Autonomie und Verhältnismäßigkeit müssten mehr bedacht werden

Moraltheologin Westerhorstmann gegen allgemeine Impfpflicht

Aktualisiert am 12.01.2022  –  Lesedauer: 

Rom ‐ Aktuell diskutiert die Politik über die Einführung einer Impfpflicht in Deutschland. Die Moraltheologin Katharina Westerhorstmann sagt nun, warum sie gegen eine allgemeine Verpflichtung zur Corona-Impfung ist.

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Die Moraltheologin Katharina Westerhorstmann hat sich gegen eine allgemeine Impfpflicht ausgesprochen. Die Gewissensentscheidung von Menschen, die sich nicht gegen das Coronavirus impfen lassen möchten, müsse berücksichtigt werden, sagte die in Österreich lehrende deutsche Theologin am Dienstag im Interview mit "Vatican News". Die Autonomie über den eigenen Körper sei eine Grundlage der medizinischen Versorgung. Die derzeit vorherrschende Omikron-Variante des Virus führe durch ihre rasante Ausbreitung mit mildem Verlauf zudem dazu, dass in kurzer Zeit sehr viele Menschen durch das Überstehen der Krankheit immunisiert würden, so Westerhorstmann. "Und das, meine ich, ist zum Beispiel ein Argument gegen die Einführung einer Impfpflicht." Gleichzeitig betonte sie, dass sie sich nicht gegen eine berufsbezogene Impfpflicht oder generell gegen Impfungen ausspreche. Westerhorstmann ist selbst grundimmunisiert und geboostert. Aktuell besteht in Deutschland noch keine Corona-Impfpflicht, doch die Bundesregierung hat sich für eine Einführung ausgesprochen. Bundestagsabgeordnete rechnen mit einer Entscheidung bis Ende März. In Österreich gilt eine allgemeine Impfpflicht ab Februar.

Ein weiteres Argument gegen eine allgemeine Impfpflicht sei die Verhältnismäßigkeit, sagte Westerhorstmann. Dabei bezog sie sich auf ein Minderheitenvotum von vier Mitgliedern des Deutschen Ethikrates, die sich vor einigen Wochen aufgrund der Unsicherheiten in der Pandemie und Unklarheiten hinsichtlich der Impfung sowie ihrer Wirksamkeit gegen eine Impfpflicht ausgesprochen hatten. "Das ist zum Beispiel ein recht starkes Argument, wie ich finde", so die Moraltheologin. Sie kritisierte weiter, dass in anderen Ländern dringend für eine Grundimmunisierung benötigte Impfdosen in der westlichen Welt für Booster-Impfungen verwendet würden. Dieses Verhalten sei "eine Art 'America first'-Politik in unseren Ländern", die den Aspekt der Solidarität missachte.

Anstatt eine allgemeine Impfpflicht einzuführen, sollten Regierungen "sich darauf beschränken, die Impfungen zu fördern mit viel mehr Möglichkeiten als bisher", sagte Westerhorstmann. "Da ist längst nicht alles ausgeschöpft." Ein Vorgehen, wie etwa die automatische Zustellung eines Impftermins an alle Bürger, den man aber auch ablehnen könne, "würde die Autonomie des Einzelnen nicht umgehen, sondern würde den Einzelnen ernst nehmen". Ein Argument hierfür sei auch, dass es in der Gesetzgebung die Möglichkeit gebe, "dass Menschen aus Gewissensgründen oder aus persönlicher Überzeugung bestimmte Verfahren ablehnen können". Westerhorstmann ist Professorin für Theologie und Medizinische Ethik an der US-amerikanischen Franciscan University of Steubenville. Sie lehrt an deren Campus im österreichischen Gaming. Die Theologin ist zudem Mitglied der Synodalversammlung des Synodalen Wegs und gehört dem Synodalforum IV an, das sich mit den Themen Sexualität und Partnerschaft beschäftigt. (rom)