Standpunkt

Diese Stellungnahme zum Ukraine-Krieg hätte ich gerne vom Papst gehört

Aktualisiert am 10.05.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Papst Franziskus gab vergangene Woche der NATO eine Mitschuld am Krieg in der Ukraine. Simon Linder hat sich daraufhin überlegt, welches Statement des Papstes er sich stattdessen gewünscht hätte – und einen Entwurf verfasst.

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In einem viel beachteten Interview der italienischen Zeitung "Corriere della Sera" hat Papst Franziskus der NATO in der vergangenen Woche vorgeworfen, durch das "Bellen" an Russlands Tür eine Mitschuld am Krieg in der Ukraine zu haben. Unser "Standpunkt-"Autor Simon Linder hat sich daraufhin überlegt, welches Statement des Papstes er sich stattdessen gewünscht hätte – und einen Entwurf verfasst:

"Gerade erst haben wir Ostern gefeiert, aber unsere Welt scheint an Karfreitag stehen geblieben zu sein. Der Krieg in der Ukraine bedrückt mich sehr. Unendlich viele Menschen leiden darunter! Ukrainerinnen und Ukrainer werden ermordet, vergewaltigt und vertrieben; russische Mütter und Väter trauern um ihre Söhne, die von der eigenen politischen Führung um ihr Leben betrogen wurden; in afrikanischen Ländern hungern Menschen, weil sie durch die Logik unserer Wirtschaft mit in den Krieg hineingezogen werden.

Ich möchte nach Kiew reisen, um den Bedrängten beizustehen, und wenn es helfen könnte, reise ich auch nach Moskau. Ich unterstütze alle Bemühungen, den Krieg schnellstmöglich zu beenden. Gleichzeitig höre ich immer stärker die Forderung, der Ukraine weitere Unterstützung zu verweigern, um den Krieg nicht in die Länge zu ziehen. Aber mal auf den Vatikan bezogen: Wer verteidigt uns, wenn wir das nächste Opfer werden? Die Schweizergarde wird keinen Atomkrieg gewinnen. Wie würden wir reagieren, wenn wir Italien um Hilfe rufen würden, und sie uns dann sagten: Wir können euch nicht helfen, sonst hört der Krieg ja nie auf!?

Wer heute der Ukraine die Unterstützung verwehren will, wird morgen nicht um Unterstützung bitten können, wenn er selbst angegriffen wird. Warum sollte das 'Recht des Stärkeren' dann nicht mehr gelten? Verweigern wir den bedrängten Ukrainerinnen und Ukrainern den Schutz, hätte der Krieg über den Frieden gesiegt, und dann wird das Böse an vielen Orten der Welt neue Kriege entfachen. Es braucht aus christlicher Perspektive immer eine Option für die Armen und Schwachen, geschützt und verteidigt zu werden!

Wir müssen die Realität anerkennen, um für den Frieden zu arbeiten, den zu erhalten ein wichtiger Auftrag für uns auf Gottes Erde ist. Das ist es auch, was uns durch Jesus Christus von Karfreitag zu Ostern gebracht hat: Er hat die Realität des Todes anerkannt, aber ist darin nicht stehen geblieben, sondern hat im Tod das Leben neu begonnen."

Von Simon Linder

Der Autor

Simon Linder hat Katholische Theologie und Allgemeine Rhetorik studiert und arbeitet an einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt zum Thema "Streitkultur".

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.