Ehemaliger ZdK-Präsident weist Kritik an Debatten in Synodalversammlung zurück

Sternberg zu Synodalem Weg: "Guter Geist von Frankfurt" ist wieder da

Aktualisiert am 05.02.2022  –  Lesedauer: 

Frankfurt am Main ‐ Zuvor war er Vorsitzender des Synodalpräsidiums, nun nimmt Thomas Sternberg als "einfacher" Synodaler am kirchlichen Reformprozess teil. Im katholisch.de-Interview berichtet er davon, wie er die Diskussionen beim Synodalen Weg wahrnimmt und was die Weltkirche vom deutschen Modell lernen kann.

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Seit November vergangenen Jahres ist Thomas Sternberg nicht mehr Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und hat damit auch das Präsidium des Synodalen Wegs verlassen. An der dritten Synodalversammlung, die aktuell in Frankfurt am Main tagt, nimmt Sternberg als ganz normaler Synodaler teil. Im Interview verrät der Münsteraner, wie er sich dabei fühlt und warum der Synodale Weg seiner Ansicht nach kein "Nullum" ist.

Frage: Herr Sternberg, Sie sind nun nicht mehr ZdK-Präsident und daher auch nicht mehr im Präsidium des Synodalen Wegs. Doch Sie nehmen weiterhin als "einfaches" Mitglied der Synodalversammlung am Reformprozess teil. Wie fühlen Sie sich in dieser neuen Rolle?

Sternberg: Es ist angenehm, an einer solchen Versammlung teilzunehmen, ohne Verantwortung zu haben. Die Frage "Gelingt alles?" macht mir keinen Druck mehr. Gerade bei der zweiten Synodalversammlung im vergangenen September war das ein wichtiges Thema. Da gab es riesige Mengen von Textkonvoluten, es hab erste inhaltliche Abstimmungen und letztlich lief alles sehr gut. Jetzt bei der dritten Versammlung spüre ich, dass es den "guten Geist von Frankfurt" noch gibt, von dem ich nach der ersten Plenarversammlung vor zwei Jahren gesprochen habe. Dieser Geist ist wieder da. Es hat sehr gutgetan, dass es am ersten Tag der Synodalversammlung gelungen ist, zwei wichtige Grundlagentexte mit großer Mehrheit zu verabschieden.

Frage: Nun sprechen Sie nicht mehr für das ZdK, sondern nur noch für sich und den Verband, der sie entsandt hat. Ist das eine Erleichterung oder vermissen Sie die Verantwortung?

Sternberg: Es ist eine Erleichterung, denn es gab viel Grundsatzkritik am Synodalen Weg und das nicht nur aus einer konservativen Ecke, sondern auch von anderen. Äußerungen wie, der Synodale Weg sei ein "kirchenrechtliches Nullum" oder eine "Täuschung der Gläubigen", das waren sehr große Kanonen mit denen geschossen wurde. Ich glaube, was der Synodale Weg vor allem zeigt – auch der Weltkirche mit Blick auf die Weltbischofssynode 2023: Synodalität ist möglich, sie funktioniert. Man kann mit Bischöfen, Frauen und Männern, Jungen und Alten, Klerikern und Ordensleuten querbeet durcheinander in einem großen Raum gemeinsam diskutieren und dabei gilt die Kraft des Argumentes. Das ist die eigentliche Neuigkeit, die es bisher so noch nicht gegeben hat. Auch die Würzburger Synode saß nach Bischöfen und Laien sorgfältig getrennt. Dieses große und bunte Miteinander beim Synodalen Weg, ohne, dass ein Argument dadurch Kraft bekäme, wer es sagt, darin zeigt sich hier, dass das gelingt. Hundertprozentige Abstimmungsergebnisse kann es zudem gar nicht geben, das wäre verdächtig.

Teilnehmer bei der dritten Synodalversammlung
Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht

Die dritte Synodalversammlung findet derzeit in Frankfurt am Main statt. Am Donnerstag wurden die ersten verbindlichen Beschlüsse gefasst.

Frage: Aber haben die Kritiker des Synodalen Wegs nicht auch Recht, denn der Reformprozess ist ein "zahnloser Tiger": Die Macht liegt bei den Bischöfen. 

Sternberg: Was heißt denn hier "zahnloser Tiger"? Hätten wir eine Synode gemäß des Kirchenrechts gemacht, wären die Laien nicht beteiligt gewesen. Wir hätten gar nicht demonstrieren können, was der Synodale Weg zeigt: dass Synodalität gelebt werden kann. Wir machen hier etwas, das kirchenrechtlich nicht existent ist. Aber ich hoffe, dass Kirchenrechtler sich Gedanken machen, wie eine Veranstaltung wie der Synodale Weg in rechtliche Formen gegossen werden kann, vielleicht in Konsequenz der Weltbischofssynode zur Synodalität. Das Kirchenrecht, so wie es jetzt ist, ist völlig untauglich für ein synodales Verfahren. Deshalb ist ein Prozess außerhalb dieses Kirchenrechts richtig. Es stimmt, dass es die Umsetzung durch die Bischöfe braucht, selbst bei den Dingen, die in Deutschland entschieden werden können. Aber was würde bei der Umsetzung passieren, wenn ein Bischof nachher wirklich sagen würde, ich setze das nicht um? Wenn ich mir die Mengenverhältnisse bei den Abstimmungen beim Synodalen Weg ansehe, wäre es wohl nur wenige Bistümer, in denen das der Fall wäre. Überlegen wir doch einmal, was da passieren würde: Zum einen könnte sich das Problem sozusagen biologisch lösen, denn kein Bischof regiert unendlich und sein Nachfolger macht es vielleicht anders. Und das Zweite ist, kann man in einem Land wie Deutschland mit 27 Bistümern nicht unterschiedliche Regelungen einführen kann, ohne, dass es da eine gewisse Kohärenz gäbe.

Frage: Was meinen Sie damit?

Sternberg: Einige bayerische Bischöfe haben 2015 eine Änderung beim kirchlichen Arbeitsrecht in ihren Diözesen nicht übernommen. Einige Monate später wurde sie doch eingeführt, denn man hat gemerkt, dass ein nach Diözesen unterschiedliches Arbeitsrecht in der Kirche in Deutschland nicht funktioniert. Das heißt, es gibt diesen "Schönheitsfehler", dass es eine Umsetzung der Beschlüsse des Synodalen Wegs durch die Bischöfe braucht. Deshalb ist es wichtig, dass der Synodale Weg eine Kommission einsetzt, die die Umsetzung der Beschlüsse nachher überprüft. Das ist auch in der Satzung des Synodalen Wegs festgeschrieben. 

Frage: Aber auch diese Kommission hat ja nur die "Macht der warmen Worte"…

Sternberg: Man muss sich fragen, wie Veränderungen funktionieren und solche Prozesse politisch verstehen. Ich habe den Eindruck, wir denken nach wie vor zu hierarchisch und obrigkeitshörig in der Kirche. Veränderungen geschehen auch in der Kirche durch Prozesse, durch Bewegungen, durch Kontroversen, die breit diskutiert werden. Nehmen wir einmal das, was ich schon jetzt als einen Erfolg des Synodalen Wegs bezeichnen würde. Wir diskutieren im Moment öffentlich, auch unter Bischöfen, quer durch die Kirche, über Themen, die noch vor wenigen Jahren geradezu tabu waren. Dass der Vorsitzende der Europäischen Bischofskonferenz sagen kann, ich weiß nicht, ob Frauen zu Priestern geweiht werden können, aber darüber diskutieren muss man, das hätte er unter Johannes Paul II. nicht sagen dürfen. Da wäre er schärfstens sanktioniert worden. Ich erwarte in der Kirche nicht eine Veränderung durch eine Einsicht von oben, also, dass ein Bischof dann sagt, ich habe es jetzt verstanden und es setzt sich nach unten durch. So funktioniert die Welt nicht mehr. Die wirklichen Veränderungen entstehen durch breite Debatten und Bewegungen von unten. Das passiert gerade hier im Synodalen Weg.

Frage: Wird die katholische Kirche dadurch demokratischer und moderner?

Sternberg: Ob man das demokratisch nennen kann, weiß ich nicht, aber man sollte nicht glauben, dass demokratische Verfahren von der Kirche wegzuhalten wären. Die Kirche liegt selbstverständlich in allen ihren handelnden Personen dem Selbstverständnis eines modernen Menschen und das ist ein demokratisches Selbstverständnis. Ich halte es für geradezu lächerlich zu glauben, die katholische Kirche könne ein nichtdemokratisches Unternehmen sein.

Bild: ©KNA/Rudolf Wichert

Der Limburger Bischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) Georg Bätzing und Irme Stetter-Karp, aktuelle Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), leiten das Präsidium des Synodalen Wegs.

Frage: Was kann die Weltkirche von Deutschland in diesem Punkt lernen?

Sternberg: Man kann lernen, dass Synodalität geht und wie Synodalität geht. Eine der Voraussetzung dafür ist, dass man die Gruppen nicht voneinander trennt. Sondern wir vertrauen auf die Kraft des guten Argumentes, wir haben eine Gemeinschaft von Getauften und Gefirmten, die gemeinsam diskutieren. Sie können sich trotz sehr unterschiedlicher Positionen zu gemeinsamen Ergebnissen kommen. Natürlich gibt es immer ein paar Fundamentalgegner, aber eine große Mehrheit einer sehr differenten Versammlung kann sich einigen. Wenn man das in einen größeren gesellschaftlichen Kontext stellt, kann man sehen, wie hier Mitglieder der Kirche zeigen, wie in einer auseinanderstrebenden Gesellschaft nach Einheit gesucht werden kann. Die Gesellschaft kann lernen, wie man über Differenzen hinweg zu etwas Gemeinsamen finden kann. 

Frage: In der Synodalversammlung wurde auf einen Zeitungsartikel verwiesen, der kritisiert hat, wie bei der Synodalversammlung diskutiert wird, etwa, dass nur Meinungen in der Debatte genannt werden und es keine wirklich Diskussionen gibt. Sehen Sie das auch so oder wie nehmen Sie die Diskussionen beim Synodalen Weg wahr?

Sternberg: In einem Plenum von 230 Personen mit Redezeitbegrenzungen, die notwendig sind, sind intensive Diskussionen gar nicht möglich. Ich empfehle jedem, der eine solche Kritik äußert, einmal eine Parlamentsdebatte in einem vollbesetzten Parlament mitzumachen. Da ist es das Normalste der Welt. Solche Debatten sind keine Rede und Gegenrede, sondern es sind Meinungsäußerungen, die geäußert werden. Die inhaltliche Debatte passiert immer in den kleineren Einheiten, beim Synodalen Weg in den Foren. Ich finde, dass wir hier hervorragende Debatten haben. Die Disziplin der Redner, die sich an zwei oder sogar nur eine Minute Redezeit halten, ist wirklich hoch erstaunlich. Und, dass da trotzdem hochdifferenzierte Meinungsäußerungen passieren, ist eine Debatte im parlamentarischen Usus. Wenn irgendein Journalist das nicht begreift, weil er einfach ein Haar in der Suppe finden will, die ihm nicht schmeckt, dann kann er das gerne so sagen. Ich würde ihm aber empfehlen, sich in der normalen politischen Welt einmal umzusehen.

Frage: Der Synodale Weg ist maßgeblich auch von Ihnen angestoßen worden. Ist er ein Höhepunkt Ihrer Laufbahn oder eine Art Vermächtnis?

Sternberg: Ach, wissen Sie, Höhepunkt… die Dinge habe ich mir nicht ausgesucht, es sind Prozesse gewesen. Dabei Schritte gegangen zu sein, die sich als tragfähig und richtig erweisen, das ist ein schönes Gefühl. In Kürze steht die Taufe meines siebten Enkels bevor, das ist ein Höhepunkt in meinem Leben.

Frage: Sie haben nun keine Verantwortung mehr für den Synodalen Weg. Kribbelt es Ihnen trotzdem manchmal in den Fingern, sich einzumischen, wenn Sie mit einer Entscheidung des Präsidiums nicht einverstanden sind?

Sternberg: Nein, grundsätzlich nicht. Man muss sich aus Ämtern nach dem Ausscheiden ganz zurückziehen. Ich bin auch nicht mehr Mitglied des ZdK. Es freut mich zwar, dass ich noch Mitglied der Synodalversammlung bleibe, aber das ist auch nicht das normale Vorgehen. Man muss sich aus Tätigkeiten, in denen man einmal leitend tätig gewesen ist, ganz und gar herausziehen. Zudem halte ich es für richtig, wie das Präsidium nun arbeitet. Das sind sehr gute Leute, in die ich volles Vertrauen habe. Mir steht es überhaupt nicht zu, da etwas zu kritisieren.

Von Roland Müller