Interview über Pastoral für queere Menschen in den Bistümern

Seelsorger Heek: Kirche muss queeren Menschen ihre Offenheit zeigen

Aktualisiert am 14.12.2021  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Erfahrungen austauschen, Unsicherheiten besprechen: Das wollen Seelsorgende für queere Menschen aus 15 Bistümern in einer gemeinsamen Arbeitsgemeinschaft. Andreas Heek koordiniert sie und erklärt im katholisch.de-Interview, warum sich die Kirche bei queeren Menschen entschuldigen müsste.

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Mitte November kündigte das Bistum Mainz an, Ansprechpersonen und seelsorgliche Angebote für queere Menschen einzuführen – und ist damit nicht allein. In 15 Bistümern gibt es bereits Seelsorgerinnen und Seelsorger, die damit beauftragt sind. Sie alle sind in der "Arbeitsgemeinschaft LSBTIQ*-Pastoral in den deutschen Diözesen" organisiert. Koordiniert wird diese Arbeitsgemeinschaft von den jeweiligen Arbeitsstellen für Männerseelsorge und Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz. Im Interview spricht der Leiter der Arbeitsstelle für Männerseelsorge, Andreas Heek, über die Aufgaben der Arbeitsgemeinschaft, Unsicherheiten bei Seelsorgenden und seine Wünsche für die Pastoral für queere Menschen.

Frage: Herr Heek, insgesamt 15 Diözesen haben Seelsorgerinnen und Seelsorger für homosexuelle Menschen benannt, die in einer gemeinsamen Arbeitsgemeinschaft organisiert sind. Warum gibt es die "Arbeitsgemeinschaft LSBTIQ*-Pastoral in den deutschen Diözesen"?

Heek: Sie dient hauptsächlich dazu, Erfahrungen in diesem relativ neuen pastoralen Feld auszutauschen und Konzepte miteinander zu besprechen. Es gibt in jedem dieser Bistümer ein eigenes Konzept und eigenes Personal dafür. Außerdem kommen bisweilen Fachleute aus Psychologie oder Theologie zu den Treffen der Arbeitsgemeinschaft, um uns in diesem Feld weiterzubilden, das für viele Kolleginnen und Kollegen relativ neu ist.

Frage: Seit wann genau gibt es diese Arbeitsgemeinschaft?

Heek: Die Arbeitsgemeinschaft selbst gibt es offiziell seit 2016, als von der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz der Auftrag an die Seelsorgenden erging, sich auf Bundesebene zu vernetzen. Die beiden Arbeitsstellen für Frauen- und Männerseelsorge, das heißt konkret die beiden Leitungen Dr. Aurica Jax und ich, haben dann die Koordination dieser Arbeitsgruppe übernommen. Davor gab es aber schon über 20 Jahre lang Treffen der Beauftragten für dieses pastorale Feld.

Frage: Was wird bei Ihren Treffen denn konkret besprochen?

Heek: Die Kolleginnen und Kollegen besprechen dort vor allem Fragen miteinander, die in ihrer täglichen Arbeit aufkommen. Wenn beispielsweise ein kirchlicher Mitarbeiter standesamtlich einen gleichgeschlechtlichen Partner heiraten möchte und den Beauftragten oder die Beauftragte fragt, ob er jetzt vom Dienstgeber entlassen wird, sprechen wir darüber, wie das in anderen Diözesen gehandhabt wird. Ein anderes Thema ist die kritische Post von Christinnen und Christen, die überhaupt nicht verstehen können, dass es solche Beauftragungen gibt und die glauben, dass Homosexualität eine Sünde ist. Es ist auch psychisch nicht so leicht zu ertragen, wenn man so einem regelrechten Shitstorm ausgesetzt ist und derart im Fokus steht.

„Uns geht es nicht darum, das kirchliche Lehramt zu verändern, sondern wir stellen uns den Sorgen und Anliegen der Menschen, die glaubende Christen sind und auf uns zukommen.“

—  Zitat: Andreas Heek

Frage: Sie haben gerade die Fortbildungen angesprochen. Wie bildet man Seelsorgende für ein pastorales Feld fort, das vom kirchlichen Lehramt so deutlich abgelehnt wird?

Heek: Eine richtige Fortbildung in dem Sinne, dass man den besonderen Umgang mit diversen Menschen lernt, gibt es aktuell nicht. Was für alle Seelsorgefelder gilt, gilt auch für dieses pastorale Feld: wir brauchen Qualitätsstandards, die noch entwickelt werden müssen. Denn es gibt viele Unsicherheiten bei den Kolleginnen und Kollegen, die eine Diskrepanz zwischen dem kirchlichen Lehramt und der pastoralen Notwendigkeit im Umgang mit queeren Menschen erleben. Uns geht es nicht darum, das kirchliche Lehramt zu verändern, sondern wir stellen uns den Sorgen und Anliegen der Menschen, die glaubende Christen sind und auf uns zukommen. Unsere Treffen dienen eben auch dazu, solche Standards für eine gute seelsorgerliche Praxis zu entwickeln.

Frage: Merken Sie, dass auch auf der Seite der Bistümer Unsicherheiten bestehen?

Heek: In den Gesprächen, die ich mit Bischöfen zu diesem Thema führe, merke ich eine große Offenheit. Die Sensibilität dafür, dass wir eine offene und inklusive Kirche sind, ist enorm gestiegen. Gerade auf der pastoralen Ebene treffe ich auf großes Interesse, das Arbeitsfeld weiterzuentwickeln.

Frage: Wie ist die Seelsorge für queere Menschen denn grundsätzlich in den Diözesen geregelt? Kann man das miteinander vergleichen?

Heek: Das ist ganz unterschiedlich geregelt. Es gibt keine vollen Stellen für diesen Bereich, aber wir nehmen wahr, dass es oft zwei Beauftragte gibt, eine Frau und einen Mann. Oft haben sie zusätzliche Aufgaben in der Frauen- oder Männerseelsorge oder der Familienpastoral. In den Diözesen bilden die meisten dann Arbeitskreise mit queeren Menschen oder Seelsorgerinnen und Seelsorgern in den Dekanaten oder größeren Einheiten.

Dr. Andreas Heek
Bild: ©Privat

"Gerade auf der pastoralen Ebene treffe ich auf großes Interesse, das Arbeitsfeld weiterzuentwickeln", sagt Andreas Heek. Er leitet die Kirchliche Arbeitsstelle für Männerseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz und koordiniert die Arbeitsgemeinschaft LSBTIQ*-Pastoral.

Frage: Wann sind denn die ersten Beauftragten für Homosexuellen-Pastoral in den Bistümern ernannt worden?

Heek: Es gibt keine richtigen Dokumente dazu, weil es in der Anfangszeit so gut wie keine offiziellen Beauftragungen gab. Auf dem Höhepunkt der Aids-Epidemie in den 90er-Jahren ist dieses Aufgabenfeld entstanden, aus einer erkannten Notlage von Menschen, die zu einem hohen Prozentsatz homosexuell waren. Einige Ordensschwestern und Pfarrer, die in Kliniken gearbeitet haben, haben gesagt: Wir brauchen ein seelsorgliches Angebot für homosexuelle Menschen generell. Bischof Klaus Hemmerle in Aachen hat eine der ersten Beauftragungen ausgesprochen, ein wenig später dann – man wundert sich vielleicht – Kardinal Joachim Meisner für das Erzbistum Köln. Der erste Impuls war damals noch, dass diese Beauftragten geeignete Beichtväter zur Verfügung stellen sollten für diejenigen homosexuellen Gläubigen, die die vom kirchlichen Lehramt auferlegte Keuschheit nicht einhalten. Das war der Anfang.

Frage: Mittlerweile haben 15 von 27 Bistümern einen Beauftragten für die Pastoral mit queeren Menschen benannt. Was ist mit den anderen Bistümern? Wollen die nicht, oder sind sie einfach noch nicht so weit?

Heek: Es gibt Entwicklungen in vielen Diözesen, wie eingangs schon gesagt. Und ich weiß, dass einige Bistümer grundsätzlich keine Sonderbeauftragungen für pastorale Felder mehr aussprechen. Aber auch dort gibt es Gesprächskreise und Vernetzungen zwischen queeren Menschen und der Seelsorge. Die Pastoralkommission hat in diesem Herbst erneut Weihbischof Schepers (Essen) für die Kontakte zur LSBTI*-Pastoral benannt und somit deutlich gemacht, dass sie dieses pastorale Arbeitsfeld bedeutsam findet. Ich vermute, dass der Synodale Weg auch weiterhin Bewegung in den Bistümern auslösen wird.

Frage: Wie lange könnte das dauern?

Heek: Wenn das Tempo so weitergeht, wie wir das gerade erleben, dann kann das relativ schnell gehen. In den vergangenen drei Jahren haben ungefähr zehn Bistümer neue Beauftragungen ausgesprochen. Das ist ein Feld, in dem die Kirche sich weiterentwickelt, obwohl die ganz großen dogmatischen oder moraltheologischen Fragen noch nicht endgültig vom Lehramt entschieden sind. Und ich glaube, dass das auch ein wichtiges Signal an die nichtkirchliche Öffentlichkeit ist: Die Kirche kann sich tatsächlich transformieren.

Frage: Was ist Ihnen für die Zukunft der Pastoral für queere Menschen wichtig?

Heek: Ich finde es wichtig, dass wir diversen Christinnen und Christen vermitteln: "Wir sind wirklich offen für euch." Die größer werdende Zahl der Beauftragungen zeigt, dass wir uns ihnen ehrlich zuwenden, auch über das hinaus, was im Katechismus über den respektvollen Umgang mit ihnen steht. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich viele homosexuelle Frauen und Männer von der Kirche abgewendet haben. Eigentlich müssten wir bei jedem Kontakt mit ihnen erstmal um Verzeihung dafür bitten, wie Kirche mit ihnen und ihren Lebensformen umgegangen ist. Es ist noch ein weiter Weg, bis wir es schaffen, dass junge Menschen wieder sagen: Wenn ich homosexuell bin, kann ich trotzdem katholisch sein und mich aus vollem Herzen in der Kirche engagieren. Es schmerzt mich, dass wir da noch einen weiten Weg vor uns haben. Aber ich bin optimistisch, dass wir gemeinsam mit allen, die sich für queere Menschen einsetzen und zusammen mit ihnen diesen Weg konsequent weitergehen.

Von Christoph Brüwer