Standpunkt

Sommerzeit: Trotz allem ins kirchliche Zeltlager?

Aktualisiert am 21.07.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Dass Eltern ihre Kinder trotz des Missbrauchsskandals weiterhin in kirchliche Ferienlager schicken, ist ein riesiger Vertrauensvorschuss, kommentiert Dominik Blum. Die Eltern zeigten damit einen möglichen Weg aus der Vertrauenskrise auf.

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Sommerzeit ist Lagerzeit. Und so stehe ich auf dem Marktplatz, 70 Kids und ihre Eltern um mich herum, und verabschiede die Kinder und Jugendlichen mit Musik und Reisesegen ins Zeltlager. Neben mir auf dem Boden steht eine fette Boom-Box. Der kleine Kerl mit Sommersprossen und Tarnschlafsack grinst mich an. "Boah geil, hören wir 'Layla'?"

Mit dem richtigen Musikgeschmack, das üben wir noch. Manche Vereinbarungen im Lager sind aber echte Lektionen für's Leben. Ein kleiner Auszug aus den Zeltlagerregeln für die bunte Reisegruppe: "Wir gehen freundlich & respektvoll miteinander um.", "Das Eigentum der anderen ist TABU!", "Wir beschädigen keine Gegenstände mit Absicht.", "Nasse Sachen werden auf die Wäscheleine gehangen.", "Sanitäre Anlagen sauber und ordentlich hinterlassen." Wer möchte nicht, dass die eigenen Pubertiere das ganz praktisch auch mal woanders lernen als zu Hause. Und dabei noch Spaß haben und gut aufgehoben sind.

Die Betreuer*innen und Verantwortlichen im Lager schlagen sich Tage und Nächte mit Dutzenden von Kindern um die Ohren. Freiwillig. Sie sind nicht vorbestraft, sehr gut vorbereitet und haben eine JuLeiCa – eine Jugendleitercard – und damit eine ordentliche gruppenpädagogische Qualifikation. Sie geben der alten Kirche das freundliche und kompetente Gesicht junger Erwachsener und den dreckigen, nassen, müden Kindern aus der Nachbarschaft ihre Zuwendung, Geduld und Empathie. Oft kommen sie aus pädagogischen oder sozialarbeiterischen Zusammenhängen oder bereiten sich darauf vor. Was die jungen Leute davon haben? Gemeinschaft, ein Bier am Lagerfeuer, die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und bestenfalls eine gute Empfehlung der Pfarrei bei der Bewerbung für den entsprechenden Studiengang oder die Ausbildung.

Und die Eltern, die auf dem Marktplatz im großen Kreis hinter der Kinderbande stehen? Sie geben der Kirche, was in den vergangenen Jahren immer weniger selbstverständlich ist: einen riesigen Vertrauensvorschuss. Indem sie ihre Kinder trotz allem ins Zeltlager der Kirche schicken und ihr damit das Wertvollste anvertrauen, was sie haben, zeigen sie einen Weg aus der Vertrauenskrise auf. Für jedes Kind, das mitfährt, können die kirchlichen Verantwortlichen auf allen Ebenen nur dankbar sein.

"Nee, 'Layla' hören wir nicht", antworte ich dem Kerlchen neben mir und tippe in der Playlist auf "Sommerferien" von Nilsen. Anschließend beten wir um gutes Wetter, ein friedliches Miteinander im Lager und Erholung für die Eltern. Und dann: Gute Reise!

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum ist Pastoraler Koordinator in der Katholischen Pfarreiengemeinschaft Artland im Bistum Osnabrück.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.