47-Jähriger veröffentlicht Buch über seinen Rück- und Austritt

Ex-Generalvikar Sturm: Die innere Zerrissenheit war jeden Tag da

Aktualisiert am 13.06.2022  –  Lesedauer: 
Ex-Generalvikar Sturm: Die innere Zerrissenheit war jeden Tag da
Bild: © Verlag Herder

Berlin/Freiburg ‐ Sein Rücktritt als Generalvikar von Speyer war ein Paukenschlag. Einen Monat später legt Andreas Sturm nun ein Buch über seine viel diskutierte Entscheidung vor. Im Interview äußert er sich zu dem 192-Seiten-Werk, den Reaktionen auf seinen Rücktritt und seiner Zukunft in der alt-katholischen Kirche.

  • Teilen:

Er habe im Lauf der Jahre Hoffnung und Zuversicht verloren, dass die römisch-katholische Kirche sich wirklich wandeln könne: Mit dieser Begründung trat Andreas Sturm am 13. Mai als Generalvikar von Speyer zurück und erklärte gleichzeitig seinen Austritt aus der römisch-katholischen Kirche. Jetzt, einen Monat danach, veröffentlicht der 47-Jährige unter dem Titel "Ich muss raus aus dieser Kirche. Weil ich Mensch bleiben will" das Buch zum Rück- und Austritt. Im Interview mit katholisch.de spricht Sturm über die vergangenen Wochen, die Reaktionen auf seinen Schritt, das Ziel seines Buchs und seine Zukunft in der alt-katholischen Kirche.

Frage: Herr Sturm, am 13. Mai haben Sie Ihren Rücktritt als Generalvikar von Speyer bekanntgegeben und gleichzeitig Ihren Austritt aus der römisch-katholischen Kirche erklärt. Wie geht es Ihnen jetzt – einen Monat danach?

Sturm: Ich fühle mich sehr befreit; es ist, als sei eine große Last von meinen Schultern genommen worden. Das innere Ringen auf dem Weg zu diesem Schritt war für mich, wie Sie sich sicher vorstellen können, sehr schwierig. Und als die Entscheidung dann gefallen war, konnte ich zunächst nur einen kleinen Kreis informieren – darunter Bischof Wiesemann und meine Familie. Insofern hatte der Gang an die Öffentlichkeit etwas Befreiendes, denn dadurch konnte ich endlich offen über die Entscheidung und die dahinter liegenden Motive sprechen.

Frage: Wie haben Sie die Zeit seither erlebt? Haben Sie in den zurückliegenden Wochen in einer Art Ausnahmezustand gelebt?

Sturm: Ja, das hatte schon was von einem Ausnahmezustand. Medial ist ganz viel auf mich eingeprasselt in dieser Zeit, und natürlich habe ich auch sehr, sehr viele Rückmeldungen auf meinen Schritt bekommen, die mich keineswegs kalt gelassen haben. Das war durchaus eine emotionale Achterbahnfahrt.

Frage: Wie sind die Rückmeldungen ausgefallen? Was für Reaktionen haben Sie erhalten?

Sturm: In meinem Nahfeld habe ich bis heute fast nur positive Rückmeldungen bekommen. Mich sprechen im Supermarkt Menschen an, die ich überhaupt nicht kenne und die mir Respekt für meine Entscheidung zollen. Viele sagen auch, dass sie sich einen solchen Schritt nicht getraut hätten, obwohl auch sie merken, dass sie eigentlich etwas ändern müssten in ihrem Leben. Gleichwohl gab es aber natürlich auch Kritik.

Frage: Was haben Sie an kritischen Stimmen zu hören bekommen?

Sturm: Unter anderem haben Menschen, die große Hoffnungen in den Synodalen Weg setzen, meine Entscheidung kritisiert und ihre Enttäuschung zum Ausdruck gebracht. Menschen, die aktiv am Synodalen Weg beteiligt sind, warfen mir vor, dem Reformprozess durch meinen Schritt bereits den Todesstoß zu versetzen, während sie noch voller Leidenschaft für Veränderungen kämpfen. Ich kann diese Kritik nachvollziehen, und ich will durch meinen Schritt auch niemandem die Hoffnung nehmen, dass es nicht doch noch Reformen in der Kirche geben kann. Letztlich handelt es sich bei meinem Schritt um eine rein subjektive Entscheidung. Mir ist klar geworden, dass ich persönlich nicht mehr daran glaube, dass sich die römisch-katholische Kirche wirklich verändern kann und will.

„Ich kenne Menschen, die sind aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten und arbeiten sich trotzdem ihr ganzes Leben lang an dieser Kirche ab. Das wollte ich für mich unbedingt vermeiden.“

—  Zitat: Andreas Sturm

Frage: Kritik entzündete sich auch an der nur wenige Tage nach Ihrem Rücktritt erfolgten Ankündigung für Ihr jetzt erscheinendes Buch. Manche Kommentatoren vor allem in den sozialen Netzwerken warfen Ihnen vor, eine PR-Aktion inszeniert zu haben und mit dem Buch Kasse machen zu wollen. Was sagen Sie zu solchen Vorwürfen?

Sturm: Ich würde mich natürlich freuen, wenn der Herder-Verlag ganz viele Exemplare meines Buchs verkaufen würde. Aber ganz ehrlich: Die finanziellen Einbußen, die ich durch meinen Rücktritt als Generalvikar und meinen Verzicht auf die Beamtenpension in Kauf genommen habe, werden durch die Buchverkäufe nicht mal ansatzweise aufgewogen. Der Vorwurf, ich wolle mit dem Buch Kasse machen, ist an den Haaren herbeigezogen.

Frage: Die zeitliche Nähe zwischen Ihrem Rücktritt und der Ankündigung des Buchs wirkte gleichwohl sehr orchestriert. Auch Menschen, die Ihrem Schritt grundsätzlich wohlmeinend gegenüber stehen, haben sich über die Buchankündigung enttäuscht und teilweise sogar entsetzt gezeigt.

Sturm: Das muss ich akzeptieren. Aber wissen Sie: Ich kenne Menschen, die sind aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten und arbeiten sich trotzdem ihr ganzes Leben lang an dieser Kirche ab. Das wollte ich für mich unbedingt vermeiden. Das Buch soll eine Art Abschluss markieren, in dem ich mein Ringen der vergangenen Monate und Jahre und den Weg zu meiner Entscheidung noch einmal in Ruhe Revue passieren lasse. Ich glaube, dass dafür jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist. Wenn ich erstmal als Pfarrer in der alt-katholischen Kirche tätig bin, will ich mit diesem Kapitel meines Lebens so gut es geht abgeschlossen haben – zumal ich auch mit Blick auf die ökumenische Zusammenarbeit nicht auf Dauer derjenige sein will, der den Finger in die römisch-katholischen Wunden legt.

Frage: Die Arbeit an dem Buch müssen Sie ja noch während Ihrer Zeit als Generalvikar begonnen haben. Wie hat man sich das vorzustellen? Tagsüber haben Sie im Dienst der römisch-katholischen Kirche gearbeitet – und abends haben Sie dann aufgeschrieben, warum sie nicht mehr in dieser Kirche bleiben können?

Sturm: Die Genese des Buchs war eine etwas andere. Natürlich gab es Tage, an denen ich abends aus dem Ordinariat nach Hause gekommen bin und Dinge aufgeschrieben habe, die mir tagsüber aufgefallen waren oder die mich berührt haben – und die schließlich auch Eingang in das Buch gefunden haben. Wesentliche Teile des Buchs sind aber erst in einem Urlaub in diesem Frühjahr entstanden. Man kann mir also sicher nicht den Vorwurf machen, meine Pflichten als Generalvikar in den vergangenen Monaten zugunsten des Buchs vernachlässigt zu haben.

Bild: ©Verlag Herder

"Ein Generalvikar spricht Klartext" heißt es auf dem Cover von Sturms Buch "Ich muss raus aus dieser Kirche".

Frage: Das war auch nicht meine Frage. Mir ging es vor allem um die innere Zerrissenheit, die Sie gespürt haben müssen. Als Generalvikar mussten Sie schließlich auch dann noch funktionieren, als Sie für sich selbst in der römisch-katholischen Kirche längst keine Zukunft mehr sahen.

Sturm: Natürlich, diese innere Zerrissenheit war jeden Tag da und hat mich enorm belastet. Das haben übrigens auch andere gemerkt: Als ich der "Rheinpfalz" nach den bundesweiten Segensfeiern für homosexuelle Paare im vergangenen Jahr ein Interview gegeben hatte, haben mich danach viele Menschen angesprochen und gefragt, ob ich als Generalvikar aufhören will. Die haben meine Zerrissenheit also schon da sehr deutlich gespürt.

Frage: War das Schreiben des Buchs vor diesem Hintergrund auch eine Art Therapie für Sie?

Sturm: Der Begriff "Therapie" ist vielleicht ein bisschen zu groß. Aber natürlich hat das Schreiben des Buchs mir geholfen, in einer gewissen Ruhe über die vergangenen Monate und Jahre zu reflektieren und – wie eben schon gesagt – zu versuchen, dieses Kapitel meines Lebens abzuschließen.

Frage: In dem Buch spürt man an vielen Stellen bei Ihnen eine große Wut auf die Kirche und auch eine große Verzweiflung. Würden Sie so weit gehen und sagen, dass die römisch-katholische Kirche Sie krank gemacht hat?

Sturm: Nein, krank gemacht hat sie mich nicht – das wäre aber sicher passiert, wenn ich nicht noch rechtzeitig die Reißleine gezogen hätte. Ich habe das bei anderen Menschen durchaus erlebt, dass die Kirche sie krank gemacht hat – so weit wollte ich es bei mir nicht kommen lassen. Ich habe gemerkt, dass ich dringend etwas verändern muss, und ich hatte Gott sei Dank noch die Kraft dafür.

„Sicherlich war ich lange Zeit auch nicht mutig genug. Ich war zu still und habe mich im Zweifel gefügt. Das werfe ich mir schon vor.“

—  Zitat: Andreas Sturm

Frage: Trotzdem habe ich mich nach der Lektüre des Buchs gefragt, wie Sie es überhaupt so lange in dieser Kirche aushalten konnten.

Sturm: Zum einen habe ich dieser Kirche ja auch unendlich viel zu verdanken. Ich habe hier meinen Glauben kennengelernt – einen Glauben, der mich trägt und mir Halt gibt – und ich habe viele großartige Menschen getroffen, von denen manche mir zu guten und verlässlichen Freunden geworden sind. Auch in den letzten Monaten als Generalvikar war ja beileibe nicht alles schlecht: Ich bin eigentlich bis zum Ende hin immer gerne ins Ordinariat gegangen, wo ich mit großartigen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten durfte. Und zum anderen habe ich natürlich auch eine gewisse Verantwortung gespürt. Schließlich war es als Generalvikar meine Aufgabe, den Bischof, mit dem ich immer sehr eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet habe, bei der Leitung des Bistums zu unterstützen. Da habe ich mich schon auch verpflichtet gefühlt, nicht beim ersten Gegenwind die Segel zu streichen.

Frage: Würden Sie sagen, dass Sie als Generalvikar gescheitert sind? Immerhin sind Sie für Reformen eingetreten, die Sie trotz Ihres machtvollen Amts nicht durchsetzen konnten.

Sturm: Ich bin mir inzwischen gar nicht mehr so sicher, ob das Amt des Generalvikars wirklich so machtvoll ist. Ich jedenfalls habe in diesem Amt auch ganz viel Ohnmacht erlebt. Natürlich hatte ich das Ziel und auch die Hoffnung, Reformen in der Kirche vorantreiben zu können. Ich bin aber immer wieder gegen Wände gelaufen, die ich nicht überwinden konnte. Sicherlich war ich lange Zeit auch nicht mutig genug. Ich war zu still und habe mich im Zweifel gefügt. Das werfe ich mir schon vor.

Frage: Breiten Raum nehmen in Ihrem Buch der kirchliche Missbrauchsskandal und seine bis heute nicht abgeschlossene Aufarbeitung ein. War dieser Skandal der Tropfen, der das Fass letztlich für Sie zum Überlaufen gebracht und Ihren Schritt vom 13. Mai maßgeblich ausgelöst hat?

Sturm: Nein, das würde ich nicht sagen. Allerdings war der Missbrauchsskandal – und hier vor allem die MHG-Studie von 2018 – natürlich ein Schock, der mein Ringen mit der Kirche massiv verstärkt hat. Um ehrlich zu sein: Ich war lange der festen Überzeugung, dass es zwar auch in der Kirche Missbrauchsfälle gibt – aber viel seltener als in anderen Teilen der Gesellschaft. Als uns Generalvikaren dann vorab die Ergebnisse der MHG-Studie präsentiert wurden, war ich vollkommen erschüttert. Und diese Erschütterung hat bei der Lektüre der gesamten Studie natürlich immer mehr zugenommen. Von all den Verbrechen zu lesen, die im Raum der Kirche begangen wurden ... das war wirklich schockierend.

Matthias Ring im Porträt
Bild: ©KNA

Matthias Ring ist Bischof des alt-katholischen Bistums in Deutschland.

Frage: Ihr Weg führt Sie nun zur alt-katholischen Kirche. Freuen Sie sich auf Ihre neue Aufgabe als Seelsorger in den Gemeinden Singen und Sauldorf in der Nähe des Bodensees?

Sturm: Ja, darauf freue ich mich sehr. Ich bin Bischof Matthias Ring sehr dankbar, dass er mir diese beiden Gemeinden vorgeschlagen hat. Die Bodensee-Region liegt mir schon seit Kindheitstagen am Herzen, ich fühle mich da sehr wohl. Ich denke zudem, dass es hilfreich ist, dass ich mich dadurch geografisch ein bisschen von Speyer entferne. Ich glaube, es wäre weder für mich noch für die Gläubigen gut gewesen, wenn ich weiter in Speyer geblieben wäre.

Frage: Und die Aufgabe als Seelsorger? Das wird für Sie nach der jahrelangen Tätigkeit als Generalvikar ja ein Stück weit ein Neuanfang sein ...

Sturm: Das stimmt – aber auch darauf freue ich mich. Ich wollte immer Priester sein und als Pfarrer in einer Gemeinde arbeiten, deshalb habe ich irgendwann mal Theologie studiert. Ich habe in den vergangenen Wochen ein paar alt-katholische Gottesdienste besucht und dabei immer sehr lebendige Gemeinden erlebt. Also, ich freu' mich drauf!

Frage: Auch die alt-katholische Kirche ist natürlich nicht perfekt – auch wenn dort vieles von dem verwirklicht ist, was Sie sich auch für die römisch-katholische Kirche gewünscht hätten. Haben Sie trotzdem Angst davor, dass Sie auch von der alt-katholischen Kirche irgendwann enttäuscht sein könnten?

Sturm: Ich erwarte nicht, dass ich durch meinen Übertritt in die alt-katholische Kirche bereits im Paradies lande (lacht). Aber ich bin fest davon überzeugt, dass ich in dieser Kirche die Möglichkeit habe, das zu verkünden, woran ich wirklich glaube – und das ohne eine Schere im Kopf und ohne die Angst vor Kritikern, die meinen, gegen mich schießen zu müssen.

Frage: Was müsste passieren, damit Sie sich eine Rückkehr in die römisch-katholische Kirche vorstellen könnten? Oder ist dieses Kapitel für Sie endgültig abgehakt?

Sturm: Ich würde mir wünschen, dass wir irgendwann gar nicht mehr über diese Art von Konfessionsgrenzen reden müssen, sondern dass wir unseren Weg als Christinnen und Christen gemeinsam gehen – gerne mit je eigenen Traditionen und Feierformen, aber am Ende eben doch gemeinsam.

Von Steffen Zimmermann

Buchtipp

Andreas Sturm: Ich muss raus aus dieser Kirche. Weil ich Mensch bleiben will. Verlag Herder, Freiburg 2022, 192 Seiten, 18 Euro. ISBN: 978-3-451-03398-8

Das Buch erscheint am 15. Juni 2022.