Standpunkt

Es braucht eine Kirche der Freiheit, nicht der Herzlosigkeit

Aktualisiert am 13.01.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Nicht nur die Deutschen haben eine Vorliebe für Regeln. Gudrun Lux befürchtet, dass es auch in der Kirche zu viele davon gibt. Sie fragt: Dienen sie wirklich der befreienden Botschaft vom Reich Gottes oder ersticken sie seinen Geist eher?

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Zusammenleben braucht Regeln, eine Gemeinschaft konstituiert sich immer auch durch implizite oder ausdrückliche Vereinbarungen. Wer entscheidet wann was? Wie organisieren wir unseren Alltag? Was ist erlaubt, was ist verboten? In Deutschland sind wir Meister der Regeln, Gesetze und Verordnungen. Kaum ein Aspekt des Zusammenlebens, zu dem es nicht eine staatliche Vorschrift gibt. Das ist sinnvoll und richtig, wenn diese Regeln die staatliche Ordnung, die Demokratie und letztlich das Wohl der Bürger*innen sowie die Würde aller Menschen schützen.

Und in unserer Kirche? Kirchengesetze, Finanzordnungen, Glaubensanweisungen, Dogmen, hierarchische Ordnung. Alles geregelt, alles sortiert.

Manchmal scheint es, dass diese Regeln teils nicht mehr, teils einfach grundsätzlich nicht dem Kernanliegen der Kirche dienen: die befreiende Botschaft vom Reich Gottes* zu verkünden und für alle Menschen – für alle – vorbildlich zu leben, getragen von der Liebe. "Seht, wie sie einander lieben!", das schrieb Tertullian im 2. Jahrhundert über die ersten Christ*innen. Und das ist ja auch die Grundhaltung der jesuanischen Botschaft: Liebe Gott und deine Nächsten wie dich selbst. Daran hängt alles.

Wie viel von diesem geschwisterlichen Miteinander, diesem Wohlwollen, dieser Liebe ist heute zu erkennen, wenn man auf uns Christ*innen schaut? Oder sind nicht allzuoft die Regeln, ja die Überregulierungen wichtiger? Ist die Kirche ein oft herzloses, starres System voller systemimmanenter und struktureller Sünde, das den Geist der Liebe und Freiheit nur noch beschwört, aber längst nicht mehr lebt – ihn gar zu ersticken droht, wo er auflodert?

Wo der Geist Gottes* weht, da ist die Freiheit – längst nehmen sich Christ*innen überall auf der Welt die Freiheit, Kirche zu sein, ohne das Übermaß an Regeln und Gesetzen zu wichtig zu nehmen. Die Freiheit, die unseren Blick unverstellt auf das Herzstück unseres Glaubens und die Aufgabe der Kirche fallen lassen kann: die Botschaft Jesu zu verkünden und selbst am Reich Gottes* hier auf Erden mitzubauen, in Liebe zum Schöpfer* und zu allen Menschen, die Gottes* Ebenbilder sind.

Von Gudrun Lux

Die Autorin

Gudrun Lux ist Stadträtin in München, Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und der Synodalversammlung des Synodalen Weges. Von dieser wurde sie in das Synodalforum "Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche" entsandt.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.