Lukas Glocker ist Lokaler Koordinator für das Projekt "Kirchenentwicklung 2030"

Dekan zu Freiburger Strukturprozess: Wir brauchen einen Kulturwandel

Aktualisiert am 22.11.2021  –  Lesedauer: 

Bruchsal ‐ Mit dem Projekt "Kirchenentwicklung 2030" möchte sich das Erzbistum Freiburg für die Zukunft aufstellen. Lokale Projektkoordinatoren sollen den Prozess vor Ort erklären. Einer von ihnen ist Dekan Lukas Glocker. Im katholisch.de-Interview spricht er darüber, was für eine Kirche er sich wünscht.

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Sie sollen die Gesichter für das Projekt "Kirchenentwicklung 2030" im Erzbistum Freiburg vor Ort sein: die lokalen Projektkoordinatorinnen und -koordinatoren für die künftig nur noch 36 Pfarreien der Erzdiözese. Dekan Lukas Glocker ist einer von ihnen. Er will den Zukunftsprozess in seinem Dekanat koordinieren – und erklären. Im katholisch.de-Interview spricht er darüber, welche Kritik er erlebt und wie man Vertrauen in diesen Prozess herstellt.

Frage: Herr Dekan Glocker, Sie sind Lokaler Koordinator für das Projekt "Kirchenentwicklung 2030" für Ihr Dekanat. Das klingt erst einmal sehr bürokratisch. Was sind denn Ihre Aufgaben?

Glocker: Dekanatsreferent Thomas Macherauch und ich sind als Tandem die Lokalen Projektkoordinatoren für die künftige Pfarrei Bruchsal. Wir haben von Erzbischof Stephan Burger den Auftrag bekommen, den Weg zur neuen Pfarrei zu initiieren, zu koordinieren und zu begleiten.

Frage: Was heißt das konkret für Ihren Arbeitsalltag?

Glocker: Im September und Oktober gab es Kick-Off-Veranstaltungen, bei denen wir ausgesandt wurden. Seitdem besuchen wir als Tandem die 13 Pfarrgemeinderäte in unserem Dekanat, den Dekanatsrat und die Dekanatskonferenz der Hauptamtlichen, um über das Projekt "Kirchenentwicklung 2030" zu informieren und alle auf den gleichen Stand zu bringen. Wer dort allerdings erwartet, dass wir ganz klar sagen, was wann wie genau geschieht, der irrt sich, denn vieles ist zwar schon vorgegeben – die konkreten Inhalte allerdings nicht. Wir können also im Gespräch mit den Menschen zusammen diesen Weg für unsere künftige Pfarrei gestalten und über Inhalte und Schwerpunkte sprechen und diese festsetzen.

Frage: Ihre erste Aufgabe ist es also vor allem zu informieren?

Glocker: Zu informieren und manchmal auch zu bremsen, denn einige scharren schon mit den Hufen und sagen: endlich bewegt sich in der Kirche etwas. Es heißt zwar "Kirchenentwicklung 2030", aber schon die jetzigen Pfarrgemeinderäte sind die letzten in ihrer Größe. Die Legislaturperiode läuft 2025 aus, danach wird bereits das neue Gremium, der Pfarreirat, gewählt. Bis dorthin werden aber alle Gremien weiterhin ihre Entscheidungen treffen können. Da kann ich als Lokaler Koordinator nicht reingrätschen und sagen: Ihr müsst aber dieses oder jenes Gebäude verkaufen.

Das Projekt "Kirchenentwicklung 2030"

Mit dem Projekt "Kirchenentwicklung 2030" will sich das Erzbistum Freiburg demographischen, gesellschaftlichen und technischen Veränderungen sowie einer sinkenden Zahl von Katholikinnen und Katholiken begegnen. Dazu gehört auch die Zusammenlegung der bisherigen Pfarrbereiche zu 36 neuen Pfarreien. Das Projekt ist in drei Phasen unterteilt: Bis Ende 2022 läuft die Konzeptphase. Ein wichtiger Moment dabei ist die Diözesane Pastoralkonferenz im März 2022, auf der sich Teilnehmende über die Ergebnisse aus Arbeitsgruppen zu verschiedenen Teilbereichen austauschen. In dieser Phase wird auch an einer Gesamtstrategie gearbeitet und Grundlinien werden bis Ende 2022 von Erzbischof Stephan Burger festgesetzt. Ab Mitte 2022 beginnt dann im Projekt die Transformationsphase. 2025/2026 ist die Übergangsphase abgeschlossen und mit der sogenannten Implementierungsphase startet der Alltagsbetrieb. (cbr)

Frage: Solche Strukturveränderungsprozesse gibt es in nahezu allen Bistümern – und gerade Pfarreienzusammenlegungen, die es in diesem Zuge fast immer gibt, lösen oft Unmut aus. Welche Kritik erleben Sie an der Basis?

Glocker: Oft höre ich die Kritik, dass wir weiterhin nur an der Oberfläche und an den Symptomen bleiben, aber nicht an die Ursachen kommen. Warum sind wir denn in diese Situation gekommen und warum ist das kein Einzelphänomen eines Bistums, sondern ein deutschlandweites Phänomen? Natürlich spielen dabei auch Themen wie Macht, Missbrauch, die Rolle der Frau oder der Zölibat eine Rolle. Die Kritik lautet daher: Lasst uns wieder zurück zum Kern kommen, dem Auftrag Jesu Christi in dieser Zeit. Deutschland- und europaweit finden Megatrends statt, die wir nicht beeinflussen können. Selbst die personelle Luxussituation, die wir bis in die 70er und 80er Jahre in den Gemeinden hatten, hat nicht verhindert, dass wir heute sind, wo wir sind.

Frage: Was müsste sich also ändern?

Glocker: Es braucht einen Kulturwandel, einen Paradigmenwechsel. Das ist meine Antwort auf diese berechtigten Fragen. Unser Leitungsverständnis muss sich grundlegend ändern. Ob das möglich sein wird, ist meine Anfrage an den Prozess. Wie Macht partizipativ verteilt werden kann, ist aus meiner Sicht eine der wichtigsten Fragestellungen.

Frage: Über alternative Leitungsmodelle wird nicht nur in Ihrem Bistum diskutiert, sondern in ganz Deutschland und Europa. Selbst bei der Amazonas-Synode war das ein Thema. Wie blicken Sie darauf?

Glocker: Ich wünsche mir eine Kirche, die demütig und partizipativ ist. Diesen Wunsch sehe ich auch deutschlandweit. Ich kann mir allerdings nicht wirklich vorstellen, wie das innerhalb unseres kirchenrechtlichen Systems gut gehen kann. Ich bin im Moment sehr zögerlich, ob es diesen Paradigmenwechsel geben kann. Ich werde aber alles, was in meiner Macht steht, dafür tun, dass wir hier in der künftigen Pfarrei Bruchsal so viel Partizipation bekommen, wie nur möglich. Wir müssen auch für die künftigen Gremien darauf achten, dass sie so paritätisch wie möglich zusammengesetzt sind. Das setzt natürlich voraus, dass wir Frauen finden, die sagen: "Ich habe Vertrauen, dass hier ein Kulturwandel stattfindet."

Dekan Lukas Glocker
Bild: ©Thomas Macherauch

Dekan Lukas Glocker ist lokaler Projektkoordinator für das Dekanat Bruchsal im Erzbistum Freiburg.

Frage: Stichwort Vertrauen: Wie schafft man es, das in so einem Projekt herzustellen?

Glocker: Ganz einfach: demütig, authentisch und glaubwürdig leben.

Frage: Das ist ja kein ganz neuer Vorsatz…

Glocker: Das stimmt. Das wird die vorhergehende Generation auch als Anspruch gehabt haben. Aber ich habe die Hoffnung, dass jetzt die Zeit reif ist, dass wir wirklich konsequent umdenken. Ich kann Freiburg oder Rom nicht beeinflussen, aber ich kann natürlich vor Ort schauen, wo es geistliche Sehnsüchte und Aufbrüche gibt. Es ist nicht neu, aber es ist jetzt zwingend notwendig, dass wir glaubwürdig leben.

Frage: Gibt es bei Ihren Gesprächen mit Pfarrgemeinderäten oder anderen Gremien auch Menschen, die sagen: "Jetzt verschwindet auch noch der Pfarrer hier vor Ort." Ist die Sorge, dass das religiöse Leben vor Ort ausstirbt?

Glocker: Die Sorge gibt es auf jeden Fall – und sie wäre berechtigt, wenn die neue Pfarrei einfach nur die nächste größere territoriale Einheit wäre. Ich bin von unserem Erzbischof aber zutiefst überzeugt, dass er es ernst meint und dass es wirklich um ein anderes Verständnis von Pfarrei geht. Inwieweit wir das den Menschen glaubwürdig vermitteln können, ist die spannende Frage. Wir können gemeinsam entscheiden, dass oder was vor Ort Leben stattfindet. Ja, es wird vielleicht kein Pfarrer mehr da sein. Das heißt, wir werden vielleicht auch die Rolle der Hauptamtlichen und engagierten Ehrenamtlichen noch einmal neu definieren müssen, als Unterstützung für das Glaubensleben vor Ort.

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Frage: Damit wird auch Ehrenamtlichen sehr viel zugemutet. Haben Sie Sorge, dass das Engagement der einzelnen Gläubigen in der Heimatpfarrei aufhören könnte, wenn es jetzt größere Pfarreinheiten gibt und nicht mehr jeden Sonntag eine Messe vor Ort gefeiert wird?

Glocker: Ja, die Sorge habe ich. Eine Sorge erkannt zu haben, heißt auch nicht, dass sie sofort weg ist. Aber ich sehe da tatsächlich ein unendliches Potenzial. Wenn es in einem kleineren Ort auch heute schon am Sonntag keine Messe mehr gibt, kann ich entweder moralisch den Zeigefinger heben und verlangen, dass die Gläubigen sich selbst bewegen, um "ihre" Kommunion zu bekommen und ihre Sonntagspflicht zu erfüllen. Oder aber ich entfalte eine lebendige und vielfältige Gottesdienstkultur. In dem Moment, wo ich die Sonntagspflicht erfülle, damit sie erfüllt ist, ist sie nicht mehr erfüllt. Es geht um das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu Christi – und das kann ich auf ganz unterschiedliche Art und Weise feiern. Für die Menschen, die den Servicecharakter der Kirche lieben, die sich gerne in der Kirchenbank zurücklehnen und warten, dass der Pfarrer eine schöne Predigt serviert und dann die Kommunion austeilt, wird es ein krasser Schnitt sein und dort wird es auch Entfernungen und Enttäuschungen geben. Aber für diejenigen, die sagen: "Ich bin getauft, gefirmt und habe Charismen, die ich einbringen möchte", wird es viele Möglichkeiten der kreativen Gestaltung geben.

Frage: Wie blicken Sie selbst als Dekan auf solche Entwicklungsprozesse? Sie leiten ja schon jetzt ein großes Dekanat, eine sehr große Einheit, die man nicht bis ins letzte Detail überblicken kann.

Glocker: Ich weiß, meine Rolle und mein Arbeitsfeld werden sich ändern. Das ist aber etwas sehr Natürliches. Ich war erst Kaplan und dann Jugendseelsorger und habe mich in beiden Rollen sehr wohl gefühlt. Dann wurde ich Leiter einer Seelsorgeeinheit, habe dann noch eine zweite dazubekommen. Diesen Wandel gab es schon immer. Ich habe einen riesigen Respekt vor der Aufgabe – aber auch eine riesige Freude, weil ich glaube, dass das jetzt der richtige Weg ist.

Von Christoph Brüwer