Schwester Jordana Schmidt über das Sonntagsevangelium

Jesus kommt nach Hause – heute!

Aktualisiert am 22.01.2022  –  Lesedauer: 
Ausgelegt!

Schwalmtal-Waldniel ‐ Schwester Jordana taucht in eine ungewöhnliche Episode aus dem Leben Jesu ein: Nach den lebensumwälzenden Wüstenerfahrungen kehrt dieser ganz erfüllt in sein Heimatdorf zurück – wo drückende Alltagsleere herrscht und alles "schon immer" so war. Da sind Konflikte vorprogrammiert.

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Impuls von Schwester Jordana Schmidt

Den Beginn des Lukasevangeliums lese ich selten. Auch wenn Lukas es für einen Theophilus aufschreibt, so fühle ich mich angesprochen. Es ist eine Erzählung über Jesus, von Augenzeugen, wie er schreibt. So darf ich eintauchen in eine Episode aus dem Leben Jesu – nah dabei:

Jesus kommt nach Hause. Er ist so übervoll von dem, was er in der Wüste erfahren hat. Er ist der Sohn Gottes, er hat einen Auftrag! Das möchte er mit denen teilen, die ihm vertraut sind - zu Hause in Nazaret. So sucht er sich eine besondere Schriftstelle von Jesaja heraus, um daraus vorzulesen. Wunderbare Verheißungen, voller Sehnsucht nach Erlösung, liest er vor. Ich sehe es bildlich vor mir, wie Jesus die Schriftrolle zur Seite legt, voller Freude in die Runde blickt und sagt: "Es hat sich erfüllt. Ich bin da!" Kein Jubel, keine Zustimmung, noch nicht mal eine Diskussion darüber. Im Gegenteil. Man ist empört – er wird verjagt, für verrückt erklärt (das kommt im zweiten Teil). Der Junge, der bei ihnen groß geworden ist, bei dem man neulich noch einen Arbeitsauftrag in der Tischlerei abgegeben hat, der KANN nicht der Messias sein.

Wenn ich diesen Text heute lese, so gehen mir verschiedene Dinge durch den Kopf. Zum einen würde ich mich, glaube ich, auch schwer damit tun, wenn plötzlich meine Schulfreundin, Schwester oder mein Nachbar verkünden würde: "Ich erlöse die Welt." Schon weniger große Verheißungen könnte ich nicht so einfach glauben. So bin ich vorsichtig damit, über die Menschen aus Nazaret zu urteilen, weil sie Jesus nicht geglaubt haben. Ich habe es da, als Katholikin über 2000 Jahre später, einfacher. Und trotzdem fällt es mir, mit meinem heutigen Wissen, oft immer noch schwer, Jesus dieses Vertrauen entgegenzubringen.
Zum anderen kann ich mich in Jesus hineindenken. Wenn du erfüllt von etwas bist, dann gehst du zu jemandem, den du gut kennst. Schon in den vorherigen Kapiteln wird von Maria erzählt, die zu ihrer Verwandten Elisabet geht. Doch die erhoffte Zustimmung bleibt diesmal aus. Diese Erfahrung führte dazu, dass Jesus sich abnabelt. Er verlässt sein Heimatdorf.

Der zentrale Satz: "Heute hat es sich erfüllt, was in der Schrift geschrieben steht" lässt in mir etwas anklingen: HEUTE! Wir warten auf Erlösung in dieser Zeit. Auf ein Ende der Konflikte, Ende von Corona, Ende von so vielen Hungertoten weltweit.

Jage auch ich die Sehnsucht davon? Oder habe ich Hoffnung für diese Welt. Gestärkt durch die Kraft, die Jesus bis heute geben kann, durch Menschen die glauben und handeln?

Heute hat sich das Schriftwort erfüllt! Glaub mal dran.

Evangelium nach Lukas (Lk 1,1–4; 4,14–21)

Schon viele haben es unternommen, eine Erzählung über die Ereignisse abzufassen, die sich unter uns erfüllt haben. Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren.

Nun habe auch ich mich entschlossen, nachdem ich allem von Beginn an sorgfältig nachgegangen bin, es für dich, hochverehrter Theóphilus, der Reihe nach aufzuschreiben. So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest.

In jener Zeit kehrte Jesus, erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend. Er lehrte in den Synagogen und wurde von allen gepriesen.

So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um vorzulesen, reichte man ihm die Buchrolle des Propheten Jesája. Er öffnete sie und fand die Stelle, wo geschrieben steht:

Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.

Dann schloss er die Buchrolle, gab sie dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet.

Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.

Die Autorin

Schwester Jordana Schmidt OP ist gelernte Familientherapeutin und Diplom-Heilpädagogin. Seit 1994 gehört sie den Dominikanerinnen von Bethanien an. Von 2002 bis 2012 arbeitete sie als Erziehungsleiterin im Bethanien Kinderdorf in Schwalmtal-Waldniel und war zwischen 2012 und 2020 Kinderdorfmutter. Heute lebt sie als SPLG Mutter (Sozialpädagogische Lebensgemeinschaften) mit zwei Kindern in Krefeld. Momentan sie ist mehrmals im Jahr im Radio bei "Kirche im WDR" zu hören. Ihre Bücher "Auf einen Tee in der Wüste" und "Ente zu verschenken" waren wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreiben Ordensleute und Priester für uns.