Papst hätte Lehre zu Homosexualität bereinigen müssen

Belok: Verständnis für Priesterprotest gegen Churer Verhaltenskodex

Aktualisiert am 02.06.2022  –  Lesedauer: 

Chur ‐ Im Bistum Chur sorgt ein Verhaltenskodex für Ärger – ein Kreis von Priestern sieht Widersprüche zur Lehre der Kirche. Der Pastoraltheologe Manfred Belok kann die Priester verstehen: Der Papst müsse die Haltung der Kirche zu Homosexualität ändern.

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Der Churer Pastoraltheologe Manfred Belok hat Verständnis für den Protest von Priestern im Bistum Chur gegen den von Bischof Joseph Bonnemain vorgelegten Verhaltenskodex. In einem Interview in der aktuellen Ausgabe der "Schweizerischen Kirchenzeitung" sagte er, dass er den Priesterkreis verstehen könne, "wenn er etwas nicht unterschreibt, das der Lehre der katholischen Kirche widerspricht." Der Papst hätte die Aussagen im Katechismus zu Homosexualität, die zu diesen Spannungen führen, längst bereinigen können.

Belok, zu dessen wissenschaftlichen Schwerpunkten Beziehungspastoral gehört, zeigte sich angesichts des Kurses von Papst Franziskus irritiert. Dieser habe zwar eine hohe Sensibilität für Menschen und deren Lebenssituationen und respektiere im persönlichen Gespräch die sexuelle Orientierung der Einzelnen. "Aber wenn er als Papst offiziell Stellung nehmen soll, dann weicht er aus", erklärte der Theologe unter Verweis auf einen Brief von Franziskus an den US-amerikanischen Jesuiten James Martin. Die Aussage, dass Homosexuelle nicht von "der Kirche", sondern von manchen "Menschen in der Kirche" abgelehnt würden, sei "verharmlosend". "Erwartet hätte ich, dass er sagt: 'Ich werde als Erstes die diskriminierenden Äusserungen zur Homosexualität im Weltkatechismus streichen'", betonte Belok. Dass er das nicht tut, führe zu Problemen wie in Chur um den Verhaltenskodex.

Der Theologe beklagte zugleich ein Nachlassen der Wertschätzung der Eucharistie und ein mangelndes Sakramentenverständnis, das in der Schweiz stärker ausgeprägt sei als in Deutschland: "Ich bin ein Verbündeter in der Frage nach Öffnung der Zulassungswege zum Amt, aber wenn wir die Sakramentalität aufgeben, dann sind wir nicht mehr Römisch-katholische Kirche, sondern bestenfalls ein Verein religiös begabter Virtuosen – mehr aber nicht." In der Ablehnung der Eucharistie artikuliert sich laut Belok der Frust, dass das kirchliche Lehr- und Leitungsamt sich in der Öffnung der Zulassungswege zum Amt weiterhin unbeweglich zeige.

Christen müssen auskunftsfähig werden

Als wichtigstes Thema für die Pastoraltheologie benannte Belok die Identitätssicherung. Viele wüssten nicht mehr, was Christsein bedeute. "In einer religionspluralen Umwelt müssen Menschen wieder im Sinne von 1 Petr 3,15 auskunftsfähig werden, was der Grund ihrer christlichen Hoffnung ist. Mich erschüttert immer wieder, wenn ich in Umfragen lese, dass selbst unter Christinnen und Christen ein Drittel nicht mehr an die Auferstehung glaubt", erläuterte der Churer Theologe.

Manfred Belok ist seit 2003 Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Theologischen Hochschule Chur und wird zum Ende des Semesters emeritiert. Der gebürtige Niedersachse lehrte zuvor in Paderborn Pastoraltheologie. (fxn)