Historiker erläutert Sinn, Zweck und Zukunftschancen von "Gesamtverbänden"

Katholische Verwaltungseinheiten, die kaum jemand kennt

Aktualisiert am 01.04.2022  –  Lesedauer: 

Frankfurt ‐ Vielen Katholiken dürften sie unbekannt sein: Doch sogenannte "Gesamtverbände" von Kirchengemeinden existieren in zahlreichen Großstädten. Historiker Maximilian Röll hat ihre Geschichte erforscht und sagt im Interview, was es damit auf sich hat.

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Viele Katholiken wissen nicht, dass es so etwas gibt: Einen Gesamtverband der Kirchengemeinden in einer Stadt. Doch solche Verbände gibt es etwa in Frankfurt am Main und auch in vielen anderen Großstädten. Am 1. April wird der "Gesamtverband der Katholischen Kirchengemeinden in Frankfurt am Main" 100 Jahre alt. Der Historiker Maximilian Röll (34) hat die Verwaltungseinheiten erforscht. Die Arbeit entsteht in Kooperation mit der Forschungsstelle für die Geschichte des Bistums Limburg. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht Röll über Sinn, Zweck und Zukunftschancen von Gesamtverbänden angesichts aktueller Pfarreienreformen.

Frage: Herr Röll, wer hat den Frankfurter Gesamtverband gegründet?

Röll: Der damalige Bischof von Limburg, Augustinus Kilian, hat zum 1. April 1922 den "Gesamtverband der Katholischen Pfarrgemeinden im ehemaligen Stadtbereich der vormals freien Reichsstadt Frankfurt" gegründet. Und zwar nach dem preußischen Kirchenverwaltungsgesetz von 1903. Es geschah also nach der damaligen staatlichen Gesetzgebung und es war eine staatliche Genehmigung erforderlich, die, die am 21. April 1922 erfolgte.

Frage: Was war der Zweck der Gründung?

Röll: Der Gesamtverband wurde aus verwaltungstechnischen Gründen ins Leben gerufen, weil die späteren Innenstadtpfarreien Frankfurts aus der damals einzigen Pfarrei in der Frankfurter Kernstadt herausgelöst wurden. Es war ein Verwaltungsakt, der dazu diente, das kirchliche Vermögen, das in der alten katholischen Pfarrei gebündelt war, nicht auf die neuen Innenstadtgemeinden aufsplitten zu müssen, sondern gemeinsam zu verwalten.

Frage: Warum geschah das gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts?

Röll: Wir haben in Frankfurt ein ganz typisches Phänomen für eine deutsche Stadt der damaligen Zeit: Frankfurt ist im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert sehr stark gewachsen. Im Rahmen dieses Bevölkerungswuchses und der daraus folgenden Verstädterung nahm auch die Katholikenzahl innerhalb der alten Stadtgrenze zu. Denn viele Menschen zogen aus dem Umland in die Innenstadt.

Frage: Wo gibt es noch solche Gesamtverbände?

Röll: Im Bistum Limburg gibt es drei Gesamtverbände: außer in Frankfurt auch in Wiesbaden und Limburg. Für ganz Deutschland existiert keine Aufstellung dazu, aber wir müssen davon ausgehen, dass es viele Gesamtverbände gibt, die aber vielfach nicht aufscheinen in der Öffentlichkeit, weil es eben Verwaltungseinheiten sind. Es gibt sie etwa in Köln, Hannover und Mannheim. Die müssen auch nicht "Gesamtverband" heißen – in Mannheim heißt der Gesamtverband zum Beispiel "Katholische Gesamtkirchengemeinde Mannheim".

Bild: ©KNA/Angelika Zinzow (Archivbild)

In Frankfurt ist Stadtdekan Johannes zu Eltz der Vorsitzende des Gesamtverbandes.

Frage: 100 Jahre ist eine lange Zeit – warum hat der Frankfurter Gesamtverband überdauert?

Röll: Die Gesamtverbände sind in ihrem Profil relativ stabil, weil sie etablierte Rechtskonstruktionen sind. Und sie übernehmen Aufgaben für mehrere Gemeinden, typischerweise die gemeinsame Verwaltung von Immobilien und die Verwaltung des Meldewesens für die Kirchenmitglieder. Bis zur aktuellen Pfarreienreform umfasste der Frankfurter Gesamtverband mehr als 50 Kirchengemeinden.

Frage: Wann hatte der Gesamtverband mehr "zu sagen" – früher oder heute?

Röll: Dem Frankfurter Gesamtverband oblag früher deutlich mehr. Ihm gehörten alle kirchlichen Grundstücke: Jede Kirche, jedes Pfarrhaus, jede Wohnung. Der Gesamtverband nahm für seine Gemeinden die Aufgaben des Rentamtes wahr, war und ist die zentrale kirchliche Meldestelle, er war auch für die Kirchensteuer zuständig vor der Einführung der zentralen Diözesankirchensteuer.

Frage: Hat das Bistum nicht inzwischen vieles davon an sich gezogen?

Röll: Ja, viele der Aufgaben, die der Gesamtverband früher hatte, werden mittlerweile durch das Ordinariat oder neue zentrale Ämter erledigt, zum Beispiel bei der Kirchensteuer oder dem Rentamt. Zudem hat es etwa in Frankfurt auch eine Rückübertragung der pfarrlich genutzten Grundstücke vom Gesamtverband an die Kirchengemeinden gegeben. Dem Gesamtverband heute gehören vor allem noch die pfarrlich nicht genutzten Immobilien, etwa Gewerbe- oder Wohnimmobilien.

Frage: In Frankfurt ist der katholische Stadtdekan Johannes zu Eltz der Vorsitzende des Gesamtverbandes – ist das überall so?

Röll: Vorsitzender des Gesamtverbandes ist in der Regel der Pfarrer jener Gemeinde, aus der der Gesamtverband ursprünglich mal hervorgegangen ist oder die das größte Gewicht hatte.

Frage: Ist es sinnvoll, dass Priester – also Theologen – eine solch hohe Verantwortung in wirtschaftlichen Dingen haben?

Röll: Das dürfte im Zuge der derzeit geplanten Reformen in der Kirche mitdiskutiert werden. Es ist aber sicher sinnvoll, dass gerade der Stadtdekan diese Aufgabe wahrnimmt, weil er qua Amt sowieso für die katholische Stadtkirche spricht.

Frage: Sind die Gesamtverbände zu unbekannt?

Röll: Ja. Der Gesamtverband taucht eigentlich immer nur dann in der Öffentlichkeit auf, wenn es "rummst", wenn es also etwa Streitigkeiten um Immobilien gibt. Die Gesamtverbände sind Einheiten, die in ganz vielen Städten wichtige Aufgaben für die Kirchengemeinden wahrnehmen. Auch treten sie als Förderer stadtkirchlichen Lebens auf; so können beim Gesamtverband Kirchengemeinden wie Privatpersonen Anträge auf finanzielle Zuwendung stellen, soweit sie einen Bezug zur Frankfurter Stadtkirche haben. Das weiß aber kaum einer, ausgenommen vielleicht die Mitglieder in den Verwaltungsräten von Kirchengemeinden.

Aber außerhalb der Gremien ist das weitgehend unbekannt, und das ist schade, weil kirchliches Verwaltungshandeln ja nicht nur Akten berührt, sondern Menschen. Wenn ich aber einen relevanten Teil dessen, was Kirche ist, aus der Öffentlichkeit herausschneide, dann geht natürlich auch viel von dem Guten, was da bewirkt wird, verloren.

Von Norbert Demuth (KNA)