Erst in Amtszeit Genns angemessener Umgang feststellbar

Münsteraner Missbrauchsgutachten belastet alle Bischöfe seit 1945

Aktualisiert am 13.06.2022  –  Lesedauer: 

Münster ‐ Im Bistum Münster hat es lange gedauert, bis angemessen mit sexualisierter Gewalt umgegangen wurde, stellt eine Studie fest. Bis in die Amtszeit von Bischof Felix Genn sei es an der Tagesordnung gewesen, Täter mehr als Opfer zu beachten. Auch heute noch ist nicht alles, wie es sein sollte.

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Das Münsteraner Missbrauchsgutachten belastet alle Diözesanbischöfe seit 1945. Bei der Vorstellung der Ergebnisse der unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchung des Historischen Seminars der Universität Münster am Montag betonten die Forscher, dass in der Amtszeit des derzeitigen Bischofs Felix Genn, der seit 2009 im Amt ist, wichtige Schritte unternommen worden seien, um die Missbrauchsaufarbeitung den kirchlichen und staatlichen Vorgaben anzupassen. Seit einigen Jahren sei auch ein Übergang zu einer konsequenten Handhabung festzustellen. Dennoch habe aber auch Genn zu Beginn nicht immer angemessen gehandelt. "Bischof Genn brauchte eine längere Phase, um seiner Verantwortung auf dem Gebiet der Intervention und Prävention gerecht zu werden", so die Forscher. Der Bischof habe selbst im Gespräch eingeräumt, dass er in den ersten Jahren seiner Amtszeit Beschuldigten gegenüber zu sehr als Seelsorger und zu wenig als Vorgesetzter agiert habe.

Neben Genn werden auch seinen Weihbischöfen Franz-Josef Overbeck (2007-2009) und Stefan Zekorn (seit 2011) Versäumnisse im Umgang mit Beschuldigten attestiert. Overbeck habe 2009 entschieden, den Fall eines beschuldigten Priesters nicht der Missbrauchskommission vorzulegen. Die Vorwürfe aus dem Jahr 1997 konnten so nicht vollständig aufgearbeitet werden. Mittlerweile gebe es im Bistum Münster aber deutliche Fortschritte. Nach Einschätzung der Forscher entspricht der heutige Umgang mit Missbrauch den Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). Nach wie vor gebe es aber Mängel im Umgang mit Betroffenen, die gegenüber dem Forscherteam Kommunikationsschwierigkeiten mit Folgen bis hin zu Retraumatisierungen durch Ansprechpartner und Führungspersonal beklagten.

Nachsicht bei staatlichen Behörden

In den Amtszeiten der Bischöfe Michael Keller (1947-1961), Joseph Höffner (1962-1969), Heinrich Tenhumberg (1969-1979) und Reinhard Lettmann (1980-2008) sei es durchweg zu mangelndem Umgang mit Beschuldigten und "skandalvermeidendem und strafvereitelndem" Verhalten gekommen. In den 1945 beginnenden Untersuchungszeitraum fielen nur zehn Monate der Amtszeit von Kardinal Clemens August Graf von Galen (1933-1946). Auch in dieser Zeit war ein Fall festzustellen. In insgesamt 140 Fällen gibt es den Forschern zufolge Belege, dass die Bischöfe persönlich in Kenntnis der Vorgänge waren. Dabei gab es aber Hinweise darauf, dass es in der Bistumsleitung eine Präferenz für mündliche Absprachen gegeben habe, so dass in vielen Fällen keine schriftlichen Belege für die jeweilige Kenntnis vorlägen.

Nach Ansicht der Forscher gibt es keine Hinweise darauf, dass die "sexuelle Revolution" der 1960er- und 1970er-Jahre einen Einfluss auf das Missbrauchsgeschehen gehabt habe, tatsächlich sei über die Zeit ein Rückgang der Fälle festzustellen. Regelmäßig gibt es den Forschern zufolge Belege dafür, dass Staatsanwaltschaften auch auf kirchliche Intervention hin großzügig gegenüber Beschuldigten agierten. Unter anderem wird dabei auch dem Leiter des Katholischen Büros in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn, Prälat Wilhelm Böhler, vorgeworfen, auf eine Verfahrenseinstellung bei den Vorgesetzten des zuständigen Staatsanwalts hingewirkt zu haben. Der Leiter der Studie, der Historiker Thomas Großbölting, bezeichnete die Nachsicht der Behörden als "fatale Auswirkung der 'hinkenden Trennung' von Kirche und Staat" in Deutschland.

Bischof Felix Genn
Bild: ©Bischöfliche Pressestelle Münster (Archivbild)

Felix Genn ist der Bischof von Münster.

Die Untersuchung ist eine Hellfeldstudie und basiert auf Aktenbeständen des Bischöflichen Archivs und der bischöflichen Verwaltung sowie Interviews mit über 60 Betroffenen. Im Vergleich zur deutschlandweiten MHG-Missbrauchsstudie, die im Auftrag der DBK angefertigt wurde, sind die in den für die Münsteraner Studie zur Verfügung stehenden Quellen nachweisbaren Fälle um ein Drittel gestiegen. Insgesamt wurden 196 Geistliche beschuldigt, davon 183 Priester, ein Diakon und zwölf Ordensbrüder. Daraus ergibt sich über den Untersuchungszeitraum ein Anteil von 4,17 Prozent aller Priester im Bistum Münster, die beschuldigt wurden. Bei 40 Prozent der Beschuldigten gibt es Hinweise auf Missbrauch von mehr als einer Person, 90 Prozent der Fälle hatten keine strafrechtlichen Konsequenzen. Die Studie konnte 610 Betroffene ermitteln. Die Forscher vermuten aber ein Dunkelfeld, das acht- bis zehnmal höher liegt.

Ob die katholische Kirche ein "Hotspot" sei, in dem Missbrauch besonders häufig vorkomme, könne die Studie nicht belegen, betonten die Forscher, da es an Studien zu anderen gesellschaftlichen Bereichen fehle. Das Bewusstsein für die Opfer von Gewalt und Missbrauch sei insbesondere in den 1950er-Jahren in der ganzen Gesellschaft gering ausgeprägt gewesen. Wohl aber könne man spezifisch katholische Ermöglichungsbedingungen feststellen.

Bischof Genn äußert sich

Das Forscherteam besteht aus insgesamt vier Historikern und einer Ethnologin unter der Leitung von Großbölting, die ab Oktober 2019 Missbrauch im Bistum Münster untersucht haben. Das Forschungsteam wurde von einem Beirat aus acht Personen begleitet, der auch drei Betroffene angehörten. Die Untersuchung ist unabhängig und wurde mit Mitteln des Bistums Münster gefördert. Über die Ergebnisse wurden Betroffenenvertreter vor der Vorstellung informiert, nicht aber Bischof Genn oder andere Vertreter des Bistums. Genn will sich am Freitag vor Journalisten zu den Inhalten äußern.

In einer ersten Stellungnahme nach der Vorstellung der Studie sagte Genn, dass eine Bitte um Entschuldigung bei den Betroffenen nicht ausreiche. Mit dem Eingeständnis von Fehlern und ehrlicher Reue müsse auch eine Umkehr verbunden sein. Er wolle weitere Konsequenzen für den Umgang mit sexuellem Missbrauch ziehen und sich an dieser Verpflichtung auch messen lassen. Die umfassende Aufarbeitung sei noch nicht am Ende. Als Bischof sei Genn Teil der Organisation, in der sexueller Missbrauch möglich war und aus der die Täter kommen und kamen. Daher hüte er sich davor, die Betroffenen zu vereinnahmen. Er wolle die Verantwortung für Fehler übernehmen, die er persönlich begangen hat. Als "Teil des Systems, das sexuellen Missbrauch möglich gemacht hat" habe er aber neben der persönlichen auch eine institutionelle Verantwortung. "Ich trage Mitverantwortung am Leid der Betroffenen", so der Bischof.

Bereits 2020 legten die Forschenden erste Zwischenergebnisse vor. Demnach zeigten frühere Bistumsleiter, darunter Genns Vorgänger Lettmann, große Milde für Missbrauchstäter sowie "massives Leitungs- und Kontrollversagen". Die Bischöfe hätten "nicht nur moralisch, sondern auch juristisch und kirchenrechtlich nicht korrekt gehandelt". (fxn)

13.6., 12:20 Uhr: Ergänzt um Genn.

Das Gutachten

Macht und sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche. Betroffene, Beschuldigte und Vertuscher im Bistum Münster seit 1945.

Hotline für Missbrauchsbetroffene

Mit Blick auf die Veröffentlichung richtete das Bistum eine Telefon-Hotline für Missbrauchsbetroffene ein. Auch Menschen, die Angaben zu Fällen sexualisierter Gewalt machen wollen, können sich ab Montag für eine Woche unter 0251 49 56 25 2 melden. Der Interventionsbeauftragte des Bistums Münster, Peter Frings, erläuterte das Ziel: "Wir wissen von anderen Veröffentlichungen, dass diese für Betroffene der Auslöser sein können, ihre Leidensgeschichte zu erzählen. Daher machen wir dieses besondere Angebot. Ich ermutige alle Betroffenen uns zu helfen, sexuellen Missbrauch im Bistum Münster weiter aufzudecken."