Standpunkt

Die Kirche kann unterschiedliche Meinungen aushalten

Aktualisiert am 10.06.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ In der Pfingstpredigt von Kardinal Rainer Maria Woelki und den Aussagen von Papst Franziskus entdeckt Michael Böhnke ganz unterschiedliche Bilder davon, wie Kirche aussehen soll. Doch beide ließen sich zusammenbringen.

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Der Kölner Kardinal hat ein klares Bild von der Kirche. Das hat er in seiner Pfingstpredigt dargelegt. Papst Franziskus hat ein nicht minder klares Bild davon, wie Papst und Bischöfe aufmerksam den Gläubigen zuhören sollten, um zu erfahren, was der Geist Gottes den Gemeinden sagt. Woelki setzt auf Identität und Lehre, Bergoglio auf Diversität und Resonanz. Woelki fordert die Gläubigen dazu auf, die Vorgegebenheit der Kirche anzuerkennen und die Kirche zu lieben. Franziskus dazu, freimütig ihre Meinung über die zukünftige Gestalt der Kirche kundzutun. Beide setzen andere Schwerpunkte.

Zunächst Franziskus: Der synodale Prozess soll die Hirten davor bewahren, ihre Meinung vorschnell als Gottes Wille auszugeben. Das wusste schon Benedikt von Nursia, der den Ordensangehörigen als Schutz gegen diese klerikale Versuchung das Hinhören aufeinander vorgeschrieben hat. Erst danach soll der Abt entscheiden, was ihm am ehesten dem Willen Gottes zu entsprechen scheint und am besten zum Wohl des einzelnen wie der Gemeinde dient. An dieser Verfahrensregel scheint Franziskus sich zu orientieren. Man beachte: Der Papst gibt seine Meinung nicht als der Kirche vorgegebenen Willen Gottes aus, sondern als das, was in der jeweiligen Situation nach Anhörung der Gläubigen am ehesten dem Willen Gottes zu entsprechen scheint und dem Wohl der (Orts-)Kirchen dient. Die Bedeutung der kirchlichen Lehre tritt dahinter zurück. Die Pfingsten in Kraft getretene Kurienreform bringt das ebenso zum Ausdruck wie manche Verwirrung, die der Pontifex mit dieser Einstellung gestiftet hat.

Sodann Woelki, bei dem man weiß, woran man ist: der darauf insistiert, dass die Kirche als Stiftung dem Willen Gottes entspringt und dass sie so, wie sie ist, diesem Willen entspricht.

Wie bringe ich beides zusammen? Für mich ist die Kirche Zeichen und Werkzeug der unbedingt zuvorkommenden Treue Gottes, der von seiner Schöpfung und der Welt trotz aller Verfehlungen der Menschen nicht lassen kann. Eine Kirche, die auf die unbedingt zuvorkommende Treue Gottes baut, kann unterschiedliche Meinungen gelten lassen. Sie kann sich zudem zu ihrer historischen Schuld bekennen. Sie erfleht Gottes Geist, der ihr vom johanneischen Jesus als Beistand zugesagt ist. Sie verlässt sich in der Suche dessen, was in der jeweiligen Situation am ehesten dem Willen Gottes entspricht, auf das Urteil der Bischöfe, freilich nach Anhörung der Gläubigen.

Von Michael Böhnke

Der Autor

Michael Böhnke ist Professor für systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Ethik-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.