Patriarch Kyrill I. lasse sich nicht von EU-Sanktionen einschüchtern

Russisch-orthodoxe Kirche wirft Papst Franziskus "unkorrekten Ton" vor

Aktualisiert am 04.05.2022  –  Lesedauer: 

Moskau ‐ Papst Franziskus berichtete in einem aktuellen Interview auch über ein Gespräch mit Patriarch Kyrill I. Die russisch-orthodoxe Kirche wirft ihm nun einen "unkorrekten Ton" vor. Mögliche EU-Sanktionen sehe der Moskauer Kirchenführer zudem gelassen.

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Die russisch-orthodoxe Kirche hat die jüngste Kritik von Papst Franziskus an ihrem Patriarchen Kyrill I. deutlich zurückgewiesen. "Es ist bedauerlich, dass Papst Franziskus eineinhalb Monate nach seinem Gespräch mit Patriarch Kyrill einen unkorrekten Ton gewählt hat, um den Inhalt dieses Gesprächs weiterzugeben", schrieb das Außenamt des Moskauer Patriarchats am Mittwoch in einer langen Erklärung. "Solche Äußerungen werden kaum zum Zustandekommen eines konstruktiven Dialogs zwischen der römisch-katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche beitragen, der besonders in der jetzigen Zeit notwendig ist."

In einem Interview der italienischen Zeitung "Corriere della Sera" (Dienstag) hatte der Papst von seinem Videogespräch mit dem russisch-orthodoxen Kirchenoberhaupt vom 16. März erzählt. 40 Minuten lang habe er mit Kyrill gesprochen, so Franziskus. In den ersten 20 Minuten habe der Patriarch Rechtfertigungen für den Krieg vorgetragen. Er habe geantwortet: "Wir sind keine Staatskleriker." Der Zeitung sagte der Papst: "Der Patriarch kann sich nicht zum Messdiener Putins machen." Er bestätigte, dass ein für 14. Juni geplantes Treffen mit Kyrill in Jerusalem nicht weiter verfolgt werde.

Das Außenamt der russisch-orthodoxen Kirche schilderte nun ausführlich, was der Patriarch dem Papst in dem Videogespräch gesagt habe. Kyrill habe darauf hingewiesen, dass der Ukraine-Konflikt 2014 mit den Ereignissen auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew begonnen hätte, die zum Regierungswechsel geführt hätten. Zudem habe eine "Nazi-Gruppierung" in der Schwarzmeermetropole Odessa Demonstranten angegriffen, die für ihre russische Muttersprache und Kultur auf die Straße gegangen seien. Viele Menschen seien darauf in das Haus der Gewerkschaften geflohen und bei dem dortigen Brand und den Ausschreitungen ums Leben gekommen. Die "Lehre aus Odessa" sei, dass die Rechte der Menschen im Südosten der Ukraine verteidigt werden müssten.

"Russland konnte und kann dies nicht zulassen"

Zudem habe Kyrill daran erinnert, dass Russland zugesichert worden sei, dass sich das westliche Militärbündnis Nato kein bisschen nach Osten ausweiten werde. "Dieses Versprechen wurde jedoch gebrochen; sogar die ehemaligen baltischen Sowjetrepubliken traten der Nato bei", heißt es in der Erklärung.

"Dadurch hat sich eine höchst gefährliche Situation entwickelt: Die Nato-Grenze liegt 130 Kilometer von Sankt Petersburg entfernt, die Flugzeit der Raketen beträgt nur wenige Minuten." Wenn die Ukraine in die Nato aufgenommen würde, bräuchten Raketen nach Moskau ebenfalls nur noch einige Minuten. "Russland konnte und kann dies nicht zulassen", so das kirchliche Außenamt.

Patriarch Kyrill I.
Bild: ©KNA/Corinne Simon (Archivbild)

Patriarch Kyrill I.

Unterdessen betonte der Sprecher Kyrills, dass sich der russisch-orthodoxe Patriarch auch von EU-Sanktionen gegen ihn nicht beeindrucken lässt. Man müsse der Geschichte der russisch-orthodoxen Kirche "völlig unkundig sein, um ihre Geistlichen und Gläubigen einzuschüchtern, indem man sie in irgendwelche Listen einträgt", schrieb Sprecher Wladimir Legoida ebenfalls am Mittwoch in seinem Telegram-Kanal. Er wolle die Autoren der Sanktionsinitiative daran erinnern, dass Kyrill aus einer Familie stamme, deren Mitglieder jahrzehntelang wegen ihres Glaubens und ihrer moralischen Haltung während "der militanten kommunistischen Gottlosigkeit" unterdrückt worden seien, aber "keiner von ihnen hatte Angst vor Gefängnis oder gar Racheakten".

Die EU-Kommission schlägt in ihrem sechsten Sanktionspaket laut Medienberichten neben zahlreichen anderen Maßnahmen ein Einreiseverbot für Kyrill und das Einfrieren seines Vermögens vor. Eine offizielle Bestätigung liegt nicht vor. Das Paket wurde am Mittwoch in den EU-Mitgliedsländern geprüft und muss anschließend abgestimmt werden. Die litauische Regierung hatte sich für Sanktionen gegen den russisch-orthodoxen Patriarchen stark gemacht, weil er den Krieg gegen die Ukraine unterstütze. Außenminister Gabrielius Landsbergis sagte Ende April, das Kirchenoberhaupt sei eher damit beschäftigt, "Seelen zu töten, als sie zu retten".

"Je wahlloser die Sanktionen, desto weiter entfernt sich der Frieden"

Kyrills Sprecher betonte, der Patriarch bete für Frieden. "Je wahlloser die Sanktionen werden, je mehr sie den Bezug zum gesunden Menschenverstand verlieren, desto weiter entfernt sich der Frieden", so Legoida.

Mit Äußerungen zu Russlands Angriffskrieg auf Linie des Kreml-Chefs Wladimir Putin sorgt Kyrill besonders in der Ukraine seit Wochen für Entsetzen. Den Militäreinsatz rechtfertigte er als "metaphysischen Kampf" des Guten gegen das Böse aus dem Westen. Der Patriarch propagiert seit Jahren eine "russische Welt", zu der auch die Ukraine gehöre. Am Dienstag sagte er bei einem Gottesdienst in einer Kathedrale im Moskauer Kreml, Russland habe nie jemanden angegriffen, "es hat nur seine Grenzen verteidigt".

Kyrills Großvater, Wassilij Gundjajew (1879-1969), kämpfte als Priester in den 1920er- bis 1940er-Jahren gegen die Schließung von Kirchen. Der Patriarch sagte einmal, selbst mehr als 20 Jahre Haft hätten seinen Großvater nicht gebrochen, sondern im Gegenteil bestärkt, seinem Enkel zu raten: "Fürchte dich vor keinem – außer vor Gott." (tmg/KNA)