Tertullian
Serie: Große Theologen der Kirchengeschichte – Teil 4

Tertullian: Der lateinische Kirchenlehrer

Als erster bedeutender Theologe schrieb Tertullian seine Werke nicht auf Griechisch, sondern auf Latein. Er verteidigte den christlichen Glauben gegen Feinde von außen und Irrlehren von innen – bis er selbst zu einer Splittergruppe übertrat.

Von Benedikt Bögle |  Bonn - 26.04.2021

Quintus Septimus Florens Tertullian – so der volle Name – wurde wohl um 160 nach Christus geboren. Die Lebensdaten des Tertullian sind insgesamt sehr unsicher. Anders als etwa der Kirchenlehrer und Theologe Augustinus mit seinen "Confessiones", hinterließ Tertullian keine autobiographische Schrift. Er stammte aus Karthago, war der Sohn eines römischen Hauptmannes. Er wurde rhetorisch ausgebildet und arbeitete vermutlich als Anwalt oder Jurist in Rom. Wann Tertullian Christ wurde, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Wohl aber befand er sich in Rom, als er das Christentum kennenlernte und sich taufen ließ. Es ist gut möglich, dass Tertullian wie viele andere vom Zeugnis der Christen berührt wurde, die sich auch vor dem Tod nicht fürchteten und als Märtyrer starben. Als er 195 oder 196 nach Christus nach Karthago zurückkehrte, war er bereits Christ geworden.

Nur ein Jahr später, 197, erschien bereits das Hauptwerk des Tertullian: sein "Apologeticum". Die frühe Kirche kennt viele apologetische Schriften, die das Christentum gegen Vorwürfe verteidigen wollen. In den Zeiten der in Wellen kommenden Verfolgungen sahen sich Christen vielen Vorurteilen ausgesetzt; diese auszuräumen war Aufgabe der apologetischen Literatur. Sein Werk verfasst Tertullian in lateinischer Sprache und bringt damit eine Neuerung in die Kirche: Er gilt als der erste der Kirchenväter, der nicht mehr auf Griechisch, sondern Latein schreibt.

Schriften gegen Häresie

Tertullian verteidigte die kirchliche Lehre aber nicht nur nach außen: In mehreren Schriften wendet er sich gegen innerchristliche Sekten und Irrlehren. So versuchte er etwa, in vier Büchern Marcion und seine Lehre zu widerlegen. Marcion lehrte, im Alten Testament spreche der Gott der Schöpfung. Da die Schöpfung aber schlecht und unvollkommen sei, müsse dies auch von diesem Gott gelten. Anders der Gott, von dem Jesus im Neuen Testament spricht. In der Konsequenz lehnte Marcion das Alte Testament als Heilige Schrift ab und erstellte einen eigenen Kanon des Neuen Testaments, indem er ihm unpassende Stellen schlicht entfernte. Die Erwiderungen Tertullians sind eine wichtige Quelle für die Forschung: Marcions Schriften sind nicht überliefert; die wesentlichen Punkte seiner Lehre lassen sich aus der Streitschrift des Tertullian ablesen.

In anderen Schriften wendet Tertullian sich gegen die Gnosis. Diese Weltanschauung betrachtete ebenfalls die Welt als durchaus böse und behauptete eine "gnosis", griechisch für Erkenntnis, mittels derer sich der Mensch aus der bösen Umwelt befreien könnte. In seinem Werk "De carne Christi" setzt Tertullian sich mit einer weiteren Irrlehre auseinander, die in der Antike von verschiedenen Denkern in unterschiedlichen Ausprägungen vertreten wurde: In Jesus Christus sei am Kreuz nicht wirklich das Wort Gottes gestorben. Es wurde als schlichtweg undenkbar angesehen, dass eine göttliche Person selbst körperlich gelitten habe und gestorben sei. Tertullian will auch diese Lehre widerlegen. In "De carne Christi" findet sich das wohl bekannteste Zitat des Schriftstellers: "credibile est quia inceptum" – die Fleischwerdung Christi sei "glaubhaft, weil es ungehörig ist" (De carne Christi 5,4). Gerade weil die Menschwerdung und der Tod Jesu am Kreuz für Gott so ungehörig erscheinen, muss es wahr und glaubhaft sein. Im Mittelalterlichen Denken wurde dieser Satz in einer Abwandlung verbreitet: "Credo, quia absurdum" – "Ich glaube, weil es absurd ist".  

Von verschiedenen antiken Denkern wurde die These vertreten, in Jesus Christus sei am Kreuz nicht wirklich das Wort Gottes gestorben. Tertullian wandte sich entschieden dagegen.

Für die frühe Kirche entwickelten sich viele Glaubenssätze gerade in Abgrenzung zu Irrlehren. Die Beschäftigung mit Marcion etwa machte der ganzen Kirche klar, dass das Alte Testament untrennbar zum christlichen Glauben gehörte. Bis ins fünfte Jahrhundert hinein stritten Konzilien auch über die Christologie: Wie kann Christus neben Gott, dem Vater gedacht werden? Sind die beiden eines Wesens oder gleichen Wesens? Indem sich die Kirche immer wieder innerkirchlichen Irrlehren gegenübergestellt sah, profilierte und entwickelte sie ihre eigenen theologischen Argumente – das reiche Werk des Tertullian ist ein Beispiel dafür.

Anschluss an die Montanisten

Um 207 wendet Tertullian sich einer kirchlichen Splittergruppe zu: dem Montanismus. Diese Glaubensrichtung wurde im zweiten Jahrhundert von Montanus gegründet und lebte in starker Endzeiterwartung: Christus werde, so die Gruppe, sehr bald wiederkommen und so das Ende der Welt herbeiführen. Verbunden mit diesem Glauben waren starke Askese und moralischer Rigorismus. Tertullians Eintreten für strengere moralische Haltungen – etwa, dass bestimmte Sünden vom Bischof nicht mehr vergeben werden sollten oder dass Christen nach dem Tod des Ehepartners nicht mehr heiraten sollten – trieben Tertullian in eine kirchliche Isolation. Augustinus stufte Tertullian gar als Häretiker ein, der mit der Lehre der Kirche gebrochen hätte. Später taucht gar eine Gruppe auf, die sich selbst als "Tertullianisten" bezeichnet; unklar ist allerdings, ob Tertullian selbst diese Sekte gründete oder sich lediglich später Christen auf ihn berufen wollten.

Im Leben Tertullians zeigt sich so ein weiterer Konflikt der frühen Kirche: Wie viel Anpassung an diese Welt ist statthaft? Was ist mit dem Leben als Christ vereinbar, was nicht? Wie geht die Kirche mit Sündern um; wie mit denen, die etwa während der Verfolgung ihrem Glauben abschworen, später aber zur Kirche zurückkehren wollten? Insgesamt 31 Schriften sind heute von Tertullian erhalten. Der Theologe starb um 220 nach Christus. Im Gegensatz zu vielen anderen bedeutenden Theologen der frühen Jahrhunderte – wie Augustinus oder Hieronymus, Gregor oder Ambrosius – wird er nicht als Heiliger verehrt.

Von Benedikt Bögle