Russische und ukrainische Familie sollen gemeinsam Kreuz tragen

Ukrainischer Vatikan-Botschafter kritisiert Pläne für Papst-Kreuzweg

Aktualisiert am 12.04.2022  –  Lesedauer: 
Ein Kreuz steht vor dem Kolosseum
Bild: © KNA

Vatikanstadt ‐ Erstmals seit 2019 findet der Kreuzweg mit dem Papst am Karfreitag wieder vor dem Kolosseum statt – doch am Programm regt sich vorab Kritik: Denn eine ukrainische und eine russische Familie sollen gemeinsam das Kreuz tragen und einen Text vortragen.

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Der ukrainische Botschafter beim Heiligen Stuhl kritisiert die Entscheidung, dass am Karfreitag beim Kreuzweg vor dem Kolosseum eine ukrainische und eine russische Familie gemeinsam das Kreuz tragen und einen Text vortragen sollen. Die Botschaft "versteht und teilt die allgemeinen Bedenken in der Ukraine und in vielen anderen Gemeinden" zu dieser Aktion, schrieb Botschafter Andrij Jurash (Dienstag) auf Twitter. Man sei mit dem Thema befasst und versuche, "die Schwierigkeiten bei der Umsetzung und die möglichen Folgen zu erklären".

Auch der griechisch-katholische Erzbischof von Kiew, Swjatoslaw Schewtschuk, kritisierte die Pläne für den Papst-Kreuzweg. "Ich halte diese Idee für nicht ratsam und zweideutig, da sie den Kontext der militärischen Aggression Russlands gegen die Ukraine nicht berücksichtigt", heißt es in einer Erklärung Schewtschuks vom Dienstag, die sein Sekretariat in Rom verbreitete. Für viele katholische Ukrainer seien die geplanten "Texte und Gesten der XIII. Station des Kreuzweges unverständlich und sogar beleidigend". Dies gelte vor allem angesichts des erwarteten zweiten, noch blutigeren Angriffs russischer Truppen auf Städte und Dörfer.

"Gesten der Versöhnung zwischen unseren Völkern", so Schewtschuk, seien erst dann wieder möglich, "wenn der Krieg beendet ist und die Verantwortlichen für Verbrechen gegen die Menschlichkeit" verurteilt seien. Er habe daher die zuständigen Stellen in Rom um eine "Überprüfung dieses Projekts" gebeten.

"Warum hast du uns im Stich gelassen?"

Die Texte zum traditionellen Kreuzweg am Karfreitag vor dem Kolosseum haben in diesem Jahr mehrere Familien verfasst. Unter den Teilnehmern sind Familien, die unterschiedliche Schicksalsschläge erlitten haben, zudem eine mit Migrationshintergrund. Ein jung verheiratetes Ehepaar, eine Großfamilie mit fünf Kindern sowie ein Großelternpaar haben ebenfalls einen Text geschrieben. Der Text zur 13. Kreuzweg-Station zum Tod Jesu am Kreuz wird von je einer russischen und einer ukrainischen Familie vorgetragen. In dem Text heißt es unter anderem: "Warum hast du uns im Stich gelassen? Warum hast du unsere Völker im Stich gelassen?" Während des entsprechenden Abschnitts sollen sie auch gemeinsam ein Kreuz tragen.

Bereits die Tatsache, dass der Papst am 25. März in einer Bußandacht beide Völker, Ukrainer und Russen, der besonderen Sorge der Gottesmutter empfahl, sorgte für Kritik. Insbesondere Ukrainer sehen darin eine unverhältnismäßige Gleichstellung oder Nivellierung von Unrecht. Gleichzeitig hatte Jurash, der seit Anfang März in Rom ist, sowohl am Friedensgottesdienst mit Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin wie an der Andacht des Papstes zusammen mit Moskaus Vatikan-Botschafter teilgenommen. Allerdings begegneten die beiden sich nicht. Der Kreuzweg mit dem Papst findet erstmals wieder seit 2019 traditionell vor dem römischen Kolosseum statt. Die Meditationen dazu wechseln jährlich. Franziskus und seine Vorgänger wählten in den vergangenen Jahrzehnten teils sehr unterschiedliche Autoren für die Stationen aus. (tmg/KNA)

12.4., 18:50 Uhr: Ergänzt um Schewtschuk.