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Standpunkt

Wenn Kleriker statt Pastoren reißende Wölfe sind

Erschütternde Details aus einem Missbrauchsprozess gegen einen Priester, dazu die jüngsten Recherchen über das Bistum Trier: Die Monstrosität verschlägt Werner Kleine den Atem. Viele "Pastoren" seien statt Hirten reißende Wölfe, kommentiert er.

Von Werner Kleine |  Bonn - 13.12.2021

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Die Monstrosität verschlägt den Atem. Auch zwölf Jahre nach der Offenlegung von Missbrauchsfällen am Berliner Canisius-Kolleg wird das Grauen über die menschlichen Abgründe, die sich immer tiefer auftun, stetig größer. Pfarrer U., der derzeit in Köln vor Gericht steht, hat nicht nur seine Nichten zigfach sexuell missbraucht, sondern auch seine Pflegetochter und – als er vorübergehend im Jahr 2010/2011 beurlaubt war – ein elfjähriges Mädchen in Wuppertal. Danach stand er selbstverständlich wieder hinter dem Altar. Auch die jüngste Spiegelrecherche zeigt, wie im Bistum Trier Priester offenkundig ohne jede Scham Menschen wie Spielzeug für die Befriedigung der eigenen Triebe benutzten – und weiter "geistlich" handelten. Die Bischöfe wussten davon – und das wird nicht nur in Trier, Köln und München so sein. Peter Otten stellt zu Recht feststellt, dass "im Zentrum der amtskirchlichen Heiligkeit (…) das fleckige Nichts" bleibt. Jede Hand, die an Kinder gelegt wurde, statt sie zu segnen, ist zerstörerisch. Jede Hand, die schützend über Täter statt über Betroffene gehalten wurde, verrät die Sache Jesu. Der nämlich warnte einst seine Jünger: "Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben! Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht!" (Mt 10,16f).

Nun nennen sich die Täter selbst gerne Hirten. Sie lassen sich als "Pastor" anreden oder tragen den Hirtenstab. Viele, allzu viele der sogenannten Hirten handelten in Wahrheit als Jünger Isegrims wie reißende Wölfe. Betroffene tragen das Erlebte ein Leben mit sich herum. Währenddessen wollen klerikale Täter und Vertuscher lieber nicht mit der Vergangenheit konfrontiert werden.

Die Spiegelreportage endet mit einer monströsen Szene. Ein ehemals ranghoher Kleriker des Bistums Trier fügt bei Tierfilm und Käsebrot der Banalität des Bösen eine weitere Nuance hinzu: "'Vertuscht haben wir.' Vertuschen sei nichts Schlechtes, sagt die Person, vertuschen sei auch gesund, es müsse nicht immer alles rauskommen." Empathie ist wohl völlig überbewertet. Wahre Wölfe wissen das. Ahnen sie auch, dass die Zeit nahe ist, in der die Mächtigen vom Thron gestoßen und die Niedrigen erhöht werden? Weihevolle Worte helfen nicht mehr weiter. Die Zeit der Reinigung hat begonnen. Wer es immer noch nicht ahnt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Von Werner Kleine

Der Autor

Dr. Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.