Frühere Recherchen hatten keine Anhaltspunkte ergeben

Nach Verdacht gegen Pilz: Jugendhaus Düsseldorf sichtet erneut Archiv

Aktualisiert am 02.07.2022  –  Lesedauer: 
Winfried Pilz
Bild: © KNA

Düsseldorf ‐ Das Erzbistum Köln geht Hinweisen auf weitere Taten des ehemaligen Sternsinger-Präsidenten Winfried Pilz nach. Seine frühere Einsatzstelle in Düsseldorf überprüft nun das Archiv auf Hinweise. Sternsinger und Jugendhaus wurden von den Enthüllungen überrascht.

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Das Jugendhaus Düsseldorf (JHD) will seine Akten aus der Zeit von Winfried Pilz' Tätigkeit in der Zentrale der katholischen Jugendarbeit auf Hinweise auf weitere Fälle von Missbrauch überprüfen. Auf Anfrage von katholisch.de teilte ein Sprecher des JHD am Freitag mit, dass das Archiv des Jugendhauses bereits unabhängig von konkreten Fällen überprüft wurde. "Insbesondere haben wir die verfügbaren Personalakten auf Hinweise, die einen Verdacht auf sexuelle Übergriffe geben könnten, gesichtet. Dabei haben sich bisher keine Anhaltspunkte ergeben, die auf sexuelle Übergriffe hinweisen", so der Sprecher. Pilz war von 1977 bis 1983 Referent für Glaubensbildung am JHD. Da er Kölner Diözesanpriester war, gebe es im Archiv des JHD keine Personalakten von ihm. Am Mittwoch wurde durch eine Mitteilung des Erzbistums Köln bekannt, dass gegen Pilz 2014 ein Strafdekret wegen eines Missbrauchsfalls aus den 1970er Jahren erlassen wurde und es Hinweise auf weitere Fälle gibt. Das Erzbistum hatte einen Aufruf an mögliche Betroffene an den Einsatzstellen des Pfarrers veröffentlicht, Fälle zu melden.

Im Archiv des Jugendhauses lagert der musikalische Nachlasse von Pilz, zu dessen bekanntesten Werken das Neue Geistliche Lied "Laudato si" gehört. "Der weitere persönliche Nachlass ging nach unserem Kenntnisstand an das Diözesanarchiv des Erzbistums Köln", so der JHD-Sprecher. Umfang und zeitlicher Aufwand für eine neuerliche Sichtung des JHD-Archivs seien noch nicht absehbar, ebenfalls stehe noch nicht fest, ob dafür interne oder externe Kräfte eingesetzt werden. "Sollten dabei relevante Ergebnisse zu Tage treten, werden wir diese der Interventionsstelle des Erzbistums Köln melden und veröffentlichen", betonte der Sprecher.

Institutionen wurden erst vor kurzem informiert

Das Jugendhaus sei erst vor Kurzem in Zusammenhang mit dem bevorstehenden Aufruf des Erzbistums Köln zu neuen Verdachtsfällen über den 2012 gemeldeten Fall und das Strafdekret aus 2014 informiert worden. Würdigungen von Pilz anlässlich seines Todes 2019 erfolgten daher ohne Kenntnis der Vorfälle. Auch das Kindermissionswerk "Die Sternsinger", dem Pilz von 2000 bis 2010 als Präsident vorstand, wurde nach eigenen Angaben erst 2021 informiert. "Das Erzbistum Köln hat das Kindermissionswerk im September 2021 über den Fall in Kenntnis gesetzt", sagte die Leiterin der Stabsstelle Kinderschutz der Sternsinger, Susanne Brenner-Büker, am Freitag gegenüber dem Kölner "Domradio". Das Hilfswerk habe auf eine möglichst schnelle Veröffentlichung gedrängt. Zuvor habe das Hilfswerk keine Kenntnis über die Auflagen gegen Pilz gehabt, Minderjährige nicht mehr ohne die Präsenz anderer Erwachsener zu treffen.

Am Freitag wandte sich der gegenwärtige Rektor des Hauses Altenberg, Pfarrer Tobias Schwaderlapp, in einem Brief an die Öffentlichkeit. Pilz war von 1972 bis 1989 Rektor der Kölner Jugendbildungsstätte. Es falle ihm schwer, die Unsicherheit und Bestürzung auszuhalten, "die alten Erzählungen von so vielen Menschen mit diesen verstörenden Nachrichten unter einen Hut zu bekommen". Aber genau diese Erschütterung sei offenbar notwendig: "Ich bin überzeugt, es gibt keinen anderen Weg", betonte Schwaderlapp und unterstütze den Aufruf an mögliche weitere Betroffene, sich zu melden: "Wenn Sie können, helfen Sie bitte, Licht ins Dunkel zu bringen. Ich bin überzeugt, wir können an der Wahrheit nur wachsen, und wirklich wachsen können wir nur an der Wahrheit. Auch wenn diese Wahrheit schmerzt." Außerdem stehe er für persönliche Gespräche zur Verfügung.

Während seiner Zeit als Rektor von Altenberg war Pilz auch Präses des Kölner Diözesanverbands des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Das Erzbistum habe den BDKJ informiert, dass es keinen Zusammenhang der Vorwürfe mit der Tätigkeit beim BDKJ gebe, teilte der Diözesanvorstand am Mittwoch mit und kündigte an zu prüfen, wie eine angemessene Aufarbeitung im Verband aussehen könne. "Als Diözesanvorstand sind wir angesichts des konkreten Falls erschüttert, auch wenn wir damit rechnen mussten, dass es auch Täter gibt, die in unseren Reihen gearbeitet haben. Unser Mitgefühl gilt den Betroffenen aufgrund des Leids, das sie erfahren haben. Wir bewundern den aufgebrachten Mut, den es braucht, die Taten zu benennen und anzuzeigen", so der Diözesanvorstand.

Kein Vertreter des Kölner Erzbischofs bei Beerdigung, aber makelloser Nachruf

Auf Anfrage teilte das Erzbistum Köln gegenüber katholisch.de mit, dass man aufgrund der Vorwürfe entschieden habe, 2019 keinen Vertreter des Erzbischofs zur Beisetzung zu schicken, sondern lediglich in Nachrufen über den Tod von Pilz zu informieren. In seinem durch das Erzbistum verbreiteten Nachruf würdigte der Personalleiter des Erzbistums, Pfarrer Mike Kolb, Pilz als "begnadeten Prediger und tiefgläubigen Charismatiker, der in der Zeit nach dem II. Vatikanischen Konzil als Diözesanjugendseelsorger und Leiter der Bildungsstätte Haus Altenberg viele junge Menschen im Glauben inspiriert, bestärkt und begleitet hat". Hinweise auf die Taten waren in dem Nachruf nicht zu finden.

Im Kölner Missbrauchsgutachten taucht der Fall Pilz wohl als "Aktenvorgang 148" auf – die dort genannten Rahmendaten stimmen mit den durch das Erzbistum mitgeteilten Informationen überein. Aus "Gründen des Persönlichkeitsrechtsschutzes" bestätigte die Erzdiözese die Identität des Beschuldigten aus dem Vorgang aber nicht. (fxn)

3. Juli 2022, 9 Uhr: Ergänzt um Brief des Rektors des Hauses Altenberg und Stellungnahme des BDKJ-Diözesanverbands.

Aufruf an unbekannte Missbrauchsbetroffene

Die Stabs­stelle Inter­vention des Erz­bistums Köln sucht an den ehemaligen Einsatzorten von Winfried Pilz nach möglichen bislang unbekannten Missbrauchsbetroffenen. Informationen und Kontaktmöglichkeiten stellt das Erzbistum auf seiner Webseite zur Verfügung.