französischen Bischöfe sagte Devaux, sie hätten "alle Bodenhaftung verloren". Vielen mangele es an Sensibilität: "Manchmal frage ich mich, ob ein Leben ohne Frauen nicht dazu führt, dass sie eine Art Empfindungslosigkeit entwickeln." Schockiert habe ihn das Verhalten des Vorsitzenden der französischen Bischofskonferenz, Eric de Moulins-Beaufort, der den Bericht vor der öffentlichen Vorstellung gekannt habe. "Alles, was ihm einfiel, war, den Missbrauch innerhalb der Kirche zu relativieren und mit anderen Institutionen zu vergleichen."

Laut der vor einer Woche vorgestellten Untersuchung gab es seit 1950 geschätzt 216.000 minderjährige Opfer sexueller Übergriffe durch Priester und Ordensleute in Frankreich. Man habe zwischen 2.900 und 3.200 potenzielle Täter ermittelt, so das Ergebnis einer unabhängigen Kommission, deren Gründung die französischen Bischöfe im November 2018 in Auftrag gegeben hatten.

Die Untersuchungskommission fordert unter anderem, Priestern die Anzeige mutmaßlicher Täter zu erleichtern, wenn sie im Beichtgespräch Hinweise auf sexuellen Missbrauch erhalten. Daraufhin entstand in Frankreich eine Debatte um das Beichtgeheimnis. In einem TV-Interview zu den Ergebnissen der Studie sagte der Bischofskonferenz-Vorsitzende de Moulins-Beaufort, das Beichtgeheimnis sei für alle Priester verpflichtend und damit "stärker als die Gesetze der Republik". Daraufhin wurde er von Innenminister Gerald Darmanin zu einem Gespräch eingeladen, das an diesem Dienstag stattfinden soll. Laut Französischer Bischofskonferenz soll es dabei um die "Bedeutung des Beichtsakraments für Katholiken und die theologischen, geistlichen und kirchenrechtlichen Grundlagen des Beichtgeheimnisses" gehen. (mal/KNA)