MHG-Studienleiter fordert Untersuchung nach französischem Vorbild

Dreßing: Dunkelfeldstudie zu Missbrauch in Deutschland "überfällig"

Aktualisiert am 13.10.2021  –  Lesedauer: 

Mannheim ‐ Eine Untersuchung über Missbrauch in der Kirche Frankreichs kommt zu hohen Betroffenenzahlen. Harald Dreßing, Leiter der 2018 veröffentlichten MHG-Studie, fordert im Interview eine Dunkelfeldstudie für Deutschland – und zwar nicht nur für die Kirche.

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Eine vergangene Woche veröffentlichte Studie hat hochgerechnet, dass zwischen 1950 und 2020 mehr als 300.000 Kinder und Jugendliche in Frankreich Opfer von Missbrauch und sexualisierter Gewalt durch Priester und andere kirchliche Mitarbeiter geworden sein könnten. Wie diese Zahlen zustande kommen und warum es eine ähnliche Untersuchung bislang noch nicht in Deutschland gab, erläutert Harald Dreßing im Interview. Der Mannheimer Wissenschaftler leitete die 2018 veröffentlichten MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz über den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Eine deutsche Dunkelfeldstudie müsse allerdings über die Kirche hinausgehen, betont er.

Frage: Herr Professor Dreßing, warum gibt es in Deutschland bislang keine ähnliche Studie wie in Frankreich?

Dreßing: Diese Zahlen entstammen einer Dunkelfeldstudie. Ich fordere schon lange eine auf einer großen Stichprobe basierende nationale Dunkelfeldstudie auch für die Bundesrepublik. Mir geht es dabei nicht nur um die Kirchen, denn sexuelle Gewalt gegen Kinder findet auch in vielen anderen Bereichen statt, in der Familie oder in Vereinen. Eine solche Studie ist überfällig.

Frage: Woran scheitert die Umsetzung?

Dreßing: An der Finanzierung. Hier sehe ich die Politik in der Pflicht. Unsere Forschungsgruppe hat mit Infratest Dimap bereits ein entsprechendes Projektdesign entwickelt, wir könnten jederzeit starten. Mit einer kleineren Forschungsförderung durch die Opferhilfe-Organisation "Der Weisse Ring" führen wir gerade eine Pilotstudie durch.

Frage: Warum kommt die französische Studie mit mehr als 300.000 Betroffenen zu völlig anderen Zahlen als die MHG-Studie mit 3.677?

Dreßing: Für die Dunkelfeldstudie wurden 28.000 Personen befragt. Das ist für eine solche Untersuchung immer noch eine verhältnismäßig kleine Stichprobe, mit der man mit statistischen Wahrscheinlichkeiten auf die gesamte Bevölkerung schließt. Meines Erachtens wäre eine deutlich größere Stichprobe sinnvoll, um wirklich verlässliche Aussagen treffen zu können.

Linktipp: Zwei Probleme: Klerikalismus und Sexualmoral

Über die erschreckenden Zahlen zum Missbrauch in der katholischen Kirche haben diverse Medien bereits berichtet. Doch was sind die Ursachen? Und welche Empfehlungen sprechen die Forscher aus? Katholisch.de hat sich die Studie angeschaut – auch im Hinblick auf das "Tabuthema" Homosexualität. (Artikel vom September 2018)

Frage: Sind die französischen Zahlen also wirklich seriös und belastbar?

Dreßing: Ja, aber es bleibt eine gewisse statistische Unsicherheit. Das legen die Kollegen offen und beziffern die Opferzahlen mit einer weit gefassten Eingrenzung – zum Beispiel zwischen 165.000 bis 270.000 Opfer von Priestern und Ordensleuten.

Frage: Nahm die MHG-Studie auch Hochrechnungen vor?

Dreßing: Nein, wir haben Zahlen genannt, die wir aus den kirchlichen Akten ermitteln konnten. Die für Deutschland ermittelten Opferzahlen der MHG-Studie sind die unterste Grenze. Wir haben immer betont, dass das nur die Spitze des Eisbergs und das Dunkelfeld viel größer ist.

Frage: Warum haben Sie sich nicht mit dem Dunkelfeld befasst?

Dreßing: Dafür hatten wir kein Geld, die Fördersumme in Frankreich war fast viermal so hoch wie unsere Mittel. Offenbar war das Budget in Frankreich nicht gedeckelt, wir dagegen hatten einen engen finanziellen Rahmen.

Frage: Wie erklärt sich der Widerspruch zwischen den hohen Opferzahlen der französischen Studie mit den vergleichsweise niedrigen Täterzahlen von rund 3.000?

Dreßing: Durch den Methodenmix: Die Opferzahlen stammen aus der Dunkelfeldbefragung und einer Hochrechnung, die Täterzahlen offenbar aus Archivakten. Das sind zwei ganz unterschiedliche Quellen, die man nicht einfach mischen kann. Würde man das machen, dann hätte ein französischer Kleriker im Schnitt 84 Opfer. Das erscheint mir unwahrscheinlich, wenn man die empirischen Kenntnisse zu pädosexuellen Straftaten in anderen Kontexten zugrunde legt. In der MHG-Studie hatten wir eine mittlere Opferzahl von 2,5 pro Beschuldigten, das findet man in etwa auch in anderen Täterkonstellationen.

Bild: ©ambrozinio - stock.adobe.com (Symbolbild)

In Deutschland ist oft zu hören, es gebe dank guter Prävention heute nur noch sehr wenige Missbrauchsfälle in der Kirche. "Wir haben für den Zeitraum von 2009 bis 2015 festgestellt, dass es keinen Rückgang der Zahlen gab", betont Harald Dreßing.

Frage: Eine Botschaft der französischen Studie ist, dass es auch weiterhin viele Missbrauchstaten im kirchlichen Raum gibt – in Deutschland ist oft zu hören, es gebe dank guter Prävention heute nur noch sehr wenige Fälle. Was stimmt?

Dreßing: Kommt darauf an, welchen Experten Sie fragen. In unserer Studie steht, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder in der katholischen Kirche kein historisches Phänomen, sondern ein anhaltendes Problem ist. Wobei unsere Untersuchung 2015 endet. Wir haben für den Zeitraum von 2009 bis 2015 festgestellt, dass es keinen Rückgang der Zahlen gab. Auch wenn dieses Ergebnis von einigen Diözesen heftig bestritten wurde, es sind exakte Berechnungen.

Frage: Warum trotz Prävention kein Rückgang der Taten?

Dreßing: In der katholischen Kirche gibt es spezifische Risikokonstellationen, die Missbrauch begünstigen. Die Stichwörter lauten klerikale Macht, veraltete Sexualmoral, Zölibat, Ausschluss von Frauen in den Männerbünden. Ohne grundlegende Reformen bleibt ein signifikantes und spezifisches Risiko. Da kann die Kirche noch so viel Prävention machen – sie muss etwas an den Wurzeln ändern.

Frage: Laut der französischen Studie ist die katholische Kirche nach dem Bereich Familie das Umfeld, in dem die Gefahr sexualisierter Gewalt am höchsten ist. Stimmen Sie dieser Analyse zu?

Dreßing: Diese Aussage stammt aus der Dunkelfeldstudie. Ich wäre mit einer solchen Interpretation vorsichtig. Nach unserer Kalkulation müsste man mindestens 100.000 Personen befragen, um belastbare Aussagen zu bekommen.

Grundsätzlich fordere ich zudem eine gesamtgesellschaftliche Wahrheitskommission, die Zugang zu allen Akten haben muss und die systematischen Verstrickungen und Vertuschungen erforschen kann. Dafür braucht es aber wiederum einen politischen Willen und ein entsprechendes Gesetz. Die derzeitigen gesetzlichen Grundlagen geben das nicht her.

Von Volker Hasenauer (KNA)