Erbfolge, Geschichtsmythen, verleugnete Aufklärung

Die moralische Verantwortung der russischen Orthodoxie im Ukrainekrieg

Aktualisiert am 13.03.2022  –  Lesedauer: 

Eichstätt ‐ Ein Glaubenskrieg ist der Angriff Russlands auf die Ukraine nicht. Doch er sei eine Bekenntnisfrage, betont der Ostkirchenexperte Thomas Kremer: Es gehe nicht nur um christliche Werte, die sichtbar mit Füßen getreten werden, sondern um die religiöse Deutungshoheit über Geschichte und Geopolitik.

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Erbstreitigkeiten sind fast so alt wie die Menschheit. "Redet ihr noch oder habt ihr schon geerbt?" Das sarkastische Sprichwort spiegelt eine bittere Realität. Auch der Ukrainekrieg hat damit zu tun. Denn es geht um die Frage, wer der rechtmäßige Erbe der alten Kyiver Rus‘ ist, eines einstmals losen Stämmeverbandes ostslawischer Völker, welcher durch die "Taufe der Rus’" im Jahr 988 unter Großfürst Volodymyr I. zu einem mächtigen Reich geeint wurde. Es hatte seinen Ursprung und sein Zentrum in Kyiv und war markant geprägt durch die Annahme des Christentums in seiner byzantinischen Gestalt. Erst viel später dehnte es sich nach Norden und Osten aus. 1240 kamen die Mongolen und machten sich die Rus’ untertan. Von diesem Joch wieder befreit, begann im 14. Jahrhundert der Aufstieg von Moskau in Konkurrenz zu Kyiv. Zunächst etablierte sich die politische Macht Moskowiens. Es folgte die Translatio des kirchlichen Zentrums mit Zwischenstation in Wladimir. Das Unionskonzil von Ferrara-Florenz (1438–1445) scheiterte, Konstantinopel fiel 1453. In dieser Zeit proklamierte Moskau seine kirchliche Autokephalie und untermauerte bald mit legendarischen Mythen wie "Moskau, das Dritte Rom" und der "Erzählung von der Weißen Kapuze" seinen Anspruch, nicht nur Kyiv, das eigentliche Zentrum der Rus’ samt seiner Kultur und des alten Namens, sondern auch Konstantinopel und Rom beerbt zu haben.

„Das ist der Erbe; wir wollen ihn umbringen, damit das Erbe uns gehört!“

—  Zitat: Lk 20,14

Man sagt nun, aus der Wurzel der einen Rus’ schlugen mehrere Reiser aus. Neben Moskau (sic!) habe sich einerseits die belarussische Volksgruppe formiert, andererseits sei in Galizien-Wolhynien der Wurzelgrund des ukrainischen Volkes entstanden: So seien aus der alten Rus’ drei Brudervölker geboren worden. Doch die Frage ist nicht nur: Wer ist der legitime Erbe? Die Gefahr besteht schon darin, die vermeintliche Einheit der komplexen Rus’ mit ihren verschiedenen Ethnien zu mystifizieren, ohne die innere Pluralität der ostslawischen Völker zu erkennen. Hier gilt es, kein Narrativ zu bedienen, das nicht nur ahistorisch ist, sondern in seiner Konsequenz auch explosiv.

Die unterschiedlichen Wege der "Brüder"

Die Brudervolkthese simplifiziert den historischen Befund allzu stark. Besser spricht man davon, dass die Wege der Volksgruppen der Rus’ recht unterschiedlich verliefen: Während Moskau sich von Kyiv löste, in immer größerem Glanz erstrahlte und mit dem Großfürstentum die Russische Orthodoxe Kirche erblühte, blieben die anderen Völker aus der alten Rus’ vergleichsweise schwach. Belarus stand lange unter litauischer Herrschaft. Wichtig ist die Verbindung zu Polen, die 1569 den Doppelstaat Polen-Litauen entstehen ließ. Das belarussische Volk konsolidierte sich unter den ostslawisch-orthodoxen Bewohnern Litauens und ähnlich die Ukrainer im polnischen Teil des Reiches. Rivalin war Moskowien, das bald zum zaristischen Russland avancierte.

Porträtfoto von Thomas Kremer
Bild: © (Archivbild)

Thomas Kremer ist Professor für Theologie des Christlichen Ostens an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und stellvertretender Direktor der "Forschungsstelle Christlicher Orient" der Universität.

Was Belarus anbelangt, so betrachtete Katharina die Große es später als eine "Zurückholung des Entrissenen", als infolge der Teilungen Polens das Gebiet 1793 unter ihre Herrschaft gelangte. Die politische Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg währte nur kurz, die Selbstständigkeit seit 1991 führte nicht zur Demokratie, sondern zu einer von Moskau abhängigen Diktatur. So wird Belarus aus der Sicht Moskaus heute seiner Rolle als Brudervolk bestens gerecht.

Blick auf den Kreml und die Erlöserkathedrale in Moskau.
Bild: ©ginkgofoto/Fotolia.com (Archivbild)

Blick auf den Kreml und die Erlöserkathedrale in Moskau.

Die Geschichte der Ukraine verlief anders. Noch mehr als in Belarus begegnen sich hier die Kulturen und Kirchen aus Ost und West. Das macht ihre Geschichte so faszinierend: kein Kampfplatz der Kulturen, sondern Schmelztiegel zwischen Ost und West, vor allem zwischen Polen, der Habsburgermonarchie, dem russischen Zarenreich und den verschiedenen Kirchen. Dass die Idee einer Kirchenunion zwischen der Kyiver Metropolie und Rom geboren und 1595/96 im damals litauischen Brest besiegelt wurde, verwundert nicht. 140 Jahre nach der Proklamation seiner Autokephalie wurde Moskau 1590 durch Konstantinopel als Patriarchat anerkannt. Das schürte die Befürchtung in Kyiv, vereinnahmt zu werden. Dem wollte man entgegenwirken. Zugleich erhoffte man sich den Brückenschlag in den Westen, und ebenso interessiert war auch Rom am Osten. Das hehre Ideal "Erweiterung der Kircheneinheit nach Westen ohne Aufgabe der Kirchengemeinschaft im Osten", von dem manche träumten, erfüllte sich nicht. So entstand eine unierte Kirche "zwischen Ost und West". Als Galizien der Habsburgermonarchie zufiel, erhielt sie von Kaiserin Maria Theresia den Namen "griechisch-katholisch" und ist heute in der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche lebendig.

Der Weg der Ethnogenese aus den Wurzeln der Rus’ bis hin zu einer ukrainischen Nation war ein weiter. Der alte Begriff "Ukraine" wurde erst im 19. Jahrhundert zur Bezeichnung einer Nation, während man dieses Volk der Rus’ zuvor "Ruthenen" (Rusyny) nannte. Erst das 20. Jahrhundert ebnete den Weg in die Selbstständigkeit im Ringen um einen eigenen demokratischen Staat. Und die Kirchen der Ukraine sind bis heute ein Spiegelbild ihrer bewegten Geschichte.

Postbyzantinisches und postsowjetisches "Symphoniedenken" und warum die Trennung von Staat und Kirche so wichtig ist

Das byzantinische Erbe Moskaus umfasst nicht nur den Schatz frommer Gebete und den ambitionierten Anspruch, die Filiationslinie der Hauptstädte des Römischen Reiches fortzuführen. Es beinhaltet auch eine genuine Verhältnisbestimmung von Kirche und Staat, die in Byzanz seit den Tagen des Kaisers Justinian († 565) mit dem Begriff der "Symphonie" beschrieben wird, also eines harmonischen, wohl austarierten Zusammenklangs von weltlicher und geistlicher Macht. Deren Adaption in der Form einer postbyzantinischen Symphonie verhalf ab dem 16. Jahrhundert den Rurikiden und Romanow maßgeblich zum Aufbau ihrer Macht, als Zar und Patriarch Hand in Hand die Verwirklichung staatlicher Ziele und deren religiöse Legitimation aufeinander abstimmten. Von Anfang an in einer Schieflage zugunsten der zaristischen Macht, kam die russische Kirche im 18. Jahrhunderts ganz unter staatliche Kontrolle. Doch die Erinnerung an die einst so vermeintlich glorreiche Allianz war offenbar nicht verblasst, als nach Glasnost und Perestroika neue postsowjetische Bündnisse zwischen Kirche und Staat geschmiedet wurden, die unter der Hypothek leiden, dass die in kommunistischer Zeit marginalisierte, existentiell gefährdete und nahezu verstummte Kirche nur allzu gut gelernt hatte, ihre Töne sorgsam einzupassen in das Konzert der Mächtigen dieser Welt.

Bild: ©picture alliance/Photo12/Ann Ronan Picture Librar (Archivbild)

Ikone "Triumph der Orthodoxie". Im Jahr 730 verbot der byzantinische Kaiser Leo III im gesamten Reich die Verwendung von Ikonen. Kaiserin Theodora II führte sie im Jahr 843 wieder ein. Das Fest "Triumph der Orthodoxie" erinnert an den Sieg der Orthodoxie über den Ikonoklasmus. Die Ikone zeigt die Kaiserin (links) mit ihrem Sohn Kaiser Michael III sowie Heiligen und religiösen Führern. In der Mitte steht die dem Evangelisten Lukas zugeschriebene Marienikone "Hodegetria" (die den Weg Zeigende).

Das Tragische ist: Bei einer solch engen Verbindung von Kirche und Staat legitimieren und stützen sich beide gegenseitig, selbst bei der Interpretation des ius ad bellum zur Rechtfertigung von Kriegen. Das politische Handeln ist wesentlich religiös legitimiert, und die kirchliche Botschaft impliziert ebenso notwendig politische Konsequenzen. In diesem Konstrukt ist eine rein geistige Kirche ebenso ein Mythos wie ein säkularer Staat, beides gibt die Symphonie nicht her. Putins Weltsicht ist ohne die Russische Orthodoxe Kirche nicht zu denken. Sie soll die neue Heiligkeit der Rus’ kreieren, verleiht ihr und ihrem Handeln eine sakrale Legitimation. Dies gelang bis heute erschreckend gut – fatale Konsequenzen einer zu engen Verbindung von Kirche und Staat. Die moralische Last wiegt unendlich schwer.

Religiös verbrämte Geschichtsmythen und perfide Falschdarstellungen

Die Rhetorik des russischen Präsidenten wird von einer sehr eigenwilligen Geschichtsdeutung beherrscht. Er bedient Klischees, die immer um die Wiederherstellung eines "historischen Russland" kreisen und deshalb heute so brisant sind, weil er der Ukraine darin faktisch das Recht abspricht, als eigener Staat zu existieren. In seinem Narrativ ist die moderne Ukraine ein Produkt des bolschewistischen Russlands, wo bald nach 1917 angeblich von Lenin Teile des eigenen historischen Territoriums auf grobe Weise abgetrennt worden seien – eine skrupellose Geschichtsklitterung. Nicht nur, dass das ruthenisch-ukrainische Volk schon zuvor einen langen Weg hinter sich hatte. 1917 bildete sich zunächst eine selbstständige Ukrainische Volksrepublik, ehe sich Lenin 1918 daranmachte, deren Regierung zu stürzen und sich das Land einzuverleiben. Doch das Volk hatte längst seine eigene Nation ausgebildet. Die Schrecken des Holodomor in den 1930er-Jahren unter Stalin zeugen vom Vernichtungskampf der Sowjets gegen das ukrainische Volk. Dennoch identifiziert Putin geradezu mantraartig die Idee eines "historischen Russland" mit weitesten Teilen der alten Sowjetunion, und die Kirche sekundiert, indem sie für dieses vermeintlich einheitliche Gebiet ihren Zuständigkeitsanspruch postuliert. Immer ist die Taufe der Rus’ der mystische Ausgangspunkt, der zur Bildung einer "Heiligen Rus’" geführt habe mit der Russischen Orthodoxen Kirche als ihrem konstitutiven Bestandteil. Putins perfide Versuche, die Regierung der Ukraine und Teile der heutigen Kirchen als faschistisch zu diskreditieren und ausgerechnet mit dem Vorwurf der Verletzung der Religionsfreiheit als Legitimationsgrund für die "Befreiung des Donbas" zu operieren, folgen den alten Geschichtsmythen auf den Fuß.

Die toxischen Züge des Konzepts einer "Russischen Welt"

All das kulminiert im ideologischen Konzept einer "Russischen Welt" (Russkij Mir). Dieses ist gar nicht so alt. Es kommt erst Ende der 1990er-Jahre auf und konsolidiert die Geschichtsmythen zur Ideologie. Russland sieht sich hier als ein geteiltes Volk, das in der "Russischen Welt" nach der Wiedervereinigung des historischen Russlands strebt und sich schützt vor dem schlechten Einfluss von außen. 2001 von Putin eingeführt, legitimiert die Idee zunehmend die Politik des Kremls. Nicht nur die mythische Überhöhung der russischen Sprache und Kultur finden hier Platz. Der imperiale Gedanke, der bestimmte Gebiete als "diasporale russische Exklaven" zu betrachten begann, entließ konkrete territoriale Ansprüche, wie sie sich bereits zuvor in Transnistrien, im Donbas und auf der Krim konkretisierten haben und die heute auf die ganze Ukraine übergreifen. Die Ideologie der "Russischen Welt" ist tief orthodox-neoslawophil durchdrungen, wobei die Symphonie zwischen dem russischen Staat und "seiner Kirche" konstitutiv ist. In der Botschaft der offiziellen Kirchenleitung bilden Russland, Belarus und die Ukraine eine untrennbare sakrale Einheit. Ein Gedanke, der dann in der russischen Geopolitik seine realpolitische Radikalisierung erfährt – mit fatalen Konsequenzen.

Russlands Präsident Wladimir Putin in einer orthodoxen Kirche, im Hintergrund Bischöfe und Patriarch
Bild: ©dpa/Druzhinin Alexei (Archivbild)

Russlands Präsident Wladimir Putin ist orthodoxer Christ und zeigt sich gerne in Nähe zum orthodoxen Moskauer Patriarchat – und umgekehrt.

Nation und Nationalkirche

Dass in der Ukraine ein Land und sein Volk, denen Moskau nicht zugestehen will, eine echte Nation zu sein, 2018 eine eigene, autokephale orthodoxe Kirche etablierten, die 2019 durch einen Tomos des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel offiziell anerkannt wurde, war für die Chefideologen der "Russischen Welt" ein katastrophales Ereignis. Denn natürlich war auch dieser Schritt nicht frei von politischen Implikationen. Entsprechend waren die Reaktionen aus Moskau bis hin zur Aufkündigung der Kirchengemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchat. Die "Orthodoxe Kirche der Ukraine" unter Leitung von Metropolit Epiphanij und die Russische Orthodoxe Kirche in Moskau stehen sich seitdem in unerbittlicher Feindschaft gegenüber. Gleichsam zwischen den Stühlen steht die "Ukrainische Orthodoxe Kirche", die mit dem Moskauer Patriarchat verbunden ist. Einerseits ist sie an der Seite Moskaus und verteidigt – zumindest auf der Ebene der kirchlichen Jurisdiktion – die unteilbare Einheit der Kirche der drei Brudervölker. Doch als Teil der Ukraine und Opfer des Krieges ist sie nun auf eine Zerreißprobe gestellt, verurteilt offen mit den Worten ihres Metropoliten Onuphrij die russische Invasion als "Bruderkrieg" und wendet sich zunehmend ab vom Moskauer Patriarchen Kyrill. Wie der Weg der Orthodoxie in der Ukraine weiter verlaufen wird, ist ebenso spannend wie abhängig vom Ausgang des Krieges.

Verleugnete Aufklärung

Wollte man auf den Punkt bringen, welches Problem alldurchdringend ist, so ist es wohl die Verleugnung der Aufklärung. Das Putin’sche Russland fällt in vormoderne Zeiten zurück. Identitätssuche geschieht unter Rückgriff auf mythische Urgründe, die keiner rationalen Nachfrage standhalten und denen die Errungenschaften einer modernen Zivilgesellschaft Fremdworte sind: Identitätsfindung in Abgrenzung vom "Anderen", dem im Prinzip nichts Gutes zugestanden wird. Destruktiv für jeden Wertediskurs. Die Putin‘sche Antwort auf die "Ukrainische Frage" kann nur in alleräußerster Entschiedenheit zurückgewiesen werden, wenn dieser aus dubiosen Geschichtsmythen einen territorialen Anspruch ableitet, dabei vom Selbstbestimmungsrecht der Völker nichts wissen will und in seiner Geschichtsverfälschung eklatant der Dynamik einer rund 700-jährigen Ethnogenese widerspricht. Frieden kann es nur geben, wenn die Erbengemeinschaft der alten Rus’ lernt, sich gegenseitig als legitime, gleichberechtigte Partner zu akzeptieren. Im Letzten werden mit den Werten der Aufklärung heute in der Ukraine nicht weniger als die Grundfeste aller Menschenrechtskonventionen und einer freiheitlich-staatlichen Grundordnung verteidigt. Das macht die Dimension des Konflikts aus, und deshalb ist auch von uns ein fundamentales Bekenntnis gefragt.

Entfesselter Schwulenhass als Chiffre im Versuch zur gänzlichen Desavouierung des "Westens" – die Predigt von Patriarch Kyrill I. zum "Sonntag der Vergebung" am 6. März 2022

Den Sonntag zu Beginn der Fastenzeit feiern Christen byzantinischer Tradition als "Sonntag der Vergebung" – ein Tag geprägt von Reue und Buße. Ausgerechnet dieses Fest nimmt das Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche zum Anlass, sich in einer Predigt zu positionieren, die nicht anders als eine infame Replik auf die zahllosen internationalen Bittgesuche um Einsatz für den Frieden verstanden werden kann.

Moskaus Patriarch: Krieg soll Gläubige vor "Gay-Paraden" schützen

Der Moskauer Patriarch Kyrill I. erntet viel Kritik, weil er den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht deutlich verurteilt. Nun hat er ihn in einer Predigt sogar indirekt legitimiert – mit dem Schutz der Gläubigen vor "Gay-Pride-Paraden".

Kyrill bemüht subtil den Mythos vom Kampf der Kulturen, um vom "Westen" das Zerrbild einer Welt eines nur vermeintlichen Glücks und einer vermeintlichen Freiheit zu zeichnen, die aber in Wahrheit vollkommen korrumpiert sei. Um seiner These Nachdruck zu verleihen, rekurriert er auf Gay-Pride-Paraden als Chiffre, bei denen er sich zuversichtlich auf die tiefsitzende Homophobie weiter Teile der russischen Gesellschaft verlassen kann, welche er zudem gut biblisch begründet sieht. In skrupelloser Manier instrumentalisiert er diesen Schwulenhass, um im Letzten die gesamte westliche Welt als sündhaft, gesetz- und gottlos abzustempeln. Unter Bezugnahme auf das Evangelium vom Weltgericht (Mt 25,31–46) beschwört er auf unverhohlene Weise eine dualistische Weltsicht, bei dem es einem nur kalt den Rücken herunterlaufen kann: Man müsse sich eben um des Heiles willen entscheiden zwischen der rechten und der linken Seite. Die einzige mögliche Schlussfolgerung: Mit der linken Seite des Bösen kann nur der Westen, mit der rechten Seite des Heils nur die "Russische Welt" und ihre Verbündeten gemeint sein.

Darum gehe es in diesem Krieg, den Kyrill gar als einen "metaphysischen Kampf" bezeichnet. Und er schildert ihn als einen Befreiungskrieg derer im Donbas, die – so muss man schließen – hineingezogen werden in die sündige Welt des Westens und leiden um der Wahrheit und Jesu Christi willen. Kunstvoll und perfide zugleich flicht er die Themen Vergebung und Gerechtigkeit ein. Unterschwellig und etwas obskur, aber klar in der Stoßrichtung ertönen Andeutungen, die wie Drohungen gegen Orthodoxe anmuten, die nicht auf dieser Linie sind, wenn das Gericht Gottes auch in dieser Welt für diejenigen beschworen wird, welche die Kluft zwischen den Brüdern vertiefen. Wir erinnern uns, dass er nur eine Woche zuvor die Gegner Russland als "Kräfte des Bösen" bezeichnete. Rhetorisch fast schon fulminant, aber vollkommen verstörend in seinem Inhalt vereint der Patriarch letztlich all die Grundgedanken einer unaufgeklärten, postbyzantinisch-religiös imprägnierten "Russischen Welt" als Alleinerbe der alten Rus’, die dieser Beitrag zuvor zu umreißen versuchte. Dieser Krieg ist zwar kein eigentlicher Glaubenskrieg, denn seine Inhalte sind nicht religiöser Natur, aber er wird – übrigens auch entgegen der offiziellen Sozialdoktrin der russisch-orthodoxen Kirche – mit der höchsten kirchlichen Autorität Russlands gerechtfertigt.

Ausblick

Die Russische Orthodoxe Kirche ist hinsichtlich des Reichtums ihrer Geschichte und Theologie ein Juwel der Christenheit, das sollte man auch in diesen Tagen nicht verkennen. Doch der derzeitige Krieg lässt die Götterdämmerung über sie heraufziehen. Die Haltung des Patriarchen Kyrill markiert einen moralischen Tiefpunkt in der Geschichte der Christenheit. Vielen orthodoxen Theologen, auch der russischen Kirche, ist das nur allzu bewusst. Sie leiden schwer darunter. Womöglich ist eine Palastrevolution unumgänglich, Teile der gegenwärtigen Kirchenleitung sind offenbar völlig untragbar geworden. Eine Zukunft hat diese Kirche nur noch ohne Kyrill und seine Gefolgschaft. Für die russisch-orthodoxen Gemeinden ist es an der Zeit, sich entschieden und unerschrocken zu bekennen. Und sie tun es bereits, vielleicht noch nicht lautstark genug. Und zwar um des Friedens in der Ukraine und auch um der Zukunft der Russischen Orthodoxen Kirche willen. Die zu erwartenden Bannflüche aus Moskau sind da wohl leicht zu verkraften. Sind sie im Letzten doch nichts Anderes als Schall und Rauch.

Von Thomas Kremer

Der Autor

Thomas Kremer ist Professor für Theologie des Christlichen Ostens an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und stellvertretender Direktor der "Forschungsstelle Christlicher Orient" der Universität. Der Trierer Diözesanpriester ist Vorsitzender der Gesellschaft für das Studium des Christlichen Ostens.