Pfarrer Alexander Bergel über das Sonntagsevangelium

Die Suche nach Ostern: "Wo, Gott, wo bist du?"

Aktualisiert am 16.04.2022  –  Lesedauer: 
Ausgelegt!

Osnabrück ‐ Im Evangelium zum Ostersonntag erkennt Pfarrer Alexander Bergel Verzweiflung und Enttäuschung. Wer sich aber heute auf die Suche nach Ostern mache, der könne auch erkennen: Von diesen tieftraurigen Menschen ging eine Kraft aus.

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"Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde …" Was für eine unendliche Enttäuschung spricht aus diesen Worten. Keine Erlösung. Keine Perspektive. Kein Leben. Alles vergebens. Deshalb wollen sie auch nur noch weg. Die beiden Männer auf ihrem Weg nach Emmaus. Plötzlich aber, kurz bevor es dunkel wird, ist da einer, dem sie – wie von selbst – alles erzählen. Sie berichten von Frauen, die allen Ernstes meinen, der, den sie hatten sterben sehen, lebe! Aber wer soll das glauben? So verrückt kann doch keiner sein!

Noch zwei andere sind unterwegs. Petrus und der Jünger, den Jesus liebte. Auch sie hatten gehofft. Gehofft, "dass er der sei, der Israel erlösen werde". Aber das ist vorbei. Denn er ist tot. Und doch sind sie unterwegs. Aufgeschreckt von einer Frau, die Unglaubliches berichtet. Leer soll es ein, das Grab. Dort angekommen, sehen die beiden Männer ein paar Leichentücher. Sonst nichts. Sie zählen eins und eins zusammen: Leeres Grab + zusammengelegte Leinenbinden = ja, was nur? Irgendwas halt. Bloß nicht weiter denken oder gar fühlen. Lieber zurück nach Hause. Weitermachen wie bisher. Auch eine Art, mit der eigenen Sehnsucht umzugehen. Typisch Mann, sagen manche.

Und dann steht da diese Frau. Und lässt ihren Gefühlen freien Lauf. Maria aus Magdala. Auch sie hatte gehofft. Gehofft, "dass er der sei, der Israel erlösen werde". Erlösung – was für ein Wort! Verstehen kann das wohl nur, wer einmal im Tiefsten erfahren hat: Da gibt es einen, der nimmt mich so, wie ich bin. Keine Vorurteile. Keine Verurteilung. Keine Bedingung. Doch – eine schon: "Wenn du mir folgen willst, dann vertrau mir!" Das hatte Maria getan. Und am eigenen Leib zu spüren bekommen, was es bedeutet, nicht mehr klein und wertlos zu sein. Doch nun war er tot. Er, der so unendlich gut war. Der heilte. Und aufrichtete. Der, der nicht nur von Gott sprach, sondern bei dem man Gott spüren konnte. Wie nirgendwo sonst. Jetzt aber spürte Maria nur noch eines: tiefe Verzweiflung.

Und heute? Ja, was fühlen wir? In diesen Tagen? In diesen Zeiten? In dieser Welt? Wie soll denn Ostern werden in einer Welt, die von Tod und Elend und Hass und Gewalt so zerfressen ist wie schon lange nicht mehr? In der Menschen dahingemetzelt, Familien zerrissen, Millionen in die Flucht getrieben und ganze Landstriche verwüstet werden? "Wir hatten so sehr auf dich gehofft, o Gott, doch wo – wo bist du?" Ostern ist kein Fest der heilen Welt. Die Osterzeugen von damals waren voller Panik und Angst. Alles war zerbrochen, nichts machte mehr Sinn, und diese eine Frage quälte auch sie: "Wo, Gott, wo bist du?" Wer sich heute auf die Suche nach Ostern macht, darf das nicht vergessen.

Aber wer sich mit diesem Wissen auf die Suche nach Ostern macht, der wird sich vielleicht daran erinnern, wie damals von diesen verängstigten, tieftraurigen Menschen eine Kraft ausging. Eine Kraft, die bis heute reicht. Sie alle hatten die Erfahrung gemacht: Jesus lebt! Und es allen erzählt. Und die vielen Leidtragenden spüren lassen: Das Leben hat doch einen Sinn! Trotz allem. Ostern ist zwar kein Fest der heilen Welt. Aber vielleicht kann sie doch etwas heiler werden, diese Welt, wenn wir unsere Ostererfahrungen weitergeben. Wenn wir voller Hoffnung Ostern feiern. Und wenn wir Ostern leben!

Evangelium nach Johannes (Joh 20,1–18)

Am ersten Tag der Woche kam Maria von Mágdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab
und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen
und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben. Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus
und kamen zum Grab; sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus,
kam er als Erster ans Grab.

Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging jedoch nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse. Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück. Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein.

Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten. Diese sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben. Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen.

Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbúni!, das heißt: Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria von Mágdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte.

Der Autor

Alexander Bergel ist Pfarrer der Pfarrei Christus König in Osnabrück.

Ausgelegt!

Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.