Standpunkt

Um Missbrauch zu verhindern, braucht Seelsorge den "dritten Blick"

Aktualisiert am 09.03.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Die deutschen Bischöfe betonen, dass es in der Seelsorge keine einvernehmlichen sexuellen Kontakte gibt, auch mit Blick auf das Strafrecht. Christoph Paul Hartmann blickt auf den Alltag und sieht Probleme in der Überprüfung von Seelsorgebeziehungen.

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Kirchliche Seelsorge steht in einem "Spannungsgefüge", schreiben die deutschen Bischöfe in einem am Dienstag vorgestellten Seelsorgepapier. In der von einem Machtgefälle und einer Abhängigkeit geprägten Beziehung zwischen Seelsorgendem und Gläubigen kann es schnell zu verschiedenen Formen von Missbrauch kommen, sei er geistig oder sexuell. Zu Recht wird daran erinnert, dass in dieser Situation "sexuelle Kontakte niemals als einvernehmlich bezeichnet und niemals toleriert werden können". Das sei auch strafrechtlich relevant.

Um Missbrauch zu verhindern, sind zwei Mechanismen nötig, die die momentane Seelsorgesituation allerdings nur schwer hergibt. Einerseits müssen sich Seelsorgende untereinander Feedback geben, damit sich niemand in der eigenen Rolle überhöht. Andererseits muss geistliche Begleitung nicht nur zeitlich begrenzt, sondern auch von einem personellen Wechsel geprägt sein, damit um eine Zweierbeziehung kein Kokon entsteht.

Hier müssen verschiedene Techniken erprobt werden, damit es auf jede Seelsorgebeziehung einen "dritten Blick" von außen gibt. Aus dem Vier-Augen- kann immer mal wieder ein Sechs-Augen-Gespräch werden, zudem sollte immer mal wieder ein anderer Seelsorgender übernehmen. So können Fehlentwicklungen erkannt und im Ernstfall auch an die Behörden gemeldet werden.

Angesichts des Mitarbeitermangels sind das für die Basis sehr schwer zu bewältigende Aufgaben. Wenn statt einem zwei Seelsorgende an einem Gespräch teilnehmen, ist gleich die doppelte Arbeitskapazität belegt. Weiterhin muss beim Wechsel der geistlichen Begleitung neu Vertrauen aufgebaut und Sensibilität für einen Gläubigen entwickelt werden. Das kostet wiederum Zeit und Kraft. Beides sind in vielen Pfarreien knappe Güter!

Eine so wichtige Aufgabe wie Seelsorge kann auch nicht nur in den Händen von Ehrenamtlichen liegen. Es braucht Hauptamtliche, die auch entsprechend haftbar gemacht werden können. Zudem muss bei ihnen die nötige Professionalität und Selbstreflexion dauerhaft gewährleistet werden, da genügt das jährliche Mitarbeitergespräch nicht.

Weder die Gläubigen, noch die Seelsorgenden vor Ort dürfen alleingelassen werden. Da sind die Bistumsleitungen gefragt! Es braucht Feedback und auch personelle Unterstützung (gern auch auf Zeit) aus den Ordinariaten, sonst wird Seelsorge weiter ein gefährliches Minenfeld bleiben.

Von Christoph Paul Hartmann

Der Autor

Christoph Paul Hartmann ist Redakteur bei katholisch.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider.