Andreas Schlösser gründete nach Infektion Gesprächskreis für Corona-Betroffene

"Covid-Geschichten" teilen: Ein Diakon und seine Selbsthilfegruppe

Aktualisiert am 26.05.2022  –  Lesedauer: 

Andernach ‐ Andreas Schlösser hat nach einer folgenschweren Corona-Infektion einen Long-Covid-Gesprächskreis gegründet. Der Diakon spricht im katholisch.de-Interview über die kognitiven Einschränkungen, die auf seine Infektion folgten. Betroffenen möchte er das Gefühl geben, verstanden zu werden.

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Andreas Schlösser ist als Diakon in Andernach tätig und hat sich letztes Jahr mit dem Coronavirus infiziert. Nach monatelangen Gesundheitsproblemen gründete er einen Gesprächskreis für Betroffene von Long-Covid. Im Interview mit katholisch.de erzählt er von den infektionsbedingten Einschränkungen in seinem Alltag und den Beweggründen für den Gesprächskreis.

Frage: Herr Schlösser, Sie hatten einen milden Krankheitsverlauf bei Ihrer Corona-Infektion. Erst später haben sich schwerwiegende Symptome entwickelt. Welche waren das?

Schlösser: Die erste Welle war bei mir kognitiv. Ich bekam auf einmal Termine nicht mehr geregelt. Ich habe Sachen verlegt, dann habe ich meine Kaffeemaschine nicht immer bedienen können. Ich habe Zigaretten irgendwo hingelegt und vergessen, wo sie waren. Es war wie eine Demenz. Ich tat Dinge, die einfach nicht mehr rational waren. Dazu kam, dass ich zum Teil Worte nicht mehr gefunden habe.

Allerdings wusste ich um mich, das ist der Unterschied zur Demenz, und habe Leute informiert: Bitte ruft mich gegen zwei Uhr an, damit ich um drei Uhr die Beerdigung halte.  

Frage: Aber das hat sich jetzt mit der Zeit wieder gebessert?

Schlösser: Ja, nach etwa drei Monaten war das vorbei.

Frage: Hatten Sie das Gefühl, dass Sie da in irgendeiner Weise medizinisch gegen vorgehen konnten?

Schlösser: Ich habe 14 Tage nach der Infektion mein Blut testen lassen, die Testergebnisse waren in Ordnung. Auch etwa bei Lungentests war alles im normalen Bereich. Die Symptome hatte ich aber weiterhin, deshalb bin ich mit meinem Arzt im Gespräch geblieben. Das war eine sehr dichte Zeit. Ich wollte beobachten, was mit mir geschieht. Nach drei Monaten verschwanden die Symptome nach und nach. Ich sollte aber laut ärztlichem Rat drei weitere Monate abwarten. Da würde sich das Blut im Körper automatisch austauschen. Tatsächlich wurde es in dieser Zeit immer besser, weil die angegriffenen Blutkörperchen abgestorben sind und erneuert wurden. Aber dann fingen körperliche Beschwerden an: Zahnfleisch- und Gelenkentzündungen etwa. Meine Blutwerte waren weiterhin in Ordnung, aber ich konnte mich manchmal überhaupt nicht bewegen. Mein Zahnarzt hatte einige Fälle wie mich mit Zahlfleischentzündungen nach einer Corona-Infektion. Zwei Zähne mussten gezogen werden und weitere Bluttests haben dann gezeigt, dass mein Vitaminhaushalt nicht mehr stimmte. Seitdem habe ich meine Ernährung umgestellt und Vitamine zu mir genommen, deshalb geht es mir körperlich auf jeden Fall viel besser. Seit vier Monaten geht es mir richtig gut, ich bin wieder auf dem alten Level vor Corona.

Andreas Schlösser
Bild: ©privat

"Als Diakon richtet man seinen Blick auf die Nöte der Zeit und möchte mit anderen im Austausch sein", sagt Andreas Schlösser.

Frage: Wie sind Sie geistlich mit Ihrer Situation umgegangen und was hat Ihnen geholfen?

Schlösser: In der Gemeinde war meine Infektion bekannt, mir haben viele Menschen geschrieben und mich ermutigt. Es war also auch eine sehr positive Zeit. Ich habe dann begonnen, ganz offen mit dem Thema umzugehen, gerade bei Beerdigungen und Taufen, um zu vermeiden, dass eventuelle Komplikationen bei der Liturgie nicht zu persönlichen Verletzungen führen. Gerade, wenn ich merkte, dass meine Konzentration verschwand oder ich das Gefühl hatte, die Beerdigung nicht zu schaffen. Das hat auch Verständnis hervorgerufen. Es ist nie zu Eskalationen gekommen und ich habe es geschafft, immer alles termingerecht zu machen. Durch meine eigene Offenheit habe ich gemerkt, wie viele Menschen sich öffnen und mir von ihrer Covid-Geschichte erzählen. Dadurch bin ich auf die Idee gekommen, einen Kreis zu gründen, wo Leute darüber offen reden können. Viele Menschen fühlen sich nämlich nicht verstanden. Bei mir ist organisch alles in Ordnung, aber trotzdem kann ich keine acht Stunden am Tag arbeiten, trotzdem habe ich diese Schwierigkeiten. Offenheit und Verständnis helfen sicher auch beim Ausheilen. Wenn ich körperlich leide, leide ich auch irgendwann psychisch und auch geistig unter diesen Umständen. Deswegen sind sichere Räume für die Menschen wichtig.

Frage: Inwiefern ist Ihr Gesprächskreis ein "diakonisches Angebot"?

Schlösser: Es ist mir ein persönliches Anliegen und Teil meiner Seelsorge als Diakon. Als Diakon richtet man seinen Blick auf die Nöte der Zeit und möchte mit anderen im Austausch sein. Persönlich möchte ich Leute ermutigen, nicht aufzugeben. Das ist kein religiöses Angebot im klassischen Sinne, wir machen keinen Gottesdienst. Es sei denn, die Gruppe würde das wollen. Gott ist nach meiner Überzeugung immer dabei, denn Gott ist im Mitmenschen immer gegenwärtig. Mir geht es wirklich, darum, dass wir uns als Gruppe gegenseitig stützen. Persönliche und berufliche Anliegen kann ich hier nicht wirklich trennen.

Frage: Wie begegnen Sie mit Ihren Erfahrungen den Lockerungen?

Schlösser: Ich bin froh um die Lockerungen, aber auch, weil ich sehe, dass Menschen Verantwortung haben. Ich gehe weiterhin mit Maske einkaufen und trage sie dort, wo viele Menschen zusammenkommen. Zudem lasse ich mich regelmäßig testen, um für andere keine Gefahr zu sein. Und ich selbst möchte mich auch nicht erneut infizieren. Wir haben Verantwortung füreinander - und die müssen wir ernst nehmen. Das gilt auch im Umgang mit Menschen, die Angst etwa vor Ansammlungen haben. Blöde Sprüche sind da fehl am Platz. Wir brauchen ein verantwortungsvolles Miteinander-umgehen.

Von Lioba Dräger