Matthias Ring sieht Entwicklung in Schwesterkirche mit Sorge

Alt-katholischer Bischof: Frustrierte Katholiken wechseln zu uns

Aktualisiert am 29.04.2022  –  Lesedauer: 
Matthias Ring im Porträt
Bild: © KNA

Bonn/München ‐ "Viele haben das Gefühl, in der römisch-katholischen Kirche wird sich nichts ändern": Daher gibt es laut Bischof Matthias Ring eine wachsende Zahl von Übertritten römisch-katholischer Christen zu den Alt-Katholiken.

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Die Alt-Katholische Kirche in Deutschland sieht in einigen Regionen eine wachsende Zahl von Übertritten römisch-katholischer Christen, die sich frustriert von ihrer Kirche abwenden. "Der Umgang mit den Missbrauchsfällen hat für viele das Fass zum Überlaufen gebracht", sagte der alt-katholische Bischof Matthias Ring (59) dem Bonner "General-Anzeiger" (Freitag). "Viele haben das Gefühl, in der römisch-katholischen Kirche wird sich nichts ändern." In jüngster Zeit träten auch vermehrt Menschen über, die aus dem Kern ihrer bisherigen römisch-katholischen Gemeinden stammten und dort zum Beispiel als Lektoren oder im Pfarrgemeinderat aktiv waren.

Die Entwicklung in der Schwesterkirche sieht Ring mit Sorge. Zwar greife die aktuelle Austrittswelle nicht auf die kleinere alt-katholische Kirche über. "Aber der Ansehensverlust, den die Kirche insgesamt im Moment ganz massiv in der Gesellschaft erleidet, der betrifft uns natürlich auch." Die alt-katholische Kirche hat laut Ring bundesweit etwa 15.000 Mitglieder. Die Menschen fänden an der Kirche unter anderem attraktiv, dass sie demokratisch verfasst sei und Frauen zum Priesteramt zulässt. Vielen gefalle auch, dass es direkten Kontakt zu den Seelsorgern gebe. "Die Überschaubarkeit ist für viele ein Grund, sich einer alt-katholischen Gemeinde anzuschließen", so der Bischof.

Ex-Benediktiner Bilgri als Priester für Alt-Katholiken tätig

Unterdessen wurde bekannt, dass Anselm Bilgri (68), früherer Prior des Benediktinerklosters Andechs und seit Dezember 2020 Alt-Katholik, wieder als Priester tätig sein darf. Die alt-katholische Gemeinde Sankt Willibrord in München habe ihn bei einer Gemeindeversammlung einstimmig für die Zulassung zu den geistlichen Ämtern vorgeschlagen, teilte das Pfarramt am Freitag mit. Bischof Ring habe diese Zulassung am 13. April bestätigt. Mit Bilgri seien zwei weitere Priester und eine Priesterin in der Gemeinde ehrenamtlich tätig, heißt es.

Seinen Wechsel zu den Alt-Katholiken hatte Bilgri unter anderem auch mit der Hoffnung begründet, künftig neben seiner Vortragstätigkeit wieder als Priester wirken zu können. Dies sei ihm zuletzt, nachdem er 2004 Kloster Andechs verlassen hatte, in der römisch-katholischen Kirche verwehrt geblieben. Seit 2008 ist Bilgri als Vortragender, Buchautor, Coach und Mediator selbstständig. Da die alt-katholische Kirche demokratisch organisiert ist, brauchte er die Zustimmung der Gemeinde zur Ausübung seines geistlichen Dienstes. Im vergangenen Jahr hatte Bilgri seinen Lebensgefährten geheiratet.

Die alt-katholischen Kirchen entstanden im 19. Jahrhundert durch Abspaltung von der römisch-katholischen Kirche. Anlass war der Protest gegen zentrale Beschlüsse des Ersten Vatikanischen Konzils (1869/70). Alt-Katholiken lehnen die von diesem Konzil definierte päpstliche Unfehlbarkeit in Fragen von Glauben und Sitte ab, ebenso den sogenannten Jurisdiktionsprimat, also die oberste kirchliche Leitungsgewalt des Papstes. Die Alt-Katholiken in Deutschland sind in einem Bistum organisiert; der Bischofssitz ist Bonn. (tmg/KNA)