Standpunkt

Der Ukraine-Krieg ist ein schwerer Rückschlag für die Ökumene

Aktualisiert am 26.04.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ 1948 verständigte sich der Weltkirchenrat auf den Satz: "Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein." Mehr als 70 Jahre später ist der Krieg in der Ukraine ein schwerer Rückschlag für die Ökumene, beobachtet Tilmann Kleinjung – und blickt nach vorn.

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"Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein." Darauf haben sich die christlichen Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg verständigt. Verabschiedet wurde der Satz bei der ersten Vollversammlung des Weltkirchenrates 1948 in Amsterdam. 150 Kirchen waren damals dabei. Die römisch-katholische Kirche ist zwar nicht Mitglied, trägt aber diesen ökumenischen Minimalkonsens mit: "Gott ist nur ein Gott des Friedens, er ist kein Gott des Krieges", sagte Papst Franziskus wenige Wochen nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine. Es gab am Anfang die kleine Hoffnung, dass die ökumenischen Beziehungen für den Frieden genutzt werden. Dass sich die Konfessionen trotz aller Unterschiede in Lehre und Tradition auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner einigen können: Krieg soll nicht sein.

Die russisch-orthodoxe Kirche ist Mitglied im Weltkirchenrat, auch zwischen Rom und Moskau gibt es etablierte Beziehungen. Und so haben die Vertreterinnen und Vertreter der verschiedensten Kirchen in den vergangenen Wochen mal mehr, mal weniger eindringlich an den Moskauer Patriarchen appelliert, seinen Einfluss geltend zu machen, dass dieses sinnlose Blutvergießen beendet wird. Vergeblich. Patriarch Kyrill gibt diesem Krieg seinen Segen. Offenbar hat er sich nicht einmal um eine Waffenruhe am orthodoxen Osterfest bemüht. Und mit der Hoffnung auf ein baldiges Ende dieses Krieges stirbt auch die Hoffnung, dass ökumenische Gespräche und Konferenzen nicht nur einem Selbstzweck dienen, sondern ein höheres Ziel verfolgen: Frieden schaffen.

Dieser Krieg ist ein schwerer Rückschlag für die ökumenische Bewegung. Wo eigentlich Gemeinschaft gefördert werden soll, ist Distanzierung gefragt. Papst Franziskus hat die Planungen für ein weiteres Treffen mit Patriarch Kyrill auf Eis gelegt. Im September trifft sich der Weltkirchenrat zu seiner Vollversammlung in Karlsruhe. Kaum vorstellbar, dass eine offizielle Delegation des Moskauer Patriarchats an dem Treffen teilnimmt. Die kirchliche Weltgemeinschaft muss hier eine klare Haltung zeigen, will sie nicht unglaubwürdig werden. Dem Ökumenischen Rat der Kirchen ist das in seiner Geschichte schon einmal gelungen: Er hat sich eindeutig gegen die Apartheid in Südafrika positioniert und jede theologische Rechtfertigung der Rassentrennung abgelehnt. Die Kirchen, die das anders sahen, haben daraufhin den Rat verlassen. Das Ende der Geschichte ist bekannt.

Von Tilmann Kleinjung

Der Autor

Tilmann Kleinjung ist Leiter der Redaktion Religion und Orientierung im Bayerischen Rundfunk (BR).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.