Kolumne: Mein Religionsunterricht

Wie Schüler den Kreuzestod Jesu begreifen können

Aktualisiert am 03.12.2021  –  Lesedauer: 

Paderborn ‐ Kreuze sind allgegenwärtig. Was verbinden Jugendliche mit ihnen? Reli-Lehrer Rudolf Hengesbach stieß auf Kreuzwege, die die Relevanz des Kreuzestodes Jesu vermitteln – und die sein Leben mit dem der Schüler in Verbindung bringen.

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"'Ihr aber, für wen haltet ihr mich?' (Mk 8,29) – Zugänge zu Jesus Christus heute": So lautete das Thema einer Tagung von Religionslehrerinnen und Religionslehrern im November in der Katholischen Akademie in Schwerte, eine Frage, die in meinen vielen Berufsjahren als Religionslehrer immer wieder eine entscheidende Rolle gespielt hat. Mir sind in diesen Tagen noch einmal neu Grenzen, aber auch Chancen von Zugängen zu Jesus Christus deutlich geworden. In diesem Zusammenhang eignet sich für eine Spurensuche unter anderem eine Beschäftigung mit dem Kreuzestod Jesu und mit der Tradition des Kreuzwegs, auch weil ein solcher Inhalt mit Blick auf konfessionelle Kooperation im Religionsunterricht fruchtbar sein kann.

Kreuze sind in unserem Leben allgegenwärtig – am Wegesrand, in Kirchen und last but not least als Schmuck für Jugendliche. Aber was verbinden Menschen von heute und insbesondere Jugendliche mit dem Kreuz und mit dem Gekreuzigten? Ist Ihnen bewusst, was eine Kreuzigung zur Zeit Jesu bedeutete? Damit meine ich insbesondere sowohl die Brutalität dieser Art von Hinrichtung als auch die damit verbundene Schande für Freunde und Angehörige. Lassen sich heutige Jugendliche überhaupt von einem solchen Geschehen berühren? Oder anders gewendet: Gibt es überhaupt Chancen, an dieser Stelle Korrelationen zwischen Glauben und Leben aufzudecken?

Die Bedeutung von Kreuzwegen

Hinzu kommt die Frage nach Konfessionsspezifika, mit deren Hilfe die Lernausgangslage näher spezifiziert werden kann. Wahrscheinlich kann man davon ausgehen, dass die Mehrheit sowohl der katholischen als auch der evangelischen Schülerinnen und Schüler beispielsweise mit der Bedeutung von Kreuzwegen recht wenig anfangen kann, obwohl sie in einigen Städten und in katholischen Kirchen in unterschiedlicher künstlerischer Ausprägung durchweg zu finden sind. Die Wahrnehmung auf evangelischer Seite gibt recht gut der Ausspruch einer evangelischen Lehramtsanwärterin am Ende einer gemischt konfessionellen Arbeitsphase wieder: "Jetzt habe ich zum ersten Mal richtig verstanden, was für euch Katholiken der Kreuzweg bedeutet!" Dieses Schlaglicht zeigt, dass es sich mit Blick auf den Kreuzweg um einen konfessionell spezifischen Inhalt handelt. Kreuzwege gibt es schon sehr lange, sind aber in der evangelischen Tradition nicht verankert. Die Kreuzigung Jesu gehört aber dennoch zu den zentralen interkonfessionellen Gemeinsamkeiten.

Bild: © t0m15 - stock.adobe.com

Der Kreuzweg: Was können Jugendliche damit heute anfangen?

Seit 1958 gibt es auf katholischer Seite das Projekt von Jugendkreuzwegen, die seit 1972 ökumenisch durchgeführt werden und somit einen Versuch darstellen, Jugendlichen beider Konfessionen einen Kreuzweg vorzuschlagen, um ihr Leben mit sieben Stationen des Kreuzwegs Jesu in Beziehung zu setzen. Bei der Vorbereitung auf einen Arbeitskreis der Tagung stieß ich auf zwei dieser Jugendkreuzwege, die mir besonders geeignet erscheinen, die Relevanz des Kreuzestodes Jesu für Jugendliche heute in den Blick zu nehmen. Es handelt sich dabei um  den Kreuzweg ICON aus dem Jahre 2020 und den Kreuzweg #beimir aus dem Jahre 2018.

ICON verbindet die Kommunikation Jugendlicher über Icons, den Symbolen, Graphiken und zu Bildern verdichteten Zeichensystemen in den sozialen Netzwerken mit der mit Hilfe von Ikonen möglichen Kommunikation mit Jesus, bildet nicht die "vera icona" des leidenden Jesus ab und lädt ein, das Antlitz Jesu, den leidenden Jesus im tiefsten Sinne zu erkennen. ICON enthält Szenen aus einem Dresdner Ikonenkreuzweg, der 2012 von dem russischen Künstler Alexander Stoljarov gemalt und der Gemeinde St. Hubertus geschenkt wurde, die mit der Lebenswelt Jugendlicher in Verbindung gebracht werden, wie zum Beispiel die Szene von der Grablegung Jesu mit Erfahrungen und Gefühlen bei der Beerdigung einer Freundin, die durch einen Fahrradunfall ums Leben gekommen ist.

Auch auf andere Situationen übertragbar

Der Jugendkreuzweg #beimir weist im Titel ein Doppelkreuz auf, das auf eine Verbindung des eigenen Lebensweges mit dem Weg Jesu hinweist. Jesus ist zum Beispiel in eine Alltagsszene hinein"gezeichnet", die eine Schlange Jugendlicher vor einem Eiscafe abbildet. Im Kopfkino eines Jugendlichen, so der Begleittext, bilden sich ungute Gefühle, nur weil ein Jugendlicher anders aussieht und vielleicht aus einem arabischen Land kommt – könnte ja sein, dass… Korreliert wird an dieser Stelle das Verurteilen eines Menschen mit der Verurteilung Jesu. Oder die Kreuzigung Jesu, die korreliert wird mit einem Unfalltod, der, wie so oft, durch ein Kreuz am Straßenrand dokumentiert wird, an dem einige Menschen achtlos vorüber gehen. Auf eine solche Weise werden zahlreiche Lebenssituationen Jugendlicher sozusagen "eingefangen" und in Beziehung zum Leben Jesu gesetzt in der Hoffnung, dass Kommunikation über die Bilder stattfindet, die Bilder in das Leben der Jugendlichen "eindringen" und Betroffenheit bewirken.

Da es Ikonen auch jenseits des Kreuzwegs gibt und ein ähnlicher Eintrag Jesu in Alltagssituationen wie in den Bildern von #beimir möglich ist, ist der Ansatz der Jugendkreuzwege auch auf andere Situationen im Lebensweg Jesu – durchaus auch im Kontext von Weihnachten mit Hilfe einer Weihnachtsikone – denkbar.

Von Rudolf Hengesbach

Zur Person

Rudolf Hengesbach war Lehrer an einem Gymnasium in Paderborn und Vorsitzender des Bundesverbandes katholischer Religionslehrer.

Themenseite: Kolumne "Mein Religionsunterricht"

Wie funktioniert Religionsunterricht heute? Genau dieser Frage geht die neue katholisch.de-Kolumne nach. Lehrer verschiedener Schulformen berichten darin ganz persönlich, wie sie ihren Unterricht gestalten, damit sie die Jugend von heute noch erreichen.