Ratzinger habe "nicht vorsätzlich etwas Falsches getan"

Nach Münchner Gutachten: Kardinal Müller nimmt Benedikt XVI. in Schutz

Aktualisiert am 21.01.2022  –  Lesedauer: 

Mailand/Rom ‐ Er hat das Gutachten zwar nicht gelesen – aber Kardinal Müller ist sich dennoch sicher, dass die Vorwürfe gegen Benedikt XVI. falsch sind. Vielmehr gebe es in Deutschland, aber auch darüber hinaus, Personen, die dem Emeritus gezielt schaden wollten.

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Kardinal Gerhard Ludwig Müller (74) sieht den emeritierten Papst Benedikt XVI. rund um das Münchner Missbrauchsgutachten fälschlicherweise in der Kritik. "Ich habe das Gutachten nicht gelesen; aber für mich ist klar, dass Erzbischof Ratzinger nicht vorsätzlich etwas Falsches getan hat", sagte der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation dem "Corriere della Sera" (Freitag). Falls daher Fehler begangen worden seien, habe der emeritierte Papst nichts davon gewusst.

Vielmehr gebe es in Deutschland, aber auch darüber hinaus, Personen, die Benedikt XVI. gezielt schaden wollten. "Er ist gewissermaßen der höchste Repräsentant des Katholizismus in Deutschland, aber er vertritt eine orthodoxe Haltung", so Müller, der dem ehemaligen Papst nahe steht, weiter. In Deutschland gebe es jedoch viele, die einen unorthodoxen Weg anstrebten, etwa über eine Abschaffung des Zölibats und der Priesterweihe für Frauen. Diese Personen hätten den emeritierten Papst immer kritisiert und attackiert.

Man nahm an, Therapie für Täter könne Problem lösen

Damals habe keiner genau gewusst, was eine angemessene Reaktion auf die Missbrauchsvorwürfe gewesen wäre – weder in der Kirche noch in der übrigen Gesellschaft, erklärte Müller weiter. Man habe angenommen, eine Therapie für den Täter könne das Problem lösen. Heute wisse man, dass dies bei Kriminellen nicht reiche. Papst Benedikt XVI. selbst habe daher in seiner Amtszeit (2005-2013) strengere Regeln eingeführt, und Papst Franziskus habe diese Kehrtwende weiterverfolgt.

Das am Donnerstag veröffentlichte Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München und Freising belastet amtierende und frühere Amtsträger, darunter auch den emeritierten Papst Benedikt XVI. Joseph Ratzinger habe sich als Münchner Erzbischof (1977-1982) in vier Fällen fehlerhaft verhalten, heißt es in der Untersuchung der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW). Zudem melden die Gutachter erhebliche Zweifel an Aussagen von Benedikt XVI. zu einem besonders brisanten Fall eines Wiederholungstäters an. Völlig gefehlt habe die Sorge um die Opfer. Betroffenenvertreter reagierten entsetzt. Auch der amtierende Erzbischof Kardinal Reinhard Marx (seit 2008) und der frühere Münchner Oberhirte Kardinal Friedrich Wetter (1982-2008) werden belastet. Die Gutachter ermittelten bei ihrer Prüfung von Missbrauchstaten 235 mutmaßliche Täter von 1945 bis 2019, die Zahl der Geschädigten liege bei 497. (tmg/KNA)