Dogmatiker zur Prägung einer Bischofsgeneration

Beinert: Pontifikat Johannes Pauls II. hat Missbrauch begünstigt

Aktualisiert am 21.02.2022  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil kam der neue Antimodernismus – und mit ihm eine systemische Ursache für Missbrauch in der Kirche: So erklärt der Dogmatiker Wolfgang Beinert, warum sich die Kirche mit der Aufarbeitung so schwer tut.

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Der emeritierte Regensburger Dogmatiker Wolfgang Beinert sieht in der nachkonziliaren Berufungspraxis von Bischöfen durch die Päpste Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. eine systemische Ursache für Missbrauch in der Kirche. Mit dem von dieser Bischofsgeneration geforderten unbedingten Papstgehorsam "wandte sich die Kirche neuerlich jenem rückschrittlichen Antimodernismus zu, der sie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt hatte", schreibt der Theologe in der aktuellen “Herder Korrespondenz” (März-Ausgabe). Der Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils sei "behutsam, aber zielbewusst gedämpft" und Reformen "zurückgeschraubt" worden. Dem gegenüber stünde die Generation der Bischöfe, die das Zweite Vatikanum geprägt haben. Sie seien von einem synodalen Kirchenverständnis durchdrungen gewesen, wie ihr selbstbewusstes Agieren gegen Vorlagen der Kurie beim Konzil gezeigt habe.

Die neue "Papsttheologie" zeige sich besonders im "Treueeid", der ab 1998 unter anderem von Bischöfen abzulegen war. Neben dem Glaubensbekenntnis gehört dazu eine besondere Verpflichtung auf das Lehramt auch über die verbindlichen Aussagen des Lehramts hinaus. Im Treueeid muss gelobt werden, "mit religiösem Gehorsam des Willens und des Verstandes" den Lehren anzuhängen, "die der Papst oder das Bischofskollegium vorlegen, wenn sie ihr authentisches Lehramt ausüben, auch wenn sie nicht beabsichtigen, diese in einem endgültigen Akt zu verkünden". Alles, was der Papst sagt, sei vorbehaltlos zu glauben, ob es richtig ist oder nicht, erläutert Beinert: "Sollte jemand zur zweiten Auffassung kommen, muss er sein Gewissen vergewaltigen." Das stehe im Widerspruch zur theologischen Tradition, die auch Irrtümer des Papstes hinsichtlich des Glaubens kenne und daher für die Feststellung des Glaubens neben das päpstliche Lehramt auch die Heilige Schrift, die Tradition, wissenschaftliche Theologie und den Glaubenssinn der Gläubigen stellte.

Die erste Voraussetzung für künftige Bischöfe sei daher "die absolute Ergebenheit gegenüber den Lehren von Johannes Paul II." geworden, so Beinert weiter. Dazu gehörten ein "absolutes Ja" zur Sexual-, Ehe- und Familienmoral der Enzyklika "Humanae vitae" (1968), die Johannes Paul II. noch als Kardinal mit vorbereitet hatte, ein "radikales Festhalten" an der Zölibatsregelung ("Sacerdotalis coelibatus", 1967), eine definitive Ablehnung der Möglichkeit einer Priesterweihe von Frauen ("Ordinatio sacerdotalis", 1994) sowie ein "Festhalten an allen klerikalen Machtpositionen" gegenüber den Laien ("Instruktion zu einigen Fragen über die Mitarbeit von Laien am Dienst der Priester" von acht Dikasterien, 1997).

Ganze Bischofsgeneration habe Mentalität Johannes Pauls II. verinnerlicht

Dies sei maßgeblich von Kardinal Joseph Ratzinger als damaligem Präfekten der Glaubenskongregation betrieben worden. Man müsse daher annehmen, dass die zwischen 1978 und 2013 bestellten Bischöfe "samt und sonders (und wenigstens ursprünglich) die genannten Lehren und die dahinter stehende Mentalität verinnerlicht hatten", so Beinert. Die Reaktion der Bischöfe auf das Offenbarwerden von Missbrauch sei aufgrund des von ihnen vertretenen Kirchenbilds die Furcht vor dem Verlust von Macht- und Deutungshoheit gewesen. Missbrauch sei als individuelles Versagen einzelner Täter erklärt worden, ohne die systemischen Hintergründe zur Kenntnis zu nehmen. "So konzentrierten sich die Abwehrmaßnahmen auf die Vertuschung der Lage, um so die Makellosigkeit der Kirche, die weiße Weste des Klerus zu bewahren; alle anderen pastoralen und theologischen Aspekte verloren demgegenüber an Bedeutung. Machterhalt wurde zum Signet kirchlichen Agierens auf allen Ebenen." Mit Blick auf die Persönlichkeitsstruktur der Bischöfe könne man nicht erwarten, dass sie wie in der Politik üblich " Gesamtverantwortung auf sich nehmen, auch wenn sie persönlich integer waren". Das sei bei ihrer Ernennung nicht vorgesehen gewesen.

Die Missbrauchsstudien hätten gezeigt, dass zur Überwindung der Krise systemische Ursachen angegangen werden müssen. "Wer das Heil lediglich in Evangelisierung und Spiritualisierung sieht, hat immer noch nichts begriffen", so Beinert weiter. Die Kirche bedürfe einer Reform, "die tief in ihr bisheriges Selbstverständnis, ihre Strukturen, ihre Verfahrensformen eingreift". Das betreffe insbesondere "die Lehrpunkte der nachkonziliaren Päpste".

Wolfgang Beinert (Jahrgang 1933) war Seelsorger und langjähriger Weggefährte von Joseph Ratzinger. Von 1978 bis 1998 hatte er den zuvor bis 1976 von Ratzinger besetzten Lehrstuhl für Dogmatik in Regensburg inne. Bereits Ende Januar hatte Beinert vom emeritierten Papst Benedikt XVI. ein Zeichen der Reue nach der Veröffentlichung der Münchener Missbrauchsstudie gefordert. (fxn)