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Ethikrat-Vorsitzende: Theologie hat in Ethikfragen große Expertise

Aktualisiert am 22.06.2022  –  Lesedauer: 

Köln ‐ Mit Beginn der Corona-Pandemie hat die Arbeit des Deutschen Ethikrats ganz neues Gewicht bekommen. Zu den Mitgliedern gehören auch Theologen. Im Interview spricht Alena Buyx, die Vorsitzende des Ethikrats, darüber, warum das so ist.

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Die Kirche steckt in der Krise und verliert immer mehr an gesellschaftlicher Relevanz. In ethischen Fragen ist sie aber nach wie vor ein wichtiger Ansprechpartner, sagt die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Alena Buyx. Im Interview beantwortet sie auch die Frage, ob es Konflikte zwischen religiösen und säkularen Vertretern gibt. 

Frage: In einem Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur bezeichnen Sie sich als "säkulare Ethikerin". Warum ist Ihnen diese Abgrenzung wichtig?

Buyx: Das ist mir gar nicht so wichtig, danach bin ich, glaube ich, spezifisch gefragt worden oder es war ein Teil des Vorgesprächs. Deswegen habe ich das an der Stelle unterstrichen. Signalisieren sollte das einfach, dass ich nicht aus einer bestimmten Tradition komme, etwa aus der katholischen Sozialtheorie oder einer anderen konfessionellen, ethischen Schule. Ich bin vielleicht am stärksten geprägt durch die analytische, philosophische Schule. Die verstehe ich als einen Ansatz, der sich ganz wunderbar ergänzt und natürlich auch verbinden lässt mit anderen ethischen Theorien, weil er sich darum bemüht, möglichst verschiedene Prinzipien und Positionen zu analysieren, zusammenzuführen, zu untersuchen und eine argumentative Analyse vorzulegen. Dazu gehört natürlich auch, dass man beispielsweise moraltheologische Positionen wahrnimmt. Ich selber vertrete die aber tatsächlich nicht als solche.

Umso fruchtbarer ist aber der Austausch, den wir im Ethikrat haben. Denn auch im Ethikrat ist es so, dass niemand hergehen und sagen kann: Das ist die Lehrmeinung XY und deswegen hat das jetzt so zu sein, sondern es wird immer nach dem besten Argument gesucht. Jeder und jede bringt sich in diese argumentativ unterfütterte Debatte intensiv ein, ohne darauf zu verweisen: Ich habe eine bestimmte Position und die werde ich jetzt hier durchziehen.

Das ist sehr inspirierend. Und es verschränkt sich ganz wunderbar mit den verschiedenen Ansätzen, die wir im Ethikrat haben. Wir sind ja sehr interdisziplinär. Wir sind gar nicht so viele Ethikerinnen und Ethiker, sondern auch viele juristische Kolleginnen und Kollegen. Wir haben die Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler und noch viele andere Disziplinen. Deswegen müssen wir diese Art von interdisziplinärem Diskurs ohnehin die ganze Zeit führen. Das tun wir eben auch zwischen den unterschiedlichen theoretischen Ansätzen der Ethik.

Frage: Was bringen da die kirchlichen Stimmen ein? Was ist da der Mehrwert, den Sie sehen?

Buyx: Ich werde das viel gefragt von Kolleginnen und Kollegen außerhalb des Ethikrats, insbesondere aus den Naturwissenschaften und aus der Medizin: Warum ist die Theologie denn da eigentlich so stark vertreten? Das eine ist, dass man sich bei der Gründung des Rates überlegt hat, aus bestimmten gesellschaftlichen Bereichen und Institutionen Menschen in den Ethikrat zu berufen. Aber der andere Aspekt ist der Expertise geschuldet. Die Kolleginnen und Kollegen aus der Theologie können auf eine sehr intensive und wirklich auch sehr qualitätsvolle Diskussion zu diesen Fragen innerhalb ihrer Fächer und Gebiete zurückgreifen.

Ethische Themen waren den Kirchen immer wichtig. Die Fragen, die in der Medizinethik diskutiert wurden, zum Beispiel, waren immer bedeutsam für die christliche Theologie. Deswegen gibt es da ausgezeichnete Expertinnen und Experten, die sich zum Teil seit Jahrzehnten mit diesen Themen intensiv beschäftigen und große Erfahrung haben und da einfach sehr viel produktiv und konstruktiv einbringen können.

Es ist natürlich wichtig, dass immer die Fähigkeit da ist zu einem offenen, interdisziplinären und pluralen Diskurs. Aber das ist eine wirklich sehr beglückende berufliche Erfahrung, die ich in beiden Ratsperioden gemacht habe, dass das sehr, sehr gut funktioniert und man da auch einfach in einem gemeinsamen Lernprozess steckt. Das ist ein wirklich inspirierender Prozess.

„Ich glaube, in diese Debatten wird vonseiten der Theologie viel Kompetenz eingebracht werden, das sieht man ja bereits“

—  Zitat: Alena Buyx über die Rolle der Theologie in der ethischen Diskussion

Frage: Die Kirche steckt in der Krise, die gesellschaftliche Relevanz geht verloren. Ist die Ethik vielleicht der letzte Bereich, wo die Kirche in Zukunft mit Kompetenz sprechen kann und ernst genommen werden wird?

Buyx: Ich glaube, Sie haben da recht. Diese ethischen Fragen, gerade auch wenn es um die Entwicklungen in Medizin und Gesundheit geht – das ist das Feld, das der Ethikrat qua Ethikratsgesetz schwerpunktmäßig zu bearbeiten hat – das sind schon sehr zentrale Fragen für Gesellschaften mit dem Blick in die Zukunft. Und es wäre töricht, nicht aufzubauen auf dem, was man in diesem Bereich schon hat. Gleichzeitig entscheidet sich da letztlich, wie wir als Gesellschaft miteinander leben wollen und wie wir uns zu bestimmten Entwicklungen stellen wollen.

Da sind ja sehr machtvolle Ströme gerade. Denken Sie an so etwas wie "Künstliche Intelligenz". Ich sage das extra in Anführungszeichen, weil es sehr große Debatten gibt, ob die KI tatsächlich etwas mit umfassender Intelligenz zu tun hat bzw. haben wird. Oder Fragen des Klimawandels oder neuer Medizintechnologien. Ich glaube, da gibt es viele Bereiche, in denen viel geschöpft werden kann aus zum Teil wirklich alten ethischen Debatten. Gleichzeitig kann und muss der Blick gewendet werden auf Entscheidungen und Entwicklungen in Gesellschaften der Zukunft. Ich kann das also nur unterstützen, was Sie da gefragt haben. Ich glaube, in diese Debatten wird vonseiten der Theologie viel Kompetenz eingebracht werden, das sieht man ja bereits.

Frage: Können Sie denn eigentlich sagen, wo die größten Konflikte in den Debatten mit den religiösen Vertretern liegen? Oder ist das etwas Internes, wozu Sie sich nicht äußern können?

Buyx: Ich kann nicht über Interna sprechen, aber das ist in diesem Fall auch gar nicht nötig, denn das ist gar nicht so, dass man die religiösen Mitglieder auf der einen Seite hätte, und da dann irgendwelche bestimmten Konfliktlinien gezogen würden. Das ist überhaupt nicht so, das ist ja nicht ein Block, sondern das sind einfach Mitglieder unter den 24 Mitgliedern.

Bei bestimmten Themen ist jemand beispielsweise in der Literatur schon vertreten seit 20 Jahren mit einer bestimmten Position. Da kann man sich ausrechnen, dass diese Person bestimmte Argumente in die Diskussion einbringen wird. Und das ist dann meistens auch so. Aber es gibt keine Blockbildungen oder Konfliktlinien, die – schon gar nicht regelhaft – bestehen zwischen den religiösen Mitgliedern oder denen, die eine bestimmte Religion mit vertreten oder nicht. Es mischt sich alles immer wieder neu. Es ist tatsächlich immer wieder das gemeinsame Ringen um das beste Argument und die beste Begründung. Und ich hoffe, dass man das den Texten auch ansieht.

Von Renardo Schlegelmilch