Benedikt: Entblößung des Geschlechtsteils kein Missbrauch im eigentlichen Sinn

Zulehner nennt Ratzingers Missbrauchs-Einschätzung "blanken Unsinn"

Aktualisiert am 21.01.2022  –  Lesedauer: 
Pasoraltheologe Paul Michael Zulehner
Bild: © KNA/Lukas Ilgner

Wien ‐ Die Entblößung des Geschlechtsteils vor minderjährigen Mädchen sei kein Missbrauch im eigentlichen Sinn, weil die Kinder nicht berührt worden seien, meint Benedikt XVI. Der Wiener Theologe Paul Michael Zulehner reagiert empört.

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Als "blanken Unsinn" hat der emeritierte Wiener Theologe Paul Michael Zulehner die Einschätzung von Benedikt XVI./Joseph Ratzinger bezeichnet, die Entblößung des Geschlechtsteils vor minderjährigen Mädchen sei kein Missbrauch im eigentlichen Sinn, weil die Kinder nicht berührt worden seien. Im ORF sagte Zulehner am Donnerstagabend, solche Unterscheidungen würden den Taten nicht gerecht, die "moralisch schwerwiegend und kriminell" seien.

Seine im Missbrauchsgutachten wiedergegebene Einschätzung hätte der frühere Münchner Erzbischof und spätere Papst nie abgeben dürfen. Insgesamt sprach Zulehner mit Blick auf das Münchner Gutachten von einem "Dokument der Versäumnisse und Verspätungen". Die fast 1.900 Seiten umfassende Untersuchung enthält auch eine 82-seitige Stellungnahme des emeritierten Papstes.

Zeit des Schutzes der Institution sei endgültig vorbei

Die Zeit des Schutzes der Institution sei endgültig vorbei; unter Papst Franziskus habe die Kirche gelernt, dass den Opfern Gerechtigkeit widerfahren müsse, so Zulehner. Neben Entschuldigungen, die oft zu schnell kämen, müsse sexueller Missbrauch weitere Konsequenzen haben. Als Beispiele nannte er etwa die Zahlungen an die Opfer und mehr Einsatz für Vorbeugung. Zulehner unterstrich weiter, es gehe um weltkirchliche und nicht um regionale Fragestellungen. Hohe Dunkelziffern bei Missbrauch gebe es in jedem Land.

Das am Vortag vorgestellte Gutachten bescheinigt dem früheren Papst Benedikt XVI./Joseph Ratzinger Führungsversagen im Umgang mit Missbrauchstätern sowie fehlende Sorge für die Geschädigten in seiner Zeit als Münchner Erzbischof. Auch der amtierende Erzbischof Kardinal Reinhard Marx (seit 2008) und der frühere Münchner Oberhirte Kardinal Friedrich Wetter (1982-2008) werden belastet. Die Gutachter ermittelten bei ihrer Prüfung von Missbrauchstaten 235 mutmaßliche Täter von 1945 bis 2019, die Zahl der Geschädigten liege bei 497. (tmg/KNA)