Der Heilige Geist in Religion, Politik und Kunst

Pfingsten: Feuerzungen und Sturmgebraus

Aktualisiert am 05.06.2022  –  Lesedauer: 
Der Heilige Geist kommt auf Maria und die zwölf Apostel herab.
Bild: © KNA

Bonn ‐ Der Heilige Geist ist schwer zu fassen. Er ist die große verändernde Macht, die Visionen befeuert, Künstler und Prediger inspiriert, Autoritäten untergräbt und die Geschichte vorantreibt. Ein Überblick zum Pfingstfest.

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Feuerzungen, Sprachwunder und Sturmgebraus: Obwohl auch Pfingsten wie Ostern und Weihnachten gleich zwei Feiertage hat, können die wenigsten Deutschen mit dem christlichen Hochfest noch etwas anfangen. Neben Gott Vater und Jesus ist der Heilige Geist die dritte Person in der "Heiligen Dreifaltigkeit". Doch ist er, der nach den biblischen Berichten am Pfingstfest aus angsterfüllten Jüngern mutige Missionare der Frohen Botschaft Jesu machte, aus Sicht vieler heutiger Christen ein kaum verständliches Wesen.

Dabei hat die Erzählung vom Geist Gottes Judentum und Christentum und damit auch die Geschichte der westlichen Welt maßgeblich beeinflusst, wie der evangelische Theologe Jörg Lauster in seiner im vergangenen Jahr erschienenen "Biographie des Heiligen Geistes" nachweist. Gott ist nach christlichem Verständnis in der Welt als Geist präsent: in der Schöpfung, in menschlichen Gemeinschaften wie der Kirche und in einzelnen Menschen – insbesondere in Jesus Christus. Der Geist Gottes schwebte noch vor der Schöpfung über der Urflut, führte das Volk Israel aus Ägypten, senkte sich bei der Taufe auf Jesus herab und ließ die Apostel im Pfingstwunder in fremden Sprachen predigen. Der Geist erscheint als säuselnder Wind und brausender Sturm, als Feuer und als Taube.

Die große verändernde Macht, die zu Taten der Liebe anstiftet

Nicht nur die Theologie befasst sich mit ihm. In politischen Utopien, in philosophischen Freiheitsideen, im künstlerischen Geniekult oder in der modernen Naturbetrachtung zeigt sich, dass dem göttlichen Geist auch in einer säkularisierten Welt in veränderter Form Einfluss zugeschrieben wird: von Hegels Geschichtsphilosophie, die den Weltgeist am Werk sieht, bis zu den heutigen, politisch einflussreichen Pfingstkirchen in Brasilien oder den USA.

Der Geist ist die große verändernde Macht, die zu Taten der Liebe anstiftet, Visionen befeuert, Künstler und Prediger inspiriert, Traditionen und Autoritäten untergräbt und als Weltgeist die Geschichte vorantreibt. Zugleich weist Lauster in seinem Buch darauf hin, dass es auch eine negative Seite gibt. Schon der Apostel Paulus, der die christliche Geist-Theologie maßgeblich mitgeformt hat, weil er seine Bekehrung vom Saulus zum Paulus als direktes Wirken des Geistes Gottes verstand, kritisiert Menschen, die sich als Träger des Geistes profilieren und sich damit anderen überlegen fühlen.

Der Heilige Geist als Taube
Bild: ©KNA/Stefano Dal Pozzolo

Darstellung des Heiligen Geistes als Taube in der Apsis des Petersdoms im Vatikan (Kathedraaltar von Gian Lorenzo Bernini, 1657-1666).

"Der Geistbesitz wird exklusiv. Der Geist kann auch spaltende Kräfte haben", schreibt Lauster. "Es gehört zu den Kehrseiten der Geschichte des Heiligen Geistes, dass die enthusiastische Berufung auf ihn am Anfang aller Spaltungen der Kirche steht."

Kein Wunder, dass es auch im Christentum immer wieder Tendenzen gab, solche explosive Dynamik in den Griff zu bekommen und "ekstatische Geisterfahrungen abzukühlen", wie Lauster schreibt. Der Weg vom Enthusiasmus zur Überheblichkeit und zum Fanatismus ist nicht weit. So entstanden im Verlauf des frühen Christentums der Kanon ausgewählter biblischer Erzählungen, die Ämter der Kirche, die Lehre, die Rituale und die Sakramente.

Eine Grundspannung durchzieht die gesamte Kirchengeschichte

Eine Grundspannung durchzieht die gesamte Kirchengeschichte: Sie pendelt zwischen den extremen Polen einer verweltlichten Kirche und einer weltfernen Sekte: einerseits die Botschaft, die Menschen in der Nachfolge Jesu begeisterte und alle Hierarchien und Unterschiede zwischen Geschlechtern, Völkern und menschlichen Gruppen auflöste. Und andererseits die Kirche als soziale Gestalt von Menschen, die Sicherheit und Beständigkeit in Institutionen, Ritualen und Traditionen suchen.

Lauster zeigt sich überzeugt, dass sich die katholische und die evangelische Kirche – anders als die östlichen Kirchen und die Pfingstkirchen – in heutiger Zeit schwer tun mit der Einsicht, dass die Urkirche aus der Kraft des Geistes geboren wurde. So setze die katholische Kirche sehr stark auf die Institution, die Ämter von Papst und Bischöfen sowie auf die Tradition, während die evangelische Kirche sich stark auf das Individuum konzentriere. "Beide westlichen Auffassungen vernachlässigen jedoch den Blick auf den Geist als Grund der Kirche."

Von Christoph Arens (KNA)