Spiritualität mit Zeit und ohne Entfernung

Wie ein Internetseelsorger auch in dunklen Zeiten Hoffnung vermittelt

Aktualisiert am 03.12.2021  –  Lesedauer: 
#jetzthoffnungschenken

Aschaffenburg ‐ Tod, Trauer, Leid: Oft sind es herausfordernde Themen, mit denen Seelsorger konfrontiert werden. Im katholisch.de-Interview erklärt Internetseelsorger Walter Lang, wie er mit solchen Anfragen umgeht, wie er versucht, Hoffnung zu vermitteln und wann er einen "geistlichen Ölwechsel" braucht.

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Walter Lang ist Internetseelsorger im Bistum Würzburg und gehört zu einer Gruppe von pastoralen Mitarbeitenden, die auf der Plattform internetseelsorge.de für seelsorgliche Gespräche zur Verfügung stehen. Jeder kann sich dort anmelden, einen Benutzernamen und ein Passwort auswählen und – wenn er möchte – ganz anonym seine Anfrage an einen der Seelsorgenden stellen, der ihm dann wieder schriftlich antwortet. Wie sich die Anfragen durch die Corona-Pandemie verändert haben, wie er mit Leid und Not umgeht und wo er selbst Hoffnung und Kraft schöpft, erzählt Walter Lang im Interview.

Frage: Herr Lang, wenn man sich die aktuelle Corona-Lage anschaut, dann steht uns wahrscheinlich wieder ein Weihnachtsfest mit vielen Einschränkungen bevor. Merken Sie das auch in Ihrer Arbeit als Internetseelsorger?

Lang: Viele Menschen, die sich auf der Internetseelsorge-Plattform melden, haben Schwierigkeiten damit, ihre Fragen, Probleme oder das, was sie beschäftigt, konkret auszusprechen oder wollen erstmal einfach etwas loswerden. Es ist aber schon so, dass viele Menschen, die vor der Pandemie schon alleine gelebt haben, dieses Alleinsein gerade in der Corona-Zeit noch deutlich als Herausforderung wahrnehmen. 

Frage: Das Thema Einsamkeit hat also zugenommen?

Lang: Ja, auf jeden Fall. Ein Beispiel: Jemand, dessen Ehepartner vielleicht schon vor Beginn der Pandemie verstorben ist, muss die Herausforderungen dieser aktuellen Zeit alleine meistern. Da geht es oft auch um ganz praktische Dinge wie den Umzug, aber auch um das Alleinsein im Alltag. Viele wünschen sich dann, dass jemand sie dabei begleitet.

Frage: Was können Sie solchen Menschen als Seelsorger mit auf den Weg geben?

Lang: Mein Ansatz ist, mit der Person zu schauen, welche Ressourcen es im persönlichen Umfeld, in der Verwandtschaft oder Bekanntschaft gibt, die man aktivieren könnte. Wenn da nichts ist, schauen wir gemeinsam beispielsweise nach Beratungsstellen, wenn jemand psychosoziale Hilfe benötigt – je nachdem, wie die Person sich darauf einlassen kann. Oft ist die Anfrage bei der Internetseelsorge ein erster Hilferuf, weil jemand gar nicht mehr weiß, wie er weiterkommen kann. Manche sind aber auch einfach froh, ihre Last einmal abladen zu können und schreiben am Ende der Mail: "Alleine die Tatsache, dass ich Ihnen das jetzt aufgeschrieben habe, hat meinen Blick auf meine Situation verändert."

Bild: ©picture alliance/imageBROKER (Symbolbild)

"Heute sind wir es durch unsere direkten Kommunikationskanäle und Instant Messenger gewohnt, sofort eine Antwort zu bekommen", sagt Internetseelsorger Walter Lang. Durch die langsamere Form der Seelsorger per Mail hätten die Anfragen dagegen die Gelegenheit, Angebote auch sich wirken zu lassen und damit weiterzugehen.

Frage: Inwiefern ist es da ein Vorteil, dass die Menschen das aufschreiben und länger darüber nachdenken können, was sie schreiben?

Lang: Diese asynchrone Zeit der Begleitung, Beratung und Seelsorge lässt der anfragenden Person die Zeit, den Text in der Art und Weise und auch der Geschwindigkeit zu schreiben, wie sie das kann. Gleichzeitig habe ich als Seelsorger auch die Möglichkeit, mit einem gewissen Abstand zu antworten und alles auf mich wirken zu lassen. Heute sind wir es durch unsere direkten Kommunikationskanäle und Instant Messenger gewohnt, sofort eine Antwort zu bekommen. Durch die Verlangsamung haben auch die Anfragenden die Gelegenheit, die Angebote der Seelsorgerinnen und Seelsorger auf sich wirken zu lassen und damit weiterzugehen.

Frage: Wie groß ist die Gefahr, dass man als Seelsorger in Floskeln oder allgemeine Formulierungen verfällt?

Lang: Theoretisch würde es das System zulassen, dass man Textbausteine verwendet – aber das nutze ich nicht. Ich antworte nicht immer direkt, sondern lasse beim Lesen des Textes auch Bilder entstehen, bei denen ich die anfragende Person frage: "Stimmt dieses Bild?" Durch dieses ständige Kontrollieren und Rückversichern entsteht das Gesamtbild eines Menschen, auf das ich als Seelsorger eingehe – ohne Floskeln und inhaltsleere Phrasen. Das verlangt auch, dass ich die Anfrage so ernstnehme, wie sie geschrieben ist.

Frage: Oft sind es sicherlich Not, Leid und Trauer, mit denen Sie als Seelsorger konfrontiert sind. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Lang: Da braucht es eine gute psychische Hygiene und Achtsamkeit dafür, was man aus diesen Gesprächen mitnimmt. Alle Seelsorgerinnen und Seelsorger bei uns haben ein Supervisionsangebot, das sie auch wahrnehmen. Da kann man herausfordernde Themen besprechen, die einen nicht mehr loslassen, oder Situationen, die sich nicht auflösen lassen, die einen ratlos zurücklassen, oder wo der Kontakt abbricht. Ganz praktisch hilft es mir bei einer belastenden Mail auch oft, einfach rauszugehen und etwas anderes zu machen.

Internetseelsorger Walter Lang
Bild: ©Privat

"Für mich ist die Grundvoraussetzung für meine Arbeit, dass Gott mit jedem Menschen unterwegs ist", sagt Walter Lang. Der Internetseelsorger aus der Diözese Würzburg möchte mit seiner Arbeit dieses Angenommensein vermitteln.

Frage: Versuchen Sie bei Anfragen generell eher, sich in die Situation hineinzuversetzen und möglichst empathisch zu sein, oder lassen sie das lieber nicht so nah an sich ran?

Lang: Wichtig ist es, dass es einem gelingt, eine professionelle Distanz zu wahren. Das heißt aber nicht, dass ich nicht empathisch bin! Ich drücke in meiner Mail einfach das aus, was ich in meiner Betroffenheit bei mir spüre und wo ich merke, was die Person als wirklich belastend oder herausfordernd erlebt. Anders als bei Seelsorgegesprächen, bei denen die Person direkt vor mir sitzt, kann ich bei den Texten die Gesichtsausdrücke und vielleicht auch Tränen der Person nicht sehen. Das macht die Schriftform durchaus schwieriger.

Frage: Als Seelsorger der Hoffnung schenken und verbreiten will, braucht man ja auch selbst Hoffnung. Woher beziehen Sie die?

Lang: Das hat sich im Laufe meiner beruflichen Laufbahn immer wieder verändert. Ich habe mit meiner Familie lange einen ganz intensiven Kontakt zur ökumenischen Gemeinschaft von Taizé gehabt und war immer wieder dort, um aufzutanken. Ich gehe selbst auch immer wieder in Exerzitien, um mich ein Stück neu zu ordnen und sozusagen einen geistlichen Ölwechsel zu machen. In letzter Zeit hilft mir auch eine regelmäßige Meditationspraxis, um auf einem Level zu bleiben und meine Christusbeziehung zu pflegen.

Frage: Wenn man diese Hoffnung und diese positiven Erfahrungen erlebt, wie schafft man es, das in seelsorglichen Gesprächen zu vermitteln und anderen Menschen das mit auf den Weg zu geben?

Lang: Für mich ist die Grundvoraussetzung für meine Arbeit, dass Gott mit jedem Menschen unterwegs ist. Dieses Angenommensein möchte ich durch meine Arbeit als Seelsorger vermitteln. Dazu gehören auch meine Antworten in der Internetseelsorge. Gerade wenn ich spüre, dass Menschen spirituell auf der Suche oder offen für Spiritualität sind, dann thematisiere ich das auch und empfehle vielleicht einen Psalmtext, ein Gedicht oder ein Gebet.

Frage: Melden sich manchmal nach einem Seelsorgegespräch Menschen nach längerer Zeit zurück und bedanken sich?

Lang: Wenn es zu einem Abschluss kommt, melden sich die Personen meist mit einer Rückmeldung, was hilfreich war und wie sie die Nachrichten erlebt haben. Vor etwa zwei Jahren hat sich eine Anfragende einmal mit einem Brief gemeldet, den ich an unseren Generalvikar weiterleiten sollte. Darin hat sie sich sehr stark dafür bedankt, dass es dieses Angebot gibt und betont, wie wichtig es ist, dass es das in der heutigen Zeit gibt. Es ist schön, sowas zu lesen, weil man sonst keine wirkliche Feedback-Möglichkeit hat. Ich arbeite seit 2015 auf dieser Stelle und es kommen immer wieder Rückmeldungen von Menschen, die sich bedanken und schreiben: "Das ist ein tolles Angebot. Machen Sie weiter so!"

Von Christoph Brüwer

Aktion #jetzthoffnungschenken

Die Zahlen sind erschreckend: Jede vierte Person in Deutschland fühlt sich einsam. Und es sind nicht nur ältere Menschen betroffen. Einsamkeit ist ein gesamtgesellschaftliches Problem – unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft. Dabei reichen oft nur kleine Gesten wie ein Lächeln, ein freundliches Wort, ein offenes Ohr oder etwas Zeit, um seinem Gegenüber Hoffnung zu schenken. Mit der Aktion #jetzthoffnungschenken will das Katholische Medienhaus in Bonn gemeinsam mit zahlreichen katholischen Bistümern, Hilfswerken, Verbänden und Orden im Advent 2021 einen Beitrag gegen Einsamkeit leisten. Erfahren Sie mehr auf jetzthoffnungschenken.de.