"Seit Kriegsbeginn sind wir wütend auf ihn"

Kirchenführer sehen Patriarch Kyrill mitverantwortlich für Krieg

Aktualisiert am 20.04.2022  –  Lesedauer: 
Festlicher Ostergottesdienst mit dem russisch-orthodoxen Patriarch Kyrill I. in der Christ-Erlöser-Kathedrale am 11. April 2015 in Moskau.
Bild: © KNA

Hamburg ‐ Vor dem Krieg habe Kyrill I. die Ukrainer als seine Herde bezeichnet, nun trete er jedoch als "Patriarch der Russen" auf: Metropolit Augustin Markewytsch und Erzbischof Jewstratij Sorja machen ihrem Ärger über den Moskauer Kirchenführer Luft.

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Zwei hochrangige Vertreter der ukrainischen Orthodoxie sehen den Moskauer Patriarchen Kyrill mitverantwortlich für den Krieg in der Ukraine. "Seit Kriegsbeginn sind wir wütend auf Kyrill", schreibt der Metropolit der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK), Augustin Markewytsch, in einem Beitrag in der "Zeit" (Donnerstag). Vor dem Krieg habe Kyrill die Ukrainer als seine Herde bezeichnet, nun trete er jedoch als "Patriarch der Russen" auf. Ein Gottesdienst, den Kyrill kürzlich in der Moskauer Militärkirche gefeiert hatte, sei "der Sargnagel für die Beziehungen zwischen unserer Kirche und den russischen Orthodoxen" gewesen.

Kyrill I. ist ein enger Verbündeter von Kreml-Chef Wladimir Putin. Russlands Krieg gegen die Ukraine rechtfertigte er als "metaphysischen Kampf" des Guten gegen das Böse aus dem Westen. Anfang April forderte er die Soldatinnen und Soldaten bei einem Gottesdienst in der Hauptkirche der Streitkräfte auf, ihren Eid zu erfüllen. Sie sollten bereit sein, ihr Leben für ihre Nächsten zu geben, wie es die Bibel besage.

Die UOK distanziere sich klar vom Krieg und auch von Kyrill, fügte der Metropolit hinzu. "Trotzdem werden wir jetzt verleumdet: Wir würden russische Agenten, ja sogar Waffen in unseren Kathedralen verstecken." Manche Politiker wollten die UOK nun verbieten. Dies könnte einige Priester zur Zusammenarbeit mit der russischen Armee provozieren. "Wir müssen jetzt aber einig sein gegen den äußeren Feind", mahnte Augustin.

Wo russische Macht sei, gebe es keine Religionsfreiheit

Ähnlich äußerte sich der Erzbischof Jewstratij Sorja vom Kiewer Patriarchat. Putin wolle "die Welt zurück in die Zeit nach 1945 versetzen", so Sorja. "Dafür zerstört er die Ukraine und verbrennt Russlands Zukunft." Wo russische Macht sei, gebe es keine Religionsfreiheit, "vor allem nicht für meine Orthodoxe Kirche der Ukraine". Priester seines Bistums seien von Russen verhört und eingeschüchtert worden. Andernorts würden Priester gefoltert oder getötet, Kirchen zerstört – so alle Kirchen in Mariupol. Auch seine Kathedrale in Tschernihiw sei beschädigt worden. Der Moskauer Patriarch unterstütze faktisch den Krieg, "was sogar jene Ukrainer schockiert, die ihn zuvor als ihr geistliches Oberhaupt ansahen."

Rund 60 Prozent der Ukrainer bekennen sich zum orthodoxen Christentum. Sie gehören allerdings zwei verschiedenen Konfessionen an: der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats und der Ende 2018 gegründeten eigenständigen (autokephalen) Orthodoxen Kirche der Ukraine. Die moskautreue Kirche zählt in der Ukraine zwar deutlich mehr Gemeinden als jede andere Konfession. Aber in Umfragen bekannten sich die meisten Bürger zur neuen, unabhängigen orthodoxen Kirche. Metropolit Augustin und Erzbischof Jewstratij gehören den beiden unterschiedlichen orthodoxen Kirchen der Ukraine an.

Zu einem möglichen Treffen von Papst Franziskus mit Kyrill äußerten sich beide Geistliche unterschiedlich. Vielleicht könne der Papst den Patriarchen "durch seine Person beeindrucken", schreibt der Metropolit. Er selbst habe keine Möglichkeit, direkt mit Kyrill zu sprechen. Erzbischof Sorja erklärt dagegen, der Wunsch von Papst Franziskus, Kyrill zu treffen, beruhe auf dem Missverständnis, Kyrill könne Putin beeinflussen und den Krieg beenden. "Das Gegenteil ist der Fall! Putin beeinflusst Kyrill." (KNA)