Standpunkt

"Religionsunterricht für alle" ist einzig gangbarer Weg

Aktualisiert am 03.05.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Das Erzbistum Hamburg ist beim "Religionsunterricht für alle" in der Hansestadt dabei. Für Dominik Blum ist das ein logischer Schritt: Denn in einer pluralen Gesellschaft ist diese Art von Religionsunterricht der einzig gangbare Weg.

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In diesen Tagen führen der demografische Wandel, Migration und nicht zuletzt die vielen Kirchenaustritte in Deutschland dazu, dass katholische und evangelische Christinnen und Christen zusammen nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung hierzulande ausmachen. In einer Londoner Studie, die auf Daten des European Social Survey (ESS) basiert, bezeichnen sich in Deutschland bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 16 und 29 Jahren 45% als konfessionsfrei, 7% sind Muslime, 47% Christen verschiedener Konfessionen, ein Prozent gehören einer anderen, z.B. der jüdischen Religion an.

Da ist es eine gute Nachricht, dass sich das Erzbistum Hamburg in der vergangenen Woche entschieden hat, am sog. Hamburger Modell des Religionsunterrichts teilzunehmen, dem "Religionsunterricht für alle" (Rufa). Während es zum Beispiel in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen immerhin einen konfessionell-kooperativen Religionsunterricht der beiden großen christlichen Kirchen gibt, geht der Rufa einen Schritt weiter. Unterrichtet werden Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Religionen und Konfessionen gemeinsam. Die wechselnden Lehrkräfte gehören einer der beteiligten Religionen oder Konfessionen an, sprechen also von ihrer eigenen religiösen Überzeugung.

Und das ist zeitgemäß. Religionsunterricht kann seine bildende Kraft nur entfalten, wenn Religion als konkrete Lebensoption vermittelt wird. Der Rufa ist also keine Religionskunde, die nur informiert, wie es wäre, Christ, Jüdin, Alevit oder Muslima zu sein. Diskutiert wird stattdessen, was es bedeutet, heute in einer interreligiösen, multikulturellen Gesellschaft mit einer bestimmten Religion oder Konfession zu leben.

Aber – und das ist entscheidend: Das Unterrichtssetting ist konstitutiv dialogisch, von Anfang an. Die klassische Trias des konfessionellen Religionsunterrichts, die konfessorische Übereinstimmung von Lehrerin, Schüler und Unterrichtsinhalt, ist wie im richtigen Leben in Hamburg, Köln und selbst in der niedersächsischen Provinz geöffnet auf andere Überzeugungsgemeinschaften. Das dient tatsächlich dem Frieden zwischen den Religionen, wie Erzbischof Heße betont hat. Aber es ist auch religionsdidaktisch der einzig gangbare Weg in einer pluralen Gesellschaft. Denn Identität und Verständigung wachsen hier nur gemeinsam, nicht nacheinander.

Und theologisch? "Gott ist nicht katholisch. Gott ist nicht evangelisch. Gott ist nicht orthodox. Gott ist nicht einmal christlich. Gott ist nicht der Gott dieser oder jener Religion. Gott ist Gott. (…) Gott ist Gott für alle." Was der damalige Bischof von Aachen, Heinrich Mussinghoff, beim Friedenstreffen der Gemeinschaft Sant'Egidio 2003 in Aachen gesagt hat, gilt wohl immer noch. Ich bin überzeugt davon, dass Gott sich im Rufa besonders wohl fühlen würde.

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum ist Dozent für Theologie an der Katholischen Akademie in Stapelfeld.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.